Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-08-04
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt* Nr. 31 nachmalige Gleichgiltigkeit mit dem erregten Aufbrausen in früheren Lectürestadien vergleicht. Das ist die Entstehung der Hornhaut unter dem Einfluss von Invectiven. Auf den eisten Blick scheint so eine psychische Hornhaut ein Vorthei], ein wohlthiitiger Schild gegen Invectiven zu sein. Das ist aber falsch. Die Empfindlichkeit, das Schmerzgefühl,ist eüieSchutzeinrichtungderWesen.In den Lehrbüchern der Physiologie wird das Beispiel von dem empfindungslosen Finger citiert, der keine Schmerzempfindung kennt und Brandwunden und andere schwere Schädigungen ruhig über sich ergehen lässt, ohne ihrer gewahr zu werden. DieHornhaut über der Empfindlichkeit bewirkt-, dass man das Reagieren . verlernt. Wir sehen es ja an den Juden. Unter der Einwirkung tausendjähriger Ehrenbeleidigungen hat sich eine dicke Hornschichte gebildet, — Wie schwer sie reagieren! Erwin Rosenberger. Die Judenfrage in Amerika. New-York beherbergt zur Zeit die grösste jüdische Bevölkerung unter allen Städten der Welt. Dieses Factum ist der Grösse der jüdischen Einwanderung, welche innerhalb der letzten Decade aus fast allen Ländern Europas stattgefunden, zuzuschreiben. Nicht weniger als etwa ein Neuntel der Stadlbevölkerung (das sind 400.000) sind Juden. Diese, wenn auch nicht officiellen Zahlen beanspruchen volle Glaubwürdigkeit, denn sie stammen aus den statistischen Untersuchungen des Dr. A. S. Isaacs, der als eine Art von Censuszähler des jüdischen Volkes angesehen wird und sich bei Feststellung der oben erwähnten Zahlen grosse Mühe gegeben hat. Die auf die ganze nordamerikanische Union ausgedehnte Untersuchung ergibt nach Dr. Isaacs eine Mitgliederschaft der Synagogen in der Höhe von 1,200.000, wonach also etwa ein Drittel aller Juden des Landes sich in der Hauptstadt befindet. Die Stärke des jüdischen Elementes wächst constant und in bedeutender Progression durch die Juclenoimvanderung, die an die 100.000 Personen im Jahre beträgt. Aus Galizien strömen ganze Scharen von Juden herüber; fast ihrer 8000 landeten bloss im Monat Mai. Nicht genug damit, haben die New-Yorker Behörden Gonsularberichte erha’ten, welche die Auswanderung von vielen tausenden Juden aus anderen Theilen Oesterreich-Ungarns noch vor Beendigung des Jahres in Aussicht stellen. Der Hauptstock jedoch der heutigen amerikanischen Judenbevölkerung stammt aus Russland, und diese Ergänzungsquelle hat ihre einzige Beschränkung in den Gelegenheiten zur Existenzgründung. Durch das jüdische Quartier New-Yorks wandernd, findet man aber nicht allein russische und österreichischungarische Juden, sondern auch solche, die aus Deutschland, Rumänien, Frankreich und fast jedem Lande des europäischen Coiitineiites herübergekommen. Sie.wohnen zumeist zusammengepfercht in den schmutzigsten Quartieren der Stadt. Ihr Verständigungsrnittel ist hauptsächlich der Jargon, ihre Beschäftigungsarten sind zumeist diejenigen, welche von den „Sweatshops“*) gefordert werden, ihre Wohnungen befinden sich in elenden Mietskasernen, und ihr Leben ist ausgefüllt mit schwerer Arbeit und unglaublichen Entbehrungen, über welche sie sich nur durch innigen religiösen Glauben liinwegl rösten. Diese armen Juden sind, man kann sagen, Mann für Mann orthodox, iin Talmud bewandert, regelmässige Besucher der zahlreichen Synagogen und von unbedingter Ergebenheit gegen die Rabbiner, die sie *) Werkstätten, ln denen die Arbeiter zu unmenschlichen Anstrengungen verhalten