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Die Welt · 1899-07-28 · 30 (28.7.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
30 (28.7.1899)
Article
Es war?
Date
1899-07-28
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die A Welt“ Nr. 30 Mittel, den jüdischen Cult, den jüdischen Ritus, die jüdische Liturgie nicht bloss zu reformieren, nein, sie auch zu assimilieren, damit gleichsam aus den Gemeinden und den Synagogen heraus der Wille der Juden bezeugt werde, die bürgerliche Gleichberechtigung mit dem Verzichte auf das Volksgefühl zu bezahlen. Man hat damals sich gar nicht genug thun können an dem lauten Bekenntnisse zur deutschen Nationalität. Dann — nach kurzen dreissig Jahren — trat Stöcker auf die Bühne, und Abraham Geiger, Berthold Auerbach, beide zu Berlinern geworden, sahen in ihrer nächsten Nähe alle ihre Illusionen zerrinnen, sie starben beide eingestandenermassen an dem Herzeleid zehrender Enttäuschung. Es war! Wir haben auch vor zwei Jahrzehnten die ersten Zionistenversammlungen in der oberschlesischen Grenzstadt Kattowitz erlebt. Tapfere Vorläufer waren es, die sich dort zusaramenfanden, erfüllt von dem starken Willen zur Abwehr, von unbeugsamer Treue zu unserem Volke — ahnende Zionisten. Aber sie hatten keine andere Legitimation als die, welche sie sieh selbst gaben, und es fehlte an planmässiger Organisation, an einem positiven Ziele. Gleichwohl, die Saat wurde ausgestreut, sie keimte in der jungen Generation, Wintersaat, die des Frühlings wartete, um aufzugehen. „Es muss doch endlich Frühling werden!“ Wir blicken heute mit tiefer Pietät auf all diese Ansätze und Versuche zurück, und wir sagen uns, dass in dieser Continuität eine grosse Bürgschaft enthalten sei. Ja, trotz Emancipation und Assimilation war in unserem Volke niemals der sehnsüchtige Glaube an das Ideal erstorben, dessen Verwirklichung das Ziel c]es Zionismus ist. Doch wie dieser Glaube von unbestimmtem Seimen zu werkthätiger Arbeit hinübergelenkt wurde, das offenbart sich nun schon zum drittenmale an dem Baseler Gongresse. Wir heissen ihn unser Nationalparlament, denn er hat seine Legitimation unmittelbar von unserem Volke, er vereinigt die Gewählten der Nation, dieser unverwüstlichen Nation, die trotz aller Unbill der Zeiten lebens- und schaffenskräftig geblieben ist und die ihren Willen zum Dasein bekennt vom Transvaal bis zum Weissen Meer und vom Red River bis zur Wolga. Es gibt keine blasierten Spötter mehr wie vor zwei Jahren, da der Gongress zum erstenmale zusammentrat und als Ziel des Zionismus die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina proclamierte; es gibt ab<r auch keine skeptischen Zweifler mehr, denn während dieser zwei Jahre ist als Denkmal zionistischer Opferfreudigkeit die Golonialbank aufgerichtet worden, die zugleich das Instrument sein wird, dessen wir bedürfen, um unsere praktische Leistungsfähigkeit zu beweisen. Wir wiederholen, es gibt keine Spötter und keine Zweifler mehr, nur noch solche unter uns, die nicht mitthun wollen. Auch sie aber hoffen wir noch in Reih und Glied mit uns zu sehen, denn wir vertrauen auf ihre wachsende Einsicht und auf die werbende Kraft unseres Zweckes. Ohne Ruhmredigkeit und Heimlichkeit verfolgen wir unseien Weg, den Gerechtigkeit, Humanität und historische Legitimation mit ihrem Lichte bescheinen. In unserem Nationalparlamente reden Abgesandte aus der ganzen Welt, und sie reden zu den Juden der ganzen Welt. Es hat niemals etwas existiert, das unserem National- Parlamente vergleichbar wäre. Freilich, auch die Geschichte