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Die Welt · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Article
Über die Juden des Orients
Date
1899-07-21
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die H Welt“ Ni. 29 zusammen, um anderen, bisher unbekannten Eintagsfliegen Platz zu machen. Fest und von dauernder Solididät ist noch weniges hier, am allerwenigsten aber das mobile Capital. Zudem sind die Lebensbedingungen und Bedürfnisse gegen früher wesentlich anders und schwieriger geworden. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, dass eine jüdische Familie jetzt an Wohnungszins in Belgrad oder in Sophia soviel bezahlt, als sie vor dreissig Jahren für ihr ganzes Auskommen benöthigte. Zudem verstehen die wenigsten unter den spanischen Juden die Kunst, nach ihren Mitteln hauszuhalten. Desto mehr muss es den jüdischen Handelsleuten des Orients als besonderes Verdienst angerechnet werden, dass sie sich standhaft behaupten, dass sie ihren guten Euf und ihre kaufmännische Ehre trotz aller enormen Schwierigkeiten stets hoch halten. — Sie wissen aber auch, dass, wenn sie einmal gefallen sind, eine Wiedererholung fast ganz ausgeschlossen ist, und sie bei diesem Mangel an anderweitigen Erwerbszweigen dem crassen Elend anheimfallen müssten. Diese allgemein gehaltenen Bemerkungen über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden haben hauptsächlich auf die am rechten Ufer der Donau, im Inneren Bulgariens und in Ostrumelien wohnenden Juden Bezug. In Bosnien und der Herzegowina geht es ihnen seit der Occupation merklich besser, eben weil die allgemeinen Verhältnisse im Occupationsgebiete, von politischen Fluctuationen unbeeinflusst, sich allmählich consolidieren. In Bumänien gibt es nur wenige spanische Juden, hauptsächlich in Bukarest und Craiova; sporadisch finden sich auch längs des Donauufers kleinere Gemeinden vor. Einige haben es dort zu Reichthum oder Wohlstand gebracht. Bemerkenswert ist es, dass die Spaniolen beim rumänischen Volk in besserem Ansehen stehen, als die vielen Juden deutscher Zunge. Die Juden in der Türkei sind im allgemeinen sehr arm. Dies gilt ganz besonders von denjenigen in Adrianopel und Constantinopel. Nur Saloniki bildet eine Ausnahme. In Griechenland leben nur wenige Juden, welche nur neugriechisch sprechen, in Montenegro dürfte es keinen einzigen Juden geben. Auf die Gemeinde- und Schulangelegenheiten der orientalischen Juden werde ich vielleicht in einer besonderen Besprechung zurückkommen. Diese Schilderung wäre aber nicht vollständig, wenn ich jene Gemeinden und Gruppen unerwähnt Hesse, welche sich von aus den Orientländern eingewanderten Juden in einigen grossen Städten des europäischen Westens allmählich gebildet haben, bzw. in Bildung begriffen sind. Solche Gruppen gibt es heute schon in Paris, Marseille, London, Manchester, Berlin, Wien und in Budapest.. In Paris und Wien bilden sie schon ganze Gemeinden. In den angeführten Städten leben zweifellos die reichsten spanischen Juden, und dadurch erklärt es sich, dass man im Westen Europas alle spaniolischen Juden überhaupt für eine Gesellschaft von Crösusen hält. Ursprünglich haben sich diese Leute als Einkaufs- und Zahlstellen für ihre eigenen Niederlagen in den grossen Handelscentren etabliert, und gleichzeitig einen grossartigen Commissionshandel für Import und Export geschahen, durch welchen sie sich grosse Reichthümer erworben haben. Der Handel des Wiener Platzes speciell hat diesen spanischen Juden sehr viel zu verdanken. Allmählich aber wird es auch in dieser Beziehung anders, und diese Commissionäre büssen von Tag zu Tag mehr an Bedeutung ein. Die Welt ist eben offen, der Wettbewerb zieht