Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 31 (4.8.1899)
- Article
- Gespräche über den Zionismus aus dem Haag
- Date
- 1899-08-04
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ..die $ Welt“ M. M v Dass er sich im Princip mit den Zielen des GzUrenmanifestes eins fühlt, auch das kann ich, nach allem was er sagte und wie er es sagte, bestätigen. Und was die vorhergesagte, erfolgreiche Vorsitzführuhg betrifft, so hat sie sich bewährt. Wir wissen hUchGV dass die dritte Commission ihre schwierige Arbeit glücklich zu Ende geführt hat, dass ein ständiger Schiedsgerichtshof ins Lehen tritt. „Der Appell an dieses Tribunal ist aber nicht obligatorisch erklärt' worden“ — sagen die kritischen Gegner — „das Ganze ist also ein Trug, denn facultativ war es ja bisher auch — jeder Streit konnte, wenn man wollte, vor ein Schiedsgericht gewiesen werden.“ Ganz richtig; das Schiedsgericht war aber nicht schon d a, nicht zur bequemen Benützung bereit, musste erst eigens ernannt werden und lag der öffentlichen Meinung und den Regierungen überhaupt ganz fern. „Wenn der Staat eine Eisenbahn baut“ — bemerkte das Haag sehe „Dagbladd“, so erklärt er deren Benützung auch nicht für obligatorisch. Ist die Linie verkehrsfördernd angelegt, erweist sie sich als nützliches, angenehmes und wohlfeiles Reisemittel, so wird das Publicum schon freiwillig auf dieser Eisenbahn fahren.“ Damals — es war der 12. Juni — hielt man noch nicht so weit: Die Linie war noch nicht traciert. Aber Bourgeois war voll Zuversicht: „Wir werden etwas zustande bringen, und mehr, als wir selber hofften.“ Natürlich kam das Gespräch wieder bei der „Affaire“ an. „Es ist mir unfasslich,“ meinte ich, „wie jetzt gegenüber der Evidenz die Antirevisionisten noch immer bei ihrer Meinung bleiben und wie überhaupt Menschen, die doch sonst Verstand und Herz haben, sich in so ungerechte und harte und, man kann sagen, brutale Haltung verrannt haben!“ Bourgeois erklärte das so: Aller Ehrgeiz der Menschen gipfelt in dem einen Bestreben : „plaire ä ses pairs“, nämlich es denen recht zu thun, zu denen man gehört. Jeder Stand, jede Gesellschaftsclasse, jede Bildungskategorie hat ihr verschiedenes Jugendideal — das ist das Geheimnis des Corpsgeistes. Ueberall liegt einem niu* an dem Beifall, an der Achtung der Gesinnungsgenossen. „Der ganze Process hat seine Quelle doch zumeist im Antisemitismus“, bemerkte ich. „ Was sagen Sie zu diesem?“ Bourgeois antwortete nur mit einem Wort, in leidenschaftlichem Tone : „Abominable!“ „Ist Ihnen bekannt, dass es eine Bewegung gibt — sehen Sie, unser Tischgenosse drüben — er kann uns nicht hören, er ist in's Gespräch vertieft — steht an der Spitze — — eine Bewegung, durch welche sich die Juden der Verfolgung entziehen wollen-— „Der Zionismus“ unterbrach Bourgeois — „gewiss ist mir der bekannt. Man muss ihn ermuthigen. Denn —“ Und Bourgeois fuhr fort, mir mit Feuer die Gründe auseinanderzusetzen, aus welchen, seiner Ansicht nach, die Bewegung unterstützt werden solle. Die volle Assimilation — nach langen Zeiten zwar nicht unmöglich, liege noch in zu weiter Ferne; bis dahin müssten noch, wenn sie sich nicht losreissen, zu viele Individuen leiden. „Das Individuum ist doch überall die Hauptsache — Allgemeinheit ist nur ein abstracter Begriff . . . Bis jetzt ist die Judenbeit noch zu sehr charakteristisch von den Uebrigen verschieden, als dass sie unbemerkt sich amalgamieren könnte. Sowohl an ihren Fehlern, wie an