Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Das Theater und die Juden
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die A Welt4,4 Nr. 29 einzelne schon ah sich erfahren hat. Aber auch noch wichtige Fragen beantworten sich aus diesem gezwungenen Verhältnis der Juden zu den Anderen. Vor allem erweist es sich als Luge, dass die Juden heute ein freies Menschenthum gemessen. Sie besitzen es höchstens einem Gesetze nach, das aber aus gar nicht ferner Zeit datiert ist. Im fiebrigen müssen sie noch immer danach trachten, innerlich und äusserlich, in* ihrem eigenen Bewusstsein und in dem der anderen, frei zu werden. . » Die Juden haben dazu einen Weg eingeschlagen, der sehr natürlich sein mag, der sie aber fürs erste weitab von ihrer ursprünglichen Art geführt hat. Kaum, dass * die Thore des Ghettos geöffnet wurden, strömte die Judenschaft gierig hinaus in die Allgemeinheit, wie langjährig Gefangene aus gesprengten Kerkern. Das ist begreiflich. Nun sie so viele Zeit unter ihrer Besonderheit gelitten, ergreifen sie die Flucht aus dem Jüdischen. Sie werfen es weit von sich, wie Sträflingskleider. Als ob sie sich dankbar erweisen wollten für die Nachsicht, die man endlich gegen das Verbrechen ihrer Herkunft bezeigte, verbargen sie diese Herkunft mit Aengstlichkmt, gleichsam wie um den entschlummerten Groll nicht wieder zu wecken. Und sie thaten den; Juden von sich ab, als ob sie in der ersten Genussfreude des erlangten Menschenthums nichts anderes sein wollten, wie Menschen, und nur Menschen. Wie ein Revanchegedanke mochte sich in ihrem leidenschaftlich dankbaren Gemüthe die Assimilierungsidee erhoben haben: Nicht zurückstehen hinter soviel Grossmuth, und die eigene Exclusivität aufgeber* nun, da die anderen nicht mehr exclusiv waren, und die Welt brüderlich ihre Arme ausbreitete. Es sind com- \ pikierte Vorgänge, die sich unter der Bewusstseins-; schwelle in der Seele der modernen Juden abspielen. Neben dieser Dankbarkeit, die besonders gefühlvoll in! den Werken jüdischer Schriftsteller aus den liberalen 1 Vierzigerjahren aufbraust, und neben anderen Empfin- > düngen dominiert die Scheu vor dem Jüdischen, die Scham über die eigene Besonderheit, die der Jude empfindet. Diese Scham ist ihm eingeimpft worden durch tausend Verhöhnungen, sie lebt in ihm als eine | atavistische Angst vor dem Ausgeschlossenwerden, sie; ist in seinem Blute, dass er ihr erliegen muss. Er kann durch diese Scham nicht hindurch, und er ist mit ihr ■ soweit gekommen, dass er alle übrigen Rassenarten als \ solche nimmt, die ohneweiters einbekannt und anerkannt werden dürfen, indessen die jüdische immer Entschuldigungen und Verzeihen nöthig hat. Aus dieser Stellung des Judenthums erklärt sich das Unjüdische jüdischer Künstler. Draussen im Leben, unter allen Menschen findet er seine freie Objectivität an Erscheinungen und Ereignissen gegenüber. Er kann sich überall Fragen errichten und sie lösen, er kann in Schicksale und Seelen eindringen, fremde Bezirke erforschen, sich in ihnen einleben, sich von den grossen Gonflicten liinreissen lassen. Nur nach sich selbst darf er sich nicht fragen. Seine Blicke, die unbefangen auf den anderen ruhen, trüben sich, wenn er nach den Juden und nach dem Jüdischen blickt. Seine schaffenden Hände, die nach jedem lebendigen als nach einem Objecte sicher zugreifen, werden unsicher, wenn er seine Ursprünglichkeit erfassen will. Der gehässige Vorwurf, der gegen die jüdischen Künstler erhoben wird, dass sie nirgends wurzeln, ist dabin zu ändern, dass sie sich ihrem natürlichen Boden entfremdet fühlen. Gewiss wurzeln sie, wie' die anderen Künstler auch, in den Künsten aller Nationen, im Leben der Welt überhaupt, allein ihrer Mutterwurzel, derjenigen, welche die Form der Blätter, die Farbe der Blüten und ihren Duft