und sehr schlecht bezahlt werden. aus ihrem ohnehin schmalen Budget erhalten. Man kann ruhig behaupten, dass von den 400.000 New-Yorker Juden dreiviertel in pecuniärer Beziehung nur wenig besser daran sind, als sie es in ihren früheren Vaterländern waren. Nur dass für sie in Amerika bessere Aussichten bestehen als anderwärts. Ein ziemlich starker Bruchtheil des jüdischen Elementes von New-York hat aber über das Durchschnittsmass reichende Erfolge aufzuweisen. In Wall Street und vielen Strassen dieser Gegend kann man auf hunderten von Firmatafeln jüdische Namen lesen. Tausende von jüdischen Namen findet man ferner über ganz bedeutenden Geschäften und Etablissements in Broadway und anderen vornehmen Strassen. Die Annoncen der jüdischen Geschäftshäuser liest man in allen Tageszeitungen. Ganz bedeutend ist auch der jüdische Besitz in liegenden Gütern. Es gibt viele schöne Synagogen, die schönste, „Temple Emanuel“, gehört einer sehr reichen Gemeinde, ln wenigstens einem halben Dutzend Theater werden das ganze Jahr Jargonstücke aufgefülirt. Hunderte von Häusern in den fashionabelsten Bezirken gehören Juden oder werden von Juden bewohnt. Kurz, man kann die Beobachtung machen, dass innerhalb der letzten zehn oder fünfzehn Jahre eine stattliche Anzahl von Juden zu Wohlstand und Reichthum gelangt ist. Was die religiösen Richtungen anbelangt, so lassen sich drei unterscheiden. Die grosse Majorität der armen Familien gehört den streng orthodoxen Kreisen an, clic für das russische Judenthum typisch sind. Die besser Situierten neigen zur Annahme eines reformierten Judenthums; und eine besondere Glasse von jüdischen Ikonoklasten begeistert sich für „ethische Gultur“. Ausserhalb dieser Grenzen gibt es aber noch Tausende von jüdischer Herkunft, die jbde Religion über Bord geworfen haben und sich ihres Unglaubens rühmen. Sie spotten über die Rabbiner, die Synagogen, die heiligen Bücher, die Traditionen und Gewohnheiten des alten Judenthums. Merkwürdig ist es aber, dass selbst diese Ultra-Ungläubigen sich nicht aller Spuren des Ererbten ents oblagen. So z. B. rief einer der Häuptlinge dieser Gruppe vor nicht langer Zeit den Rabbiner und liess seinen eben geborenen Sohn in den Bund Abrahams aufnehmen. Für diesen Rückfall wurde er von einigen Ünglaubensgenossen verspottet, von denselben, die vorkommenden Falles gewiss dafür Sorge tragen werden, den alten Brauch auch innerhalb ihrer Familien l'ortzuerlialten. Es ist ein oft beobachteter Zug, dass viele Juden, die sich dessen rühmen, sich von Moses abgewendet zu haben, gleichwohl einigen von seinen charakteristischesten Geboten Folge leisten. Die Juden New-Yorks sind auf dem Wege, in der Politik, in der Finanz, im .Gesetz- und Beamtenwesen, in Handel und Industrie, sowie im allgemeinen Leben der Oeffentliclikoit eine Rolle zu spielen. Ihre Erfolge verdanken sie nicht zum mindesten ihrem besonderen, selbstbeherrschten Charakter, der zweifellos ein Product vieler Geschlechter ist und dessen Einfluss überall deutlich erkannt wird. Mit nicht genug starkem Nachdrucke kann die Thatsache betont werden, dass der a n t i s e m i t i s c h c Geist, der im continentalen Europa bereits soviele Verheerungen angerichtet hat, sich nunmehr auch in Amerika zu entfalten beginnt. Nicht wenige von den Juden, die im East- Ender Ghetto und gewissen entlegenen Bezirken wohnen, sind oft genöthigt, den Schutz der Polizei und der Gerichte gegen die Judenfeinde anzurufen. Sie beklagen sich darüber, dass antisemitische Gassenjungen sie belästigen, schlagen, mit Kotli he-