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Die Welt · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Article
Hull (England) [Nachricht]
Date
1899-07-28
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 „Die sjs Welt“ Nr. 30 England. Hüll (England), ln der Centralsynagoge von 1 lull fand unter Vorsitz des Mr. J. Hi tu er aus Grimsby ein Meeting statt, das die Gründung eines zionistischen Vereines beschloss. Afrika. Johannesburg. Richter Kode veröffentlicht eine Erklärung, worin es heisst, dass den Beschwerden der Tiansvaaler Juden Folge gegeben werden muss, weil die Majorität der Bevölkerung die Gerechtigkeit der jüdischen Ansprüche anerkennt. Allerlei Nachrichten. Wie schlecht das Geschäft bei den Missionsgesellschaften geht, trotz der immensen Vortheile, die sie den Convertiten bieten, ersieht man aus einem Vorfall, der sich letzthin in Edinburgh abspielte. Dort machte die Gesellschaft bekannt, dass es ihr gelungen, einen Mann zu bekehren, der der altjüdischen Aristokratie der Priester angehöre, mit Namen Pinchas. Bald fand sich auch jemand, der auf den Penny genau zu wissen vorgab, wieviel Pinchas für seinen Uebertritt erhalten. Und nun kommt von dem Bekehrten eine Richtigstellung, worin derselbe erklärt, dass an der ganzen Geschichte kein wahres Wort sei. Schon seit zehn Jahren sei er aus dem Judenthum ausgetreten, seit sechs Jahren sei er Freidenker, am allerwenigsten aber habe er sein Judenthum für Geld verkauft. * ln Hamburg soll mit einem Kosten auf w ande von einhunderttausend Mark das jüdische Altenhaus eine Erweiterung erfahren, zu dessen Deckung nicht nur der angesammelte Baufonds, sondern auch der Capitalfonds herangezogen werden muss. Man hofft durch freiwillige Spenden letzteres unnöthig zu machen, damit nicht durch den Minderertrag der Zinsen die Zahl der aufzunehmenden Kranken eingeschränkt werde. * Am 14. d. M. starb in Berlin Frau Jeanette Schwerin, Gattin des Samtätsrathes Dr. Ernst Schwerin. Die Verstorbene hat sich nicht nur um die Berliner Wohlfahrtspflege grosse Verdienste erworben, sondern sie gehörte auch zu den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung. Vor allem aber war der Reorganisation der Armenpflege ihre Thätigkeit gewidmet. Sie gründete in der „Gesellschaft« für ethische Cultur“ die Auskunftstelle, wo alle Hilfsbedürftigen über die Berliner Wohlfahrtseinrichtungen sich unterrichten konnten. Auch als Schriftstellerin war die Verstorbene Ihätig. Mit Stolz rühmte sie sich ihrer Abstammung von Don Isak Abarbanel. Ihr Vater war der bekannte Arzt Abarbanel. * Juden und Protestanten, d. h. Rabbinern und evangelischen Priestern ist der Eintritt untersagt — in Riga nämlich. Das musste jüngst der Stockholmer Rabbiner, Professor Dr. Klein, erfahren. Er wollte mit dem dortigen evangelischen Prediger eine kleine Vergnügungsreise nach Riga unternehmen, als ihm noch rechtzeitig vom Consulate die diesbezügliche, oben angedeutete Mittheilung zugieng, wodurch Dr. K1 e i n veranlasst wurde, die Vergnügungsreise aufzu geben. * In Ungarn gab es im Jahre 1897 16.951 Volksschulen, darunter 13.430 confessionelle und unter diesen 5*28 jüdischer Confession. Unter 7003 Schulen mit gemisch er' Sprache, ungarisch und deutsch, sind nur 26 jüdische, während in 502 Schulen nur in ungarischer Sprache unterrichtet wird. Unter 1427 jüdischen Lehrern ist nur einer, der des