Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Zionismus - Menschenliebe
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 7 „Die .Welt“ Nr. 29 Stätte zu sichern, wo sie. vom bitteren Elend geschritten sind, ausruhen können. Ich glaube, die brennenden Wunden an dem misshandelten Körper des Juden werden auf jenem heiligen Boden, dessen blosse Erwähnung schon zur Linderung der Seelenqualen hinreicht, eher heilen, als auf irgendeinem anderen, durch wilde Thiere berüchtigten, öden, verlassenen Boden. Was aber die Frage der sehr geehrten Reüaction betrifft, wie die Unterstützung des Zionismus, dieser menschenfreundlichsten, edelsten Bewegung unseres Jahrtausends, durch die ungarische Judonheit seitens der nichtjüdischen ungarischen Patrioten aufgefasst wird, so wiederhole ich hier die Worte des Tapolczaer Rabbiners Dr. Bernat Singer: „Das Judenthum ist weder im ganzen und grossen, noch in seinen einzelnen Bruchtheilen darauf angewiesen, sich gegen die Verleumdung zu vertheidigen, als sei es unpatriotisch. Zu dieser Erklärung berechtigt die Judeiihe.it ihre Religion, ihre klarenGesetze und diemehrtausendjährige Geschichte, während welcher kein einziger Fall verkam, dass die Juden auch mir im geringsten Masse gegen jene Pflichten gesündigt hätten, deren Erfüllung das Vaterland von ihnen verlangt.“ Der Jude empfindet, mag ihn das Schicksal wohin immer verschlagen — wie ich es hier schon erwähnte und wie Di den, das berühmte Mitglied des französischen Dominikaner-Ordens dies in seinem ausgezeichneten Werke hervorhebt — eine ideale Liebe ftu* das Vaterland, wo er sieb niedergelassen hat, und dies können wir in unzähligemal gesteigertem Masse von unseren ungarisch-jüdischen Brüdern behaupten, die in der treuen lind unerschütterlichen Hebung der bürgerlichen Tugenden stets glänzend hervorragen. Es kann keinen Stein des Ansfcosses bilden, wenn für die.Verfolgten des jüdischen Volkes eine öffentliche und rechtliche Heimstätte im Heiligen Lande geschaffen wird. Der Zionismus ist nichts anderes, als Menschenliebe. Verwirklichung edler Bestrebungen, die mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu unterstützen, heilige Pflicht jeder Confession, jeder Partei, jeder Schichte der Gesellschaft ist, möge sie unter noch so günstigen Verhältnissen leben, und hauptsächlich begeht derjenige Jude, der diese Pflichterfüllung verabsäumt, eine Sünde gegen seinen Gott, gegen seine Mitmenschen, gegen sein eigen Fleisch und Blut. Oder sündigt vielleicht gegen sein ungarisches Vaterland jener eifrige Katholik, der seinen in der weiten Ferne lebenden Glaubensgenossen mit andachtsvoller Pietät von seinen Groschen Hilfe reicht? Nein! Er begeht keine Sünde, sondern übt damit eine gottgefällige, tugendhafte Thal. Ich glaube, die gesammte gebildete Menschheit muss dieses grossartige Unternehmen mit Sympathie begleiten, welches die Rettung der unschuldig Verfolgten, der verkörperten Unschuld, auf ihre Fahne geschrieben hat. Mögen Parteileidenschaft, die confessionelle Unduldsamkeit, die schändlichsten Schreckbilder der Unwissenheit, welche den strahlenden Glanz des Fortschrittes und der Bildung verdunkeln, endlich aufhören, und die beglückende Gnade des Glaubens macht uns dann gleich, was mit clerExpiierung der spanischen Inquisition gleichbedeutend sein wird. Budapes t, Juni 1899. Andreas C s ö r i, römisch-katholischer Geistlicher. Ueber die Juden des Orients. Von Mor. i. Cohen. (Schluss.) Der letzte russisch-türkische Krieg brachte für die Juden in Bulgarien wohl keine eigentlichen Judenhetzen mit Mord- und Todschlag, Plünderungen und Brandschatzungen, wie sie nach jedem Kriegsfälle in Griechenland mittelalterlich schön geübt werden, dafür hatten die armen Menschen in ihrer wilden Flucht grosse Verluste an Hab und Gut und litten ausserordentlich durch Hunger und Kälte. Damals war es hauptsächlich der unvergessliche Menschenfreund Baron von Hirsch, welcher durch die Vermittlung der Alliance Israelite Universelle für die Ernährung und Repatriierung seiner Glaubensgenossen sehr grosse Opfer gebracht hat. Man muss die Elasticität und Leichtigkeit bewundern, mit welcher die Juden des Orients sich in allen Situationen zurechtfinden und den verschiedensten Verhältnissen anpassen können. Gestern noch gute und friedsame Unterthanen der Türken, wurden sie gewissermassen über Nacht zu Griechen, Rumänen, Serben und Bulgaren. Und sie sind es im denkbar besten Sinne des Wortes; bei ihrer Moralität, Friedfertigkeit und Gewissenhaftigkeit ist jeder Zweifel diesbezüglich ausgeschlossen. Trotzdem sie als Angehörige dieser kleinen Staateh sofort zum sehr harten Militärdienste herangezogen werden und auch andere drückende Lasten tragen müssen, wovon sie bis dahin nichts wussten, sind sie durchwegs gute und treue Patrioten, und bis heute ist nirgends von befugter Seite ein Zweifel gegen sie laut geworden. Interessant ist ihre Stellungnahme zu diversen politischen Parteien und Fractioneu. lvlug wie sie schon sind, fühlen diese Juden instinetiv heraus, dass man doch nur um persönliche Interessen und individuelle Machtgelüste hadert und rauft, dass Rancune und Gehässigkeiten eine grosse Rolle dabei spielen, und deshalb haben sie sich jetzt vom Parteigetriebe und Gezanke hübsch ferngehalten. Und die Ereignisse geben diesen Leuten recht. Es handelt sich wirklich nicht um den Kampf von Ideen und Principien, sondern um den Kampf von Interessen einzelner Personen und Gruppen, und da kann der Jude nicht vorsichtig genug sein. Dass einzelne Juden in Belgrad und Sofia in letzterer Zeit angefangen haben, parteipolitisch hervorzutreten, mag manchem als Muth und sogar als patriotische Pflicht erscheinen, klug ist es aber nicht. Mögen diese Personen nur die Programme der sich bekämpfenden Parteien aufmerksam durchlesen, und sie werden finden, dass in den politischen Principien und Dogmen fast gar keine wesentlichen Differenzen und Divergenzen enthalten sind. Warum dreht sich also der grimmige Bruderkrieg? Doch nur um die Macht und um reine persönliche Interessen. Da heisst es also für die Juden hübsch neutral bleiben, umsomehr, da die Parteikämpfe in den Orient ländern bekanntlich mit den schärfsten und gefährlichsten Waffen ausgefochten werden. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, geht es den Juden des Orients materiell nicht gut. Fast ausschliesslich auf den Handel angewiesen, treten in diesen Ländern jene Calamitäten und Schwierigkeiten besonders empfindlich zutage, gegen welche der Handel überall mehr oder weniger zu kämpfen hat. Die grosse Mehrheit der kleinen Händler mit geringem Capital kann sich überhaupt nicht halten, und den jüdischen Grosshändlern erstehen mit jedem Tag immer neue, sehr gefährliche Concurrenten aus christlichen Kreisen, welche sich früher nur wenig mit dem Handel befassten. Alte jüdische Firmen von Ruf gibt es leider nur sehr wenig. Wie alles andere, sind auch die wirtschaftlichen und Besitz Verhältnisse in den Donauländern noch lange nicht stabil und consolidiert. Was gestern noch gross und zuoberst war, stürzt leicht über Nacht