immer weitere Kreise, gestaltet sich immer intensiver. Während vor vierzig Jahren eine Reise von Philippopel nach Wien kein kleines Wagnis war und ungefähr sechs Wochen dauerte, braucht man heute höchstens ebenso viele Tage, um für ungezählte Tausende einzukaufen, und die Reise hin und zurück zu machen. Damals wussten die Orientalen noch nichts von der übrigen Welt, sie waren auf den Wiener und Pariser Commissionär angewiesen, wussten sich ohne ihn nicht zu. helfen. Heute werden sie von den Fabrikanten direct aufgegesucht und mit Anträgen förmlich bestürmt. Heute bereisen diese orientalischen Händler alle Fabriken, verkehren direct mit dem Fabrikanten. Wer nur halbwegs im geschäftlichen Sinne gut und creditfähig ist, der braucht den Commissionär als Zwischenhändler nicht mehr, er sucht ihn th unlieb st zu umgehen, gönnt ihm die fetten Provisionen nicht mehr. Was braucht er sich auch die Waren durch den Zwischenhändler vertheuern zu lassen? Die goldenen Zeiten für die grossen orientalischen Kommissionäre sind für immer vorbei. Jetzt zehren sie zumeist noch vom alten Fett. Geld imponiert immer, und die türkischen Grosshändler waren reich, sehr reich. Einige sind es noch. Zudem sahen diese Leute gar nicht wie die anderen Juden, ja gar nicht jüdisch aus, sie sprachen ein eigenes Idiom, hiessen nicht Baernfeld, Kohn, Goldstein T)der Silbermann, sondern sie nannten sich Asseyo, Covo, Medina oder Enriquez, was entschieden besser klingt. Sie wussten gar so vornehm zu thun, hielten sich von den Stammesbrüdern deutscher Zunge in gemessener Entfernung, mussten auch in geschäftlicher Beziehung nicht so aufdringlich sein wie diese, kurz und gut, man hielt sie für einen andersgearteten, besseren und vornehmen Schlag Juden. Heute gibt es noch in Wien so wenig selbstbewusste Juden, welche in den „Türkischen“ durchaus superiore Glaubensgenossen sehen wollen. Es ist also nicht zu verwundern, wenn diese Orientalen im Westen Europas nach wie vor ihr Mögliches thun, um diese wunderhübsche, kleidsame Gloriole noch lange zu behalten und zu erhalten, trotzdem sie gut wissen, dass sie längst nicht mehr die Superioren Juden sind, die ihre Väter dereinst waren. Sehen wir uns einmal eine solche Gruppe als Gemeinde näher an. Den Gottesdienst haben sie in ihren viel zu prunkvollen Bethäusern zu einem seichten ceremoniösen Nachgeklirr aller Neuerungen und „Reformen“ vermodelt und herabgedi ückt. Cantoren, Chöre und Orgeln verschlingen Riesensummen, und trotzdem, vielleicht eben deswegen bleiben ihre Bethäuser beständig leer. Mit der vielgerühmten Wohlthätigkeit dieser Gemeinden und Gruppen scheint es auch nicht weit her zu sein, wenigstens hört man arme Leute aus den Orientländern, welche an diese Wohlthätigkeit appellieren, bitter darüber klagen. Von den grossartigen Wohlfahrtseinrichtungen, wie man sie in vielen deutschen Gemeinden antrifft, ist bei ihnen keine Spur, trotzdem einzelne reiche Leute grosse Summen für Gemeindezwecke h ergeben. Man muss mit Trauer constatieren, dass es auch mit den Juden des Orients im allgemeinen abwärts geht. Die sogenannte Aufklärung mit ihren Folgen, das Milieu und die eigenartigen Verhältnisse, in welchen sie leben, am allermeisten aber ihr eigenes Bestreben, sich durch Verleugnung ihrer Eigenart dem „Geiste der Zeit“ anpassen zu wollen, bewirken, dass diese Juden auch den letzten Rest von jüdischer Würde und Selbstachtung verlieren. Der Schleier der Romantik bekommt immer grössere Löcher, und die Söhne jener grossen Juden entwickeln sich zu ganz gewöhnlichen „modernen“ Alltagsfiguren. Jammerschade um diesen schönen und hochbegabten Menschenschlag!

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