unseres Volkes ist ohne Gleichnis. Darum, wenn jemand uns sagt: es war, setzen wir mit der Selbstgewissheit der grossen Sache, die wir führen, ein Fragezeichen hinter die beiden Wörtchen. Es war? O;nein, es war nicht bloss, es ist und es wird sein! Gegenwart und Zukunft leuchten als gute Genien unserem Parlamente. Wir grüssen es, denn es ist unsere Hoffnung und unser Stolz. Unsere Sehnsucht hat es geschaffen, unser Vertrauen wird es erhalten. per fünfzigste Geburtstag jVlax jNfordaus. Jffax Jlordau /eiert am 29. Juli seinen 56. Geburtstag, überall, auf der ganzen €rde, wo Zionisten wohnen, wird der 29. Juli wie eia festlicher Cag begangen werden, pie Zionisten nennen jNordau mit Stolz ihren Gesinnungsgenossen. Jn den Spalten dieses plattes, in denen die prächtigen Aufsätze, die fulminanten ’peden ffordau’s zum Abdrucke kamen, noch die pedeutung des Schriftstellers und penkers jNordau zu erörtern, ist wohl überflüssig. Vir benützen nur den festlichen Anlass, um dem verehrten Gesinnungsgenossen kurz und ohne jegliche phrase — umso kürzer je aufrichtiger wir es meinen — unsere herzlichsten Glückwünsche zu dem freudigen Jubiläum zu entbieten. Vir wissen, dass wir da im jNamen aller Zionisten sprechen. Nordau wurde am 29. Juli 1849 zu Pest geboren, studierte dort selbst Medicin, unternahm dann eine sechsjährige Studienreise mit längeren Stationen in Wien, Berlin, Russland, dem skandinavischen Norden, England, Frankreich, Spanien und Italien, und liess sich 1878 als Arzt in Pest nieder, von wo er 1880 nach Paris übersiedelle. Er veröffentlichte: „Aus dem wahren Milliardenlande“, Pariser Studien und Bilder, (Leipzig 1878); „Vom Kreml zur Alhambra“, Culturstudien (das. 1879) „Seifenblasen“, Federzeichnungen und Geschichten, (das, 1879) „Paris unter der dritten Republik“, neue Bilder, (1—3. Auflage., das. 1880.) „Die conventioneilen Lügen der Gulturmenschheit“ (das. 1883); „Paradoxe“ (5. Auf!., das. 1891); „Ausgewählte Pariser Briefe“ (2. Aufl., das. 1887) und „Die Krankheit des Jahrhunderts“ (Leipzig' 1887), ferner das Lustspiel „Die neuen Journalisten“ und das Schauspiel „Der Krieg der Millionen“; „Seelenanalysen“, Novellen; „Entartung“, „Das Recht zu lieben “(Berlin 1892), „Die Kugel“ (das. 1895), „Dr. Kohn“ bürgerliches Trauerspiel. „Zionismus und Antisemitismus“. Ein Schreiben Max Nord a u s. Ein jüdischer Schriftsteller namens Alfred Bert hatte in der Pariser „Grande Revue“ eine Studie über den Zionismus veröffentlicht, welche — ohne einen neuen Gedanken — die alt-bekannten Gemeinplätze der Assimilationsjuden gegen die jung-jüdische Bewegung wiederholt, einschliesslich des beliebten Hauptschlagers, dass die Zionisten das gleiche Ziel wie die Antisemiten erstreben, und deren Alliierte seien. Diese Studie bildete die Unterlage für einen Leitartikel unter dem Titel, der diesen Zeilen als Ueberschriffc dient, welchen der französische Exminister Yves G u y o t, der bekannte Dreyfus-Verfechter, in seinem Tagesblatte „Le Siede“ publicierfc. Von seinem „liberalen“ Standpunkte aus sieht Guyot im Zionismus einen Sieg des Clericalismus und Antisemitismus, eine feige Flucht der Juden vor dem Kampfe. Die Motive und der Geist H e r z 1 s und N o r d a u s werden gewürdigt, allein sie seien durch Erbitterung Verblendete und auf einen Irrweg gerathen. Er warnt die Juden, sich dem Zionismus anzuschliessen und damit das Schwert wegzu werfen und den Kampf aufzugeben. Die Juden müssten weiter in der Bresche stehen und unentwegt den Kampf fortsetzen für

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