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Die Welt · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Article
Der Zionismus und die Judenwanderung
Date
1899-07-28
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Seite 8 „Die A Welt“ Nr. 30 Der Zionismus und die Judenwanderung.*) Von Ben-David. (Schluss.) ‘ Zionistisch ist also Palästina vorläufig eine „Insel“^ ausser der noch allenfalls Mesopotamien als Colonisationsgebiet für Juden in Betracht kommen kann. Mesopotamien aber, abgesehen davon, dass es uns gegenwärtig ebenso verschlossen ist, wie Palästina, ist mit seinem nächsten Punkte noch immer circa 50 Kilometer weiter von Palästina entfernt, als der entfernteste Punkt von Cypern. Zudem — und das kann nicht oft genug betont werden — Cypern ist zu haben — heute! Nicht als eine spontane Idee und nicht leichtsinnig wird diese Anregung vor das zionistische Publicum gebracht, sondern auf Grund eingehender Studien und reiflichster Ueberlegung. Und will denn der Zionismus von heute etwas wesentlich anderes? Ich war bis zu diesem Punkte gelangt, da fiel mir ganz zufällig ein Auszug einer Rede in die Hände, die Dr. G a s t e r in Cambridge gehalten hat. Die „Jewish World“, das officielle Organ der englischen Zionisten, bringt die Erklärung des Dr. Ga st er in folgender Fassung: „Das gegenwärtige Programm der Zionisten beschränkt sich darauf, in Palästina ein rechtlich gesichertes Heim zu finden für diejenigen Juden, denen anderwärts das Leben unmöglich gemacht wird.“ Dies sind die wandernden Juden. Wenn hier von dem „gegenwärtigen Programm“ die Rede ist, so wird doch niemand argwöhnen, dass dahinter für die Zukunft andere Ziele verborgen sind, sondern nur der natürliche Ausbau, die selbstverständlichen Folgen dieses Programmes. Juden werden da Zusammenkommen von den vier Enden , der Welt — was ist natürlicher, als dass sie zur Sprache der Väter zurückgreifen werden, um sich untereinander zu verständigen. (Dass sie zum Verkehr mit den Völkern auch die Weltsprachen hervorragend pflegen werden, versteht sich von selbst.) Juden werden da Zusammenkommen auf dem Boden der Väter, wo jeder Schritt breit Landes ihnen die alte Geschichte ihres Stammes ins Gedächtnis zurückrufen muss — was ist natürlicher, als dass ihnen der Sinn für die Schönheit der jüdischen Vergangenheit neu aufgehen wird? Kann es denn Juden geben, die ein Neu-Aufblühen der jüdischen Cultur ungern sehen würden? — Ist doch keiner unter ihnen, der geistig über das Mittelmass hinausragt und dieses Hinausragen nicht zurückführen muss auf das Mass jüdischer Cultur, jüdischer Gei stesei gen schäften, die seine Väter auf ihn vererbt haben-. Darüber besteht doch zwischen den Zionisten und ihren bisherigen Gegnern keine Meinungsverschiedenheit. Ich kann immer nur von bisherigen Gegnern sprechen. Nur Missverständnisse stehen einer allgemeinjüdischen Anerkennung der zionistischen Tendenzen noch entgegen. Je näher wir der Ausführung — dem Beginn der Action — kommen, umsomehr nähern wir uns den bisher Abseitsstehenden, denn umsomehr haben wir das Ucbertriebene, das Unmöglich-Klingende zu verlassen. hn Grunde genommen existiert ja dieses Uebertriebene und Unmöglich-Klingende nur in der Phantasie — der heutigen Gegner ebenso wie unserer heutigen Anhänger. — Und mit *) Wir bringen diesen lesenswerten Artikel, ohne uns mit dem Tenor der Vorschläge zu identifieieren. allen Fasern ihres Herzens hängen alle Juden, alle ohne Ausnahme, an diesem Traum, dieser Hoffnung, des alten Reiches Herrlichkeit wiederhergestellt zu sehen. Die Völker alle, träumen den gleichen Traum. Jede Cultur noch hat sich für die beste gehalten und für bestimmt die Weit zu erobern. Hat doch, um ein naheliegendes Beispiel anzuführen, die Schönheit der deutschen Cultur die deutschen Juden hingerissen, den Sieg dieser deutschen Cultur, zu der sie soviel geleistet, in ihre Träume aufzunehmen. Eines der schönsten Worte unseres Heinrich Heine gibt dieser Auffassung in treffender Weise Ausdruck. Es ist in der Vorrede zu „Deutschland“ und es gipfelt in dem Ausruf: Die ganze Welt soll deutsch werden. Die Völker alle träumen den gleichen Traum — wie sollte Israel eine Ausnahme machen, das „auserwählte Volk“, das durch den Mangel an einer Gegenwart so viel mehr zum Träumen angeregt wird! — Aber nimmermehr sollen diese Hoffnungen auf die Erfüllung der jüdischen Verheissungen eine Scheidewand bilden dürfen — werden sie doch auf beiden Seiten dieser Scheidewand gehegt! Und die Scheidung besteht ja darin, dass die heutigen Gegner der zionistischen Bewegung uns vorwerfen, dass wir — hirnverbrannte Thoren — diese Träume verwirklichen wollen und an solche Phantasie werthvolle Kräfte vergeuden. Nicht Träume wollen wir verwirklichen — — die träumen wir wie jene auch — sondern praktischen Zielen ist unsere Thätigkeit geweiht. Wer eine solche nicht erblicken kann in unserem bisherigen Thun, der wird seine Ansicht ändern, sobald der Zionismus in der oben ausgeführten Weise auf die Judenwanderung bestimmend wirkt. Die Colonisation auf Cypern wird auch unseren Erfolg in Palästina mehr beschleunigen, als Verhandlungen es je könnten. Das Aufblühen von Cypern kann nicht ohne Einfluss bleiben auf das Nachbarland. Juden, die auf Cypern englische Bürger geworden sind, können die Thore Palästinas nicht verschlossen bleiben. Ein Abkommen mit der Türkei wird zu günstigeren Bedingungen zu erzielen sein, und auch schneller, wenn man sehen wird, dass wir nicht in einer absoluten N o t h 1 a g e uns befinden. Ein zionistischer Anfang auf Cypern wird auch deutlich zeigen, wie ferne uns Selbständigkeitsgelüste liegen; — so unsinnig solche Gedanken England gegenüber wären, so wenig haben wir sie anderwärts. Eine sichere Heimstätte wollen wir schaffen für die Vertriebenen in der alten Heimat. Und für die Aufnahme unter rechtlichen Garantien, für die Sicherheit und Freiheit, die wir finden, bieten wir den Herren dieser Länder eine neue Blüte, einen neuen Aufschwung ihres Besitzes, der heule brach liegt. Ich hoffe von dem bevorstehenden Congresse einen gewaltigen Umschwung. Er wird ein Programm aufstellen, welches einschliesst, was wir wollen, und deutlich ausschliesst, was wir träumen — wir und unsere bisherigen Gegner ja auch. Es wird ein klares Programm sein. Ein Programm, das alle lebensfähigen, thatkräftigen Elemente im Judenthuine umfassen wird. Dann ist der Zionismus das Judenthum!

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