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Die Welt · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Article
Eine jüdische Original-Oper [Rezension]
Date
1899-07-28
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 30 „Die H Welt“ Seite 15 Sensations-Dramen und Boulevardstücken lebt. Die letzte grosse Errungenschaft dieses Musentempels war ein gewaltiges Dreyfusdraina? das während der ganzen verflossenen Saison das Theater täglich füllte. Aber heuer war der Director in arger Verlegenheit, und so kam er auf die Idee, eine solche Jargon-Op er ins Ungarische übersetzen und für seine Bühne adaptieren zu lassen. Dass der sensationsbedürftige Director aber gerade auf ein Kunstwerk stress, hätte er sich wohl nie träumen lassen. Aber es ist so. „Sulamith“, lyrisch-romantische Oper in 4 Acten von Isidor O oldfad e n, Musik von Emanuel D a v i d s o h n. welche seit Wochen täglich in dem genannten Theater gegeben wird, ist ein Kunstwerk.. Man kann sich von der Eigenart dieser Musik schwer eine Vorstellung machen. Es handelt sich nicht etwa um eine Oper im Stile der „Königin von Saba“ oder der „Jüdin“, das sind Errungenschaften einer europäischen Cultur, Davidsohns „Sulamith“ . aber ist eine Oper, deren Musik zweifellos alttestamentarischen Ueherlieferungen entstammt, wenigstens hat sie mit der Musik der genannten Opern nur wenig gemeinsame Züge. Schon der Text ist ungemein charakteristisch, Die Art und Weise, in der die verschiedenen Motive der bekanntesten Operntexte der verflossenen Opernperiode kunterbunt durcheinander gemengt sind, ist specifisch jüdisch. Wie in so vielen Opern, handelt es sich hier um den Mann, der zwischen zwei 'Frauen steht. Absalon, ein Makkabäer- Jüngling, rettet Sulamith vor dem Ertrinken. Bei dieser Gelegenheit verliebt er sich in sie und schwort ihr sofort — ein echter Operntenor -- ewige Treue. Sulamith acceptiert diese, aber da nach jüdischem Gesetze ein Schwur ohne Zeugen ungiltig ist, ruft sie als solche den Brunnen an, aus dem sie soeben gerettet wurde, und eine zufällig vorbeischleichende Wildkatze. Die beiden vereinigen sich hernach zu einem inbrünstigen Liebesduett, und der Vorhang fällt. Im zweiten Acte befinden wir uns in Zion. Unser Held lernt hier Abigail, die Tochter des Oberpriesters, kennen, und ohne erst einen Vergessenstrank oder sonst ein Zaubermittel Wagner'sch er Provenienz zu gemessen, vergisst er Sulamith und gesteht Abigail ebenfalls seine Liebe. Glück hat er einmal bei den Weibern; er wird auch hier gut aufgenommen, und da in der Person seines künftigen Schwiegervaters gleich ein Priester zur Hand ist, so werden die beiden ein regelrecht getrautes Paar. Darob wird die in der Einsamkeit auf den Geliebten harrende Sulamith wahnsinnig (Wahnsinns-Arie). Aber auch Absalon ist nicht glücklich, seine beiden Kinder sterben im zartesten Alter, das eine fällt in einen Brunnen, das zweite wird von einer Wildkatze gefressen. Diese rasch aufeinanderfolgenden Ereignisse wirken auf ihn niederschmetternd, und er entdeckt seiner Frau das Geheimnis seines gebrochenen Schwures. Die Folge davon ist, dass Abigail ihren gottlosen Gemahl verlässt und erklärt, sein Verbrechen könne nur gesühnt werden, wenn er in die Wüste zurückkehre und Sulamith suche. Er folgt diesem Käthe und findet auch die verlassene Geliebte. Diese wird bei seinem Anblicke sofort (!) geheilt, und die beiden werden ein glückliches Paar. Ueber das Schicksal Abigails verlautet in dem Textbuche des Herrn Goldfaden nichts weiteres. Man sieht, in welcher merkwürdigen Weise die einfachsten Dinge mit den raffiniertesten Auswüchsen eines Librettistengehirnes wechseln. Der Schwerpunkt der Oper liegt natürlich in der Musik. Man kann ruhig sagen, dass in der ganzen bisherigen Opernliteratur etwas Aehnliches bisher noch nicht da war. Unwillkürlich wird man an jene alten Tempelgesänge erinnert, wie man sie heute nur noch in