Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Article
Die deutschen Nationalsocialen und der Zionismus
Date
1899-07-21
Page
4 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315826-3389332--13938-3389425
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 „Die H Welt“ Nr. 29 Die deutschen Nationalsocialen und der Zionismus. Von Max Aram. Die nationalsociale Bewegung in Deutschland ist eine Ausprägung des berühmten deutschen Idealismus. Nachdem Bismarck den Deutschen durch seine gewaltige Persönlichkeit den Sinn für das Reale auf gezwungen hatte, für eine realistische Politik und für eine realistische, beinahe philiströs streberhafte Lebensführung, mussten dazu doch auch die Deutschenstellung nehmen, dieNapoleon Ideologen genannt hatte, die unter Jahn geturnt hatten, und die schon vom jungen Heine bespöttelt worden waren, die doch aber auch die Freiheitskriege gekämpft und noch in den tollen Revolutionsjahren ihr Wesen getrieben. Jedoch diese Stellung konnte nicht die einfach gegensätzliche der liberalen und demokratischen Parteien sein; denn soweit waren auch die deutschen Kyflhäuser-Idealisten Realisten, dass sie die Abstractionen des Liberalismus und der Demokratie als phrasenhaft empfanden. Ihre gegensätzliche Stellung möchte vielmehr mit einem logischen Processe bezeichnet werden können, den man aus dem Kauderwälsch der Hegefschen Philosophie kennen wird. These — Antithese — Synthese. Ein Samenkorn ist in den Boden gesenkt — es ist durch Fäulnisprocesse zerstört worden — aber aus dieser Fäulnis ist doch der Halm, der Baum,' die Frucht hervor gegangen. Und was in der These vorhanden gewesen ist durch die Durchgangszerstörung, durch die Antithese, nur auf eine höhere Stufe, die Synthese, gehoben worden. So kehren sich die Nationalsocialen mit ihrer humanen und freien Gesinnung gegen das borussische Deutschtlium; aber zugleich bewahren sie einen offenen Sinn für alle realen Bedürfnisse praktischer Politik. Während die Freisinnigen im Jahre 1893, als Wilhelm II. im Begriffe stand, ein Mitglied der Freisinnigen Vereinigung ins Ministerium zu berufen, dem vorurtheilslosen Monarchen dies durch ihre bornierte Opposition gegen das Militärgesetz unmöglich machten, sind die Nationalsocialen insonderheit für die Aufrechterhaltung der militärischen Grösse Deutschlands bedacht, und zumal für die Ausgestaltung der deutschen Seemacht. Wenn sie bisher noch keine wesentlichen Erfolge bei Reichs¬ oder Landtagswahlen erzielen konnten, so darf man wohl annehmen, dass ihre Stunde gekommen sein könnte, wenn, was doch immeihin möglich, der Kaiser einmal die Bahnen der S t u m m sehen Politik verlassen und zu den giossen Anfängen seiner Regierung zurückkehren sollte. Sie wären alsdann, um das HegeVsclie Wort abermals anzuwenden, die Synthese zwischen idealistischer und realistischer Politik. Nun wird man gewiss erwarten, dass die Nationalsocialen der zioiustischenBewegimg ein ganz besonderes V ers tändnis entgegenbrächten, und die Meinungsäusserungen ihrer hervorragenden Führer erstaunt und verwundert betrachten. Wäre liier, was des Landes der Brauch, das der sogenannte „jüdische“ Journalismus beherrschen soll, so könnte man die beiden Aeusserungen gar leicht mit wohlfeilen journalistischen Witzen abthim. Herr Naumann sagt: „Ich erwarte, dass die zionistische Bewegung die gebildeten jüngeren Juden in ziemlich grosser Zahl ergreifen und dadurch auf die ganze jüdischeGeistesbildung einen nachhaltigen Einfluss gewinnen wird. Aber ich glaube, dass sie nur begrenzte praktische Erfolge haben wird." Herr v. Gerl ach meint: „Ich halte es für sein* leicht möglich, dass die zionistische Bewegung stark genug wird, um eine jüdische Volksgemeinschaft in Palästina zu schaffen, die eine gewisse staatliche Autonomie erlangt. Aber es scheint mir aus geschlossen, dass die gebildeten, religiös indifferenten Juden, die in politischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Beziehung hervorragen, dem Zionismus zugänglich werden sollten. Nun ist ja auch der Einwurf des Herr Naumann nicht neu und unerhört, sondern vielleicht derjenige, dem man in Discussionen über den Zionismus am häufigsten begegnet. Er hat sich durch Augenschein und Literatur ein Bild von den Verhältnissen in Palästina gemacht und glaubt, dass das Land viel zu wenig ergiebig sei, um die Aufwendung grosser Mittel zu lohnen. Er constatiert einen jammervollen Zustand der palästinensischen Juden. Man könnte auf entgegengesetzte Berichte hin weisen, die geradezu von einem Blühen der palästinensischen Golonien erzählen. Aber es wäre müssig, darüber zu streiten, und es wäre auch nicht ehrlich. Denn, wenn der Zionismus einen schlechten Erfolg jüdischer Golonien in Palästina nicht ats Argument, gölten lassen will, so wenig der Socialismus das Scheitern socialistischer Golonien als Gegenargument zu gelten lassen brauchte, so dürfte er sich auch nicht auf ein Gedeihen jüdischer Golonien berufen. Vielmehr wird der Zionismus jeden Zusammenhang mit einzelnen Golouiegründungen ablehnen. Er wird hier den Satz hervorheben, den Karl Marx aus der Chemie in die Nationalökonomie eingeführt hat: dass nämlich quantitative Unterschiede auf einem gewissen Punkte in qualitative Umschlägen. Wenn die Golonisation sogleich in grossem Massstabe begänne, also in nothwendigem Masse Verkehrswege angelegt und Sümpfe abgegraben werden könnten, so würde sich doch auch der Aufwand für jede einzelne Colonie ganz anders rentieren