Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 30 (28.7.1899)
- Article
- S. A. Weiss
- Date
- 1899-07-28
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die H Welt“ Nr. 30 aus dem castalischen Quell, sondern aus der — 1 Schnapsflasche trinkt“, gieng er den Dingen auf den Grund. Er war eben ein psychologischer Wurzelgräber, ein Dichter und Denker in einer Person — ein Dichter und Denker, dem nichts Menschliches fremd war. Das Leben und Schaffen unseres Dichters, welcher leider im Alter von 37 Jahren von hinnen gegangen ist, erklingt wie ein hohes Lied der reinen, lauteren, uneigennützigen Liebe. Er war ein moderner Hiob, er hat des Lebens bittere Schale fast bis auf die Hefe geleert, denn ein jahrelanges Siechthum war sein Los, und nicht genug daran, musste er den Erben seines Namens in die Grube fahren sehen; gleichwohl blieb er wie eine Wettertanne aufrecht und ungebrochen. Er fiel nicht dem Pessimismus anheim, er murrte und grollte nicht, denn er lebte und webte in dem Unendlichen. In Gott aufgehend, rang er sich aus schweren, quälenden Schmerzen und heran dunkelnder Todesnoth zu der heiteren Ruhe des Weisen, zum amor Dei inte llcctualis empor. So war er bei aller Zartheit ein 1 Hehler des ewig Männlichen. Seine Lyrik gemalmt unwillkürlich an die herrlichen Verse Ferdinand von S a a r s, welcher der Lyrik zugejubelt: Du aber, athmend reinster Empfindungshauch, Folgst in sanfeen Rhythmen Willig dem Geist Und lenkst ihn zuletzt, Da Du Worte hast für das Unsagbare, Siegreich hinan zu ahnungsvollster Erkenntnis. Und wie Du der Freunde Höhen Als leuchtendste Rose schmückst, Blüh’st Du auch, sehwermuthsvoll, Als Passiflore hervor Aus den Abgründen des Lebens. Mit Freude hegrüssen wir es daher, dass die Gedichte unseres Märtyrers endlich unter Dach und Fach gebracht sind. Sie sind vor kurzem in der deutschen Verlagsanstalt „Concordia“ zu Berlin erschienen. Mit Stolz kann seine Witwe, die sie herausgegeben und ihnen ein kurzes, aber vielsagendes, ein schlichtes, aber ans Herz greifendes Vorwort voran geschickt hat, auslufen : Mein unglücklicher Gälte ist nicht ganz gestorben, er hat seine Auferstehung gefeiert. Wir Juden haben besonders Grund, uns seiner Auferstehung zu freuen, denn er war auch ein jüdischer Dichter. Er liieng mit Begeisterung an seinem angestammten Glauben, er war mit allen Fasern und Fibern seines Geistes und Gemüthes mit demselben verknüpft und verwachsen. Manche seiner Gedichte athmen den frischen uncl erfrischenden Erdgeruch des Judentlimns, das er mit ganzem Herzen und ganzer Seele liebte. So das lief empfundene Gedicht, welches dem Manne gewidmet ist, der uns als die Verkörperung der unvergleichlichen, erhabenen jüdischen Ethik entgegentritt — dem wegen seiner Weisheit und seiner ausserordentlichen Tugenden sprichwörtlich und vorbildlich gewordenen Ilillel, dessen ganze Lehre eine hohe Schule der sittlichen Reinheit und der in seligem Drange die ganze Menschheit umspann-mden Liebe war, in der das Beste, was Christus lehren konnte, sich schon vorfand. Weihevoll beginnt er also : Im Mcjrgenlande lebte einst ein Weiser, Ein stiller Meister, ein Prophet der Liebe, Der Sanffcmuth und der Duldung frommer Lehrer. Zu seinen Füssen sassen ernst und schweigend Von Nah’ und Fern die vielgetreuen Schüler, Den süssen Worten seines Mundes lauschend, Dem mild und klar der Weisheit Born entströmte. Da horchte jeder sinnend auf und suchte Des Meisters Wort ins offne Herz zu fassen, Damit von dannen er gebessert wandle. Und besser war er schon, wenn er empor nur In dieses Weisen