kleinen orthodoxen Synagogen zu hören bekommt. Das "Wesen dieser Musik liegt in den ganz eigenartigen Rhythmen und Harmonien, sowie in der auf ein die moderne Musik gewöhntes Ohr ganz fremd wirkenden. Melodik. Hat man sich aber einmal mit dem Exotischen befreundet-, so findet man, dass diesen altjüdischen Gesängen eine merkwürdige Kraft, den Tänzen* eine weiche und milde Grazie innewohnt. Lied und Tanz wechseln miteinander ab, hie und da finden sich auch Duette und Quartette, sogar regelrecht ausgewachsene Ensembles kommen vor. Leider existiert kein Clavierauszug, der gestatten würde, die bei der Aufführung flüchtig gewonnenen Eindrücke durch nachträgliches Studium zu fixieren. Ein genaueres Eingehen auf die Musik ist daher unmöglich. Vieles würde dann in einem anderen Licht erscheinen, als hei der ersten Aufführung. Auffallend ist der ungewöhnliche Keichthum der Musik, jede Nummer bringt Neues, und Originelles, ohne dass man etwa durch Einförmigkeit des Localcolorits im Interesse für die Sache ermüden würde. Aber nicht nur im rein Melodischen und nicht nur im exotischen Rhythmus liegt der Reiz dieser Musik. Sie entbehrt auch nicht einer gewissen dramatischen Ausdrucksfähigkeit, die sich umsomehr steigert, je grösser die Anforderungen werden, welche die Situation eben stellt. Selbstverständlich ist, dass eine derartige vollständig naive Musik auf den Text angewiesen ist und dort nachlässt, wo der Librettist den Componislen ' im Stich lässt. Da das aber bei Herrn Goldfaden ziemlich häufig der' Fall ist, so ist die Musik nicht überall gleichwertig, nicht durchwegs auf der Höhe. Bei allen dramatischen Anläufen besass sie ihre Hauptstärke im lyrischen und vor allem im nationalen Element. National ist die Musik in demselben Sinne, wie etwa die zu Smetana’s „Verkaufte Braut“. Beide sind eben dem Urquell des Volkes entnommen. Die Idee des Theaterdirectors, diese merkwürdige Oper aufzuführen, hat sich auch vom geschäftlichen Standpunkt ausserordentlich rentiert. Das Theater ist täglich ausverkauft, denn ganz Budapest lässt sich diese exotische Sensation nicht entgehen. Vom künstlerischen Gesichtspunkte aber wäre es jedenfalls richtiger gewesen, die Oper statt in einer Uebersefczung im Originale vorzuführen. Freilich-wäre sie bei der heutigen Zeitströ-mung in Gefahr gekommen, entweder verlacht oder ausgezischt zu werden. Ich glaube aber, dass ihr künstlerischer Gehalt stark genug gewesen wäre, diese Gefahr zu übertauchen. Felix Adler. 8. A. Weiss. Unsere Zeit ist rait Lyrikern überreich gesegnet. Aber wie wenige gibt es unter ihnen, die aus sich selbst schöpfen, die ein eigenes, charakteristisches Ich haben, die ihren Massslab lediglich in sich selbst finden! Der Wenigen einer ist der Marin, dessen Name an der Spitze dieser Zeilen prangt. Er war eine ausgesprochene, festgeprägte Persönlichkeit. Er war kein Herdenmensch, kein Mann der Schablone, er duckte sich nicht vor den Schrullen der Närrin Mode, weiche schofles Messing frech zum Golde stempelt, er schloss sich keiner Schule an, sondern wandelte selbstherrlich seinen eigenen, von ursprünglicher Kraft und ernster Schönheit umsäumten Weg. Nie war sein Streben darauf gerichtet, durch schimmernde und schillernde, durch leicht, sich einschmeichelnde Weisen raschwelkende Kränze der Volksgunst zu erhaschen; nie geizte er nach Ruhm und Beifall, wohl aber erfüllte ihn des Mannes höchster Stolz, sich von Verständigen verstanden zu sehen. Er hat nichts mit den blutarmen Dichterlingen gemein, deren Kunst die Natur vermissen lässt und Farben malt, nicht Leben. Eine unüberbrückbare Kluft trennt ihn aber auch von den Dichtern, bei denen die Natur die Kunst überwuchert. Weit entfernt davon, an der Oberfläche haften zu bleiben und sich dem Naturalismus in die Arme zu werfen, dessen Muse, wie er in einem Sinnspruch schneidig bemerkt, „nicht

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