bestimmt, sind sie sich nicht bewusst geworden. Diesem Bewusstsein gehen sie mit einem Insfinct aus dem Wege, in welchem sich alle Empfindungen der Freigelassenen ver-r sammelt haben. Sie ersticken es, oder umnebeln es, wenn es sich regt, mit vagen Ideen vom Weltbürgerthum, und unterbinden damit die Nährkraft dieser Hauptwurzel ihres Seins. Deshalb ist auch noch keinem die Urkraft aufgegangen, diese von Muttersäften strotzende Pracht, die Gottfried Keller z. B. besitzt. Wenn aber nun in unserer Zeit des Ueberganges, in der Epoche, von welcher man erhoffen kann, dass an ihrem Ausgange auch der Schluss jener Debatte über die Würdigkeit der Juden erfolgt, im einzelnen Individuum das Bewusstsein des Jüdischen sehr lebendig wird, dann muss es sich zunächst polemisch äussern. Das ist nach allem nicht anders zu erwarten. Diese Kunst wird streitbar werden, sie wird eine Sache haben, der sie ihre Begeisterung weiht, für die sie kämpfen wird. Sie wird beweisen und agitieren wollen, sie wird Weckrufe ausstossen, aufrühren und entflammen, nur nicht gestalten, nicht bilden, nicht formen wird sie, nicht Kunst im eigenen Sinne sein. Diese ist es, die ich neulich als das „Gestrüpp nationaler und chauvinistischer Dichtung“ voraussagte, durch das wir hindurch müssen. Nachdem wir am Anfang dieses Jahrhunderts unter so viel^p anderen Freiheitsliedern auch eine Emancipationsdichtung gehabt haben, werden wir am Anfänge des nächsten Freiheitslieder, -Romane und Dramen erleben, welche für die innere Befreiung des Judenthums einstehen. Aber was sind die Gleichheitsdichtungen, nachdem die Emancipation gegeben war? Was sind diese politischfreiheitlich gestimmten Künste überhaupt? Wer singt die Wehrmannslieder nach Waterloo, und wer die Leier- und Schwertgesänge? Wer recitiert die Strophen von der Volkssouveränität, nachdem die Constitution gegeben ist? Sie bleiben als „erhebende Erinnerungen44 zurück, und ihr Platz, vormals so unermesslich weit in allen Herzen eines kämpfenden Volkes, ist einzig in seiner Kunstgeschichte. Nach dieser Epoche kommt dann die Periode der Befreiungsdenkmäler. Und die Jahre nach 1870 haben es gezeigt, zum so und so vieltenmale, dass die Kunst niemals banaler wird, als wenn sie ihr Kampftemperament verloren, zum sieghaften, officiellen Pathos ausholt. Jenseits dieser Phasen liegt dann die Zeit, in welcher die Unbefangenheit langsam sich festigt. Für den jüdischen Künstler ist dann das jüdische Wesen eine Art unter den anderen Arten; nur ihm persönlich näher, weil es zufällig die seine ist. Das jüdische Volk ist für ihn ein Object, das er unter anderen Objecten findet. Er entdeckt es auf seinem Wege durch die Vielfältigkeit der Welt neben anderen. Die jüdischen Schicksale sind ihm ein Gegenstand seiner schöpferischen Kraft, nur dass diese Schicksale unverbrauchter, jungfräulicher, unverarbeiteter sind als die anderen. Sein Blick trübt sich nicht mehr, wenn er nach dem Ursprünge seines Wesens blickt, seine Hände, die formend zugreifen wollen, beben nicht, und es ist kein Schwanken in ihm und keine Verwirrung unfreier, schüchterner und verfälschter Gefühle. Alle seine Organe sind zur Aufnahme und zum Verständnisse fähig geworden, hier, wo sie sonst zu versagen schienen. Ich denke mir am Wendepunkte dieser Epoche ein Drama wie Hauptmanns „Weber“ etwa, in welchem das Volk als Held erscheint und sein Zustand als Handlung. In seiner Temperatur lässt es noch das heisse Mitfühlen des Streitbaren erkennen, aber aus den lebendigen, ganz in sich selbst existierenden Gestalten misst man schon, von oben nach unlen, die Distanz objectiviertcn Schaffens. F. S. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red,: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei .Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11