Ungarischen nicht mächtig ist. Der neuerschienene Band 120 der Statistik des deutschen Reiches constatiert wiederholt die Thatsache, dass alle diejenigen Vergehen, welche man gerade den Juden zum Vorwurf macht, bei diesen spärlicher Vorkommen. Es handelt sich hauptsächlich um Meineid, Wucher, Hehlerei, Betrug, Bankerott etc. Am letzten Sonntag fand in Cöln die Einweihung des vom „Verein zur Verbreitung und Förderung des Handwerks unter den Juden" erbauten Lehrlingsheims statt, bei welcher Gelegenheit sowohl vom Rabbiner, Dr. Frank, wie vom Vereins Vorsitzenden und dem ersten Vorstände der Synagogen - Gemeinde, Ansprachen gehalten wurden. Ein Pensionshaus des Vereines befindet sich in Düsseldorf. Das abgelaufene Jahr ist das 19. seit dem Bestehen des V ereines. * In Algier zieht die französische Regierung die Zügel straff an! Sämmtliche antisemitischen Versammlungen worden verboten und die Bevölkerung verhält sich seltsamerweise ruhig, anstatt, wie früher, zu randalieren. Auch die durch Demonstrationen veranlassen Einschüchterungsversuclie der Richter haben aufgehört, so dass die Verurtheilungen des antisemitischen Mobs in regelmässiger Weise . vor sich gehen. * In der juristischen Facultät zu Algier fielen fast sämmtliche Preise Juden zu. Man sieht, dass das Radaumachen doch zu etwas gut ist. Die antisemitischen Studenten machen Scandal und die jüdischen — lernen. * Wie dem „Israelit" aus Sana im Yemen berichtet wird, soll dortselbs! ein englisches Consulat errichtet werden, das erste Consulat überhaupt. Dadurch hofft man, dass die Welt auf die fortwährenden Uebergriffe der Araber, namentlich den Juden gegenüber, aufmerksam .gemacht und die türkische Regierung veranlasst wird, ROnedur eintreten zu lassen. Der Schauplatz einer herzlichen Ovation ward am 23.1. M. die Wohnung des Rabbiners Herr Israel Weis in Eidlitz. Es hatte sich daselbst eine Deputation der Komotauer jüdischen Gymnasiasten und Abiturienten eingefunden, um dem geliebten Lehrer zum Abschied von der Stätte seines langjährigen, verdienstvollen Wirkens einen silbernen E h r o n b e c h e r zu überbringen. Herr stud. jur. Maximilian Fleischer hielt eine kurze Ansprache an den Jubelgreis, in welcher er die segensreiche Thätigkeit desselben hervorhob und die Dankbarkeit der Gymnasiasten zum Ausdruck brachte, worauf Herr stud. med. Ernst Neubauer den Becher überreichte; in der Dankantwort entwickelte sodann der achtzigjährige Jubilar eine Beredsamkeit, die ein glänzendes Zeugnis von seiner geistigen Frische und Tüchtigkeit als Redner abgab. Zu bemerken ist, dass Herr Rabbiner Weis, der bereits sechzig Jahre als Lehrer wirkt, seit dem Beginn der jüdisch-nationalen Bewegung wiederholt seinen Schülern gegenüber für den Zionismus Stellung genommen. Der Berliner Verein für jüdische Feriencolonien hatwachsende Erfolge aufzuweisen. Alljährlich werden 400 Kinder in die Erholungsstätten gesandt, und in diesem Jahre arrangiert er für die zahlreichen zurückgebliebenen armen Kinder allwöchentlich Ausflüge ln die Umgebung Berlins. Dieselben finden per Bahn oder per Dampfschiff statt, die Kinder erhalten Kaffee, Kuchen, sowie Abendbrod und werden mit angemessenen Spielen, unterhalten. Die hierbei gesammelten Erfahrungen sind derart günstige, dass im nächsten Sommer die Einrichtung ei lieblich erweitert werden soll.

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