edle Züge blickte, In dieses Antlitz, voll der reinsten Güte, Der Herzenseinfalt und des Seelenfriedens, Das ehrfurchtsvoll im Schmuck des weissen Bartes, Im Schmuck der greisen Silberlocken prangte. Versöhnung war des Meisters ganzes Wesen, Und wenn er sprach, da leuchtete sein Auge, Sein Angesicht war wie verklärt vom Scheine, Vom ros'gen Abglanz höh’rer Himmelwonne: So glich er fast dem Seher aus d^r Vorzeit. Und wie bestrickend lässt er den grossen Meister, in dessen Spuren er selbst wandelt, über die Liebe sprechen: Es steht geschrieben: Liebe Deinen Nächsten! Doch wie? Wie sollst Du Deinen Nächsten lieben? Du sollst ihn lieben, wie Dich selbst, so heisst es. Nun fragt Ihr wohl: Wer ist denn~unser Nächster? Ich sage Euch: Wer Eu’rer Bruderhilfe Bedürftig ist, und der auch, dessen Wunden Zu heilen Ihr vermöget, zu verbinden. Und heilig sei Euch Eures Nächsten Leben Wie Euer eig’nes, da der Mensch vom Ew’gen Geschaffen ward in seinem Ebenbilde: Drum sündigt der, der wider seinen Bruder Die Hand erhebt und Böses von ihm redet, An Gott und seinem Werke, das sein Eigen. Im Geiste Gottes sind wir alle Brüder, Ein Herz, ein Fleisch, e i n Blut und eine Lehre Ward allen Menschen als ihr Theil gegeben, Das Gottesreich auf Erden zu begründen. Wie eine Offenbarung des jüdischen Genius dringt es an unser Ohr, wenn Weis s’ Geistesheld seine Lebens- und Weltanschauung in markigen, zündenden, goldenem Worten kündet. Wer den Schatten Hi 1 leis in solcher Weise heraufzubescliwören vermag, der ist zweifellos ein guter, ehrlicher, warmherziger Jude, um es mit einem Worte zu sagen, ein Vollblutjude. W eiss versenkt sich mit Vorliebe in den Weisheitsschatz des Judenthums, dessen Gestalten auf ihn in den letzten Jahren seines Lebens die stärkste Anziehungskraft ausübten. Der erste Mord, von welchem das Buch der Bücher erzählt, gab ihm das schaurigschöne Gedicht „Der Tod Abels“ ein, dessen Leitmotiv darin gipfelt, dass die Sittlichkeit die Uebereinstimmung des Menschen mit sich selbst und den Gesetzen der Natur ist. Dem Titanen Byron dichtete er das Wunder der Niederlage des Assyrerkönigs Sanherib nach, er stimmte in dem grosszügigen „Satan“ einen Hymnus auf die jüdische Moralphilosophie an, welche den Dualismus zwischen dem guten und bösen Principe, zwischen Gott und dem Satan überwindet, und übertrug einige Psalmen in moderne poetische Formen, welche den ewigen Reiz dieser Dichtungen mächtig wiederstrahlen. Die vulcanisclie Glut, welche die treffliche Nachdichtung des 137. Psalms „An den Wassern Babels“ ausströmt, die stürmische, überquellende, heisse Sehnsucht nach Zion, welche sie durchzittert, macht uns nachdenklich und stimmt uns zu tiefer Trauer um den frühen Heimgang unseres Dichters. Der Sänger, welcher solche Töne seiner Leier zu entlocken verstand, hätte sich unfehlbar zum Dichter der zionistischen Bewegung ausgestaltet. Wie in der Wüste einst die Feuersäule unser Volk geleitet, so wäre er ihm vorangewandelt und hätte cs leuchtend aufwärts zu den Höhen geführt, wo die männliche Kraft zu der männlichen That reift. Mögen die Zionisten darum ein Todtenreis auf das Grab, in welchem seine irdischen Ueberreste gebettet sind, legen und sein Singen und Sagen in Ehren halten! Seine Gedichte sollten in keinem jüdischen Hause fehlen. B. Jacobs. Briefkasten. Heinrich Reif: Wir bitten um nähere Angabe der Adresse. Elma. DD beiden Schriftsteller sind nicht identisch. Herausgeber: P. Ntfsohausr. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei „Industrie* (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11