ihren hervorstechenden Tugenden erkennt man sie. Verschiedenheit bedeutet nicht Minderwertigkeit -- niemand^ soll es sich gefallen lassen, wegen seiner Zugehörigkeit zu: .dieser oder jener ethischen Gruppe insultiert zu werden. Zionistsein, heisst:, gegen den Antisemitismus Front machen. Und mehr noch fast, als die Juden, wird die übrige Bevölkerung durch den Judenhass geschädigt — er ‘wirkt verrohend, er wirkt kulturhemmend, namentlich hemmt er die Verwirklichung der Ideale, in deren Namen wir im Haag versammelt sind . .. Freilich dringt die Gultur nach und nach doch alle ihre Aufgaben zuwege — sie hat ja die endlose Zeit vor sieh. — .aber um was es sich bei aller Wohlfahrtsthätigkeit handelt, dass ist die Beschleunigung des Fortschritts .— darum willkommen alle frische, kühne Bethätigung der Energie! Von einer neu zusammengeschlossenen Nation, die sich zu bejahen wagt, und die aus so intelligenten, erwerbsklugen und talentvollen Elementen zusammegesetzt ist, Hiesse sich eine Bereicherung der allgemeinen Gulturarbeit erhoffen und dem Antisemitismus wäre sein Hauptactionsfeld entzogen, das Hauptobject seiner Schmähungen — nämlich „ein versprengtes Volk“. Ich bleibe dabei, man soll den Zionismus eneouragieren.“ „Sie vergessen ( eines rin, Ihrem Pläidoyer. Es handelt sich, vor allem,-Bedrängten und Unglücklichen Hilfe, rasche Hilfe zu bringen.. ...“ „Natürlich — dies in erster Linie. Das ist aber selbstverständlich — ich wollte nur diejenigen Seiten der :Frage beleuchten, die entfernter liegen, nur 1 solche Argumente Vorbringen, die man bestreiten könnte. „Selbstverständlich — naheliegend; ach, das ist's, was gewöhnlich am schwersten verstanden, am wenigsten beachtet wird!• Wenn *man über Zionismus1 debattieren hört, so bekommt man alle möglichen philosophischen und socialpolitischen Dinge zu bedenken, dass aber hunderttausende von armen Menschen, die im tiefsten Jammer schmachten, gerettet werden können — werden müssen: daran denkt man nicht.“ „In der Thai Am häufigsten wird, und besonders in unseren dem Chauvinismus abholden Kreisen, das folgende Argument vorgöbracht: Seien wir froh, dass wir in den Juden ein kosmopolitisches Element besitzen, dass die Gelehrten und Künstler und Denker unter ihnen ausserhalb der nationalistischen Ideen wirken und schaffen. -- „— — Als ob alle Juden nach Palästina gehen •müssten, unterbrach ich — wenn es für die Verfolgten unter ihnen eine Zufluchtsstätte gäbe!“ „Das Argument ist noch' nach anderer Richtung falsch“, versetzte Bourgeois. „Mankönnte hoffen, dass die humanitär-kosmopolitischen Ürincipien, die einer! Theil der Judenschaft beseelen, zum Allgemeingut werden keimten, wenn die Juden stark und zahlreich genug wären, um die anderen zu absorbieren; das ist aber nicht der Fall“. „Gewiss. , Und um mit Nachdruck Kosmopolit sein zu können, d. h. zu erkennen, dass die Interessen der Menschheit die Interessen des Vaterlandes überragen, oder vielmehr in sich begreifen, muss man —“ „Muss man vor allem ein Vaterland haben“, ergänzte Bourgeois. „Beklagenswert ist es, dass jetzt in Frankreich die Presse eine >so hetzerische Rolle übernommen hat, nämlich jene Presse, die das Volk liest .. . “ „Das ist nicht so: schlimm. Nirgends .liest das Volk — namentlich die Arbeiter — so viel Zeitungen, wie bei uns — aber m a n g 1 a u b t, n 1 c h t an si^ : Der französische Arbeiter kauft rin , Blatt,, liest os, , „blaguiert“ es, schwört aber nicht darauf .Beim,Sinn.;