Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Der dritte Congress
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 29 „Die H Welt?* Die Mitglieder des Actionscomites und alle Vertrauensmänner werden nochmals dringend aufgefordert, folgende Fragen dem Wiener Secretariate umgehend zu beantworten : 1. Wieviole Vereine existieren in ihrem Bezirke, Rayon und Lande V ± Wie lauten ihre Namen und ihre Wohnsitze? з. Wie gross ist die Mitgliederzahl jedes Vereines? L Wie gross war die Mitgliederzahl jedes Vereines im Vorjahre? 5. Wieviel neue Vereine sind seit dem zweiten Kongresse entstanden? 6. Welche Vereine haben sich in der Zeit seit dem zweiten Congresse aufgelöst? 7. Worin bestand die Thätigkeit der Vereine? s. Waren die Vereine rein zionistisch oder verfolgten sie auch Nebenzwecke? и. Wie stellt sich percentuell die Zahl der Zionisten jeder Stadt zur Zahl der dort wohnenden Juden? Wir ersuchen Sie, die Namen deutlich und mit lateinischer Schrift zu schreiben. Das Secretaivi at des Actionscomites.;i: V Von mehreren Seiten wurden die von P'errn Dootor Werner gemachten Anregungen als vom Secretariate des Actionscomites ausgehend, betrachtet. Diese Annahme ist eine irrige. Herr Dr. Werner veröffentlichte in seinem Namen einen Vorschlag, den er dem dritten Congresse zur Berathung unterbreiten will. So ist es insbesondere nur eine Anregung des Herrn Dr. Werner, aber keineswegs eine bereits geltende Bestimmung, dass Personen, welche in einem Abhängigkeits Verhältnisse zu Colonisationsgesellschaften stehen, das passive Wahlrecht ' für den Congress nicht besitzen. Wenn dies gelten soll, muss es selbstverständlich erst vom Congresse angenommen werden. Zionismus — Menschenliebe. Der ,) Ln gar. Wochenschrift" entnehmen wir nachstehenden Arti kel: Löbliche Redaction! Auf Ihre freundliche Anfrage, wie ich, als katholischer Geistlicher, über den Zionismus denke, antworte ich mit Folgendem : Das jüdische Volk ist, ungeachtet der vielen ungerechten und parteiischen sogenannten „Beweisführungen”, die das Gegentheil dieser meiner Behauptung zur Geltung biingen möchten, eines der bescheidensten Völker, das aber neben der griechischen Bildung und neben den grösstem moralischen und geistigen Mächten der Geschichte seinen Platz einnimmt, ja sogar — wir können es getrost sagen — über diesen stellt. Die Entwicklung der menschlichen Herrschaft, die vortheilhaften und die Menschheit ehrenden Handlungen der verschiedenen Religionen, die Ausgestaltungen der Cultur und der geistigen Gäter sind ohne den Judaismus undenkbar, unerklärlich, unglaublich. Sein Gott, der Nationalgott, ist der Gott der Monotheisten, der Menschheit Gott geworden. Dieser in seinem Adel zähe Stamm wollte so sehr fortbestehen. der grossen Menschheit zum Nutzen gereichen, dass weder Marter, noch lütteres Missgeschick, ja selbst die betäubenden Schläge der Jahrhunderte nicht imstande waren, seine Hoffnung, sein in die oberste Macht gesetztes Vertrauen, seine Ideale zu trüben, zu vernichten. ln der fiinftausendjährigen Geschichte Israels ist alles religiös und heilig, pietät- und andachtsvoll, selbst in seinen profan scheinenden Beziehungen. Als die jüdische Nation zugrunde gieng, wurde sie nur als Nation vernichtet; aber der Stamm vermehrte sich, und in jeden Theil der Welt zerstreut, hat er, gleich dem durch den Wind hingetragenen Blumensamen, der sich in den wüsten Boden senkt, überall nur das Gute und Segenreiche verbreitet. „Schwer wäre es (sagt Strub o), in der Welt einen solchen Platz zu finden, wo die Juden nicht eine — im edelsten Sinne genommene — Grossmacht bilden sollten." Wenn die Juden sich irgendwo niederliessen, so giengen sie nicht mehr weg, sie liebten, gleichsam Wurzel schlagend, und lieben schwärmerisch, mit der ganzen Glut ihrer geplagten Seele, den Boden, der ihr Vaterland geworden, der ihnen Ruhe gewährt. Die unter Fremden angesiedelten Juden haben sich zwar mit den betreffenden Völkern nicht verschmolzen, aber unter Beibehaltung ihrer nationalen Religion, unter eifriger Uebung ihrer hocherhabenen Sitten, mit jedem Schlage ihres Herzens für das Wohlergehen und das Glück jener Nation gebetet, von deren Gesetzen sie berechtigten Schutz erwarteten, der ihnen jedoch — leider, und das ist die Schmach der Gesammtmenschheit! — sehr häutig entzogen wurde. Der praktische Intellect, die Ausdauer, Geschicklichkeit und Nüchternheit, die Gottesfurcht und weise Selbstnnissigung der jüdischen Rasse mag allen Völkern und Nationen als grossartiges Beispiel voranlouchten. Einzelne Neider der Juden werfen ihnen mit einer gewissen Anzüglichkeit vor, dass niemand besser die Kunst des Reichwerdens verstehe als sie. Das ist wahr; denn niemand bekundete noch einen feineren praktischen Sinn, strengere Einfachheit, unermüdlichere Arbeitsamkeit auf jedem Gebiete, einen zäheren Willen und ausdauernderen Eifer in der Bethätigung guter Handlungen, als sie. Die Habgier und Gewinnsucht, die bei anderen Conlessionen und Nationen die höheren Ideale unterdrücken und die Quelle des göttlichen au strockneu, sind bei dieser Rasse nicht imstande, die Herrschaft über die Religion zu gewinnen, die edlere Sittlichkeit zu ersticken. Wenn die Juden auch mit heiliger Pietät, mit der ganzen Begeisterung ihrer Seele nach dem erhabenen Zion und Jerusalem hinblickeil, auf den uns allen heiligen Boden, wo die Wiege des Erlösers der die Menschenliebe verkündenden Christenheit gestanden; wo die Gebeine der selbst inmitten der finsteren Unwissenheit glänzend strahlenden grossen Patriarchen, der Sütenheroen Abraham, Isaak und Jacob, ruhen; wo die zur Confession gewordene Nation die Tage ihres Ruhmes verlebt hat: so hängen sie dennoch treu an dem Boden, auf den sie leben, den sie stets mit Gut und Blut zu vertheidigen bereit sind. Indessen bleibt ihnen Zion immer der strahlende Stern, zu dem sie sich in ihrem heissen Flehen hinwenden. Wir sind alle die Kinder eines Vaters und Schöpfers. Mit brüderlicher Liebe sollen wir einander zugethan sein. Zieht doch das Gehet des Christen, Juden und Mohammedaners auf einem Wege zu seinem gnädigen Gotte hin. Wold trennt uns der Glaube: aber die brüderliche Liebe vereinigt uns. schliesst uns aneinander. Schmerz und Bitterkeit erfüllen die guten, menschlich fühlenden Herzen, wenn man vom rohen Barbarisinus und von der heidnischen Art erfährt, womit im heutigen Zeitalter der Aufklärung, in den Tagen des Humanismus, noch Einzelne, Völker, Staaten und Gesellschaften im Juden den Juden beleidigen, in ihm nicht den ihnen gleichen, vielleicht gar .höher stehenden Bruder sehen, sondern ihn wie die Bestie des Waldes mit thierischer Lust verfolgen. Als einer der bescheidensten Diener der christlichen Menschenliebe sehe ich daher mit Seelenfreude und Herzensbegeisterung jene erhabene Bewegung, welche hochgeachtete jüdische Männer eingeleitet. die zur Arbeit der Erlösung meiner verfolgten Menschenbrüder, zur Hilfsthätigkeit für ihre Glaubensgenossen würde gehetzt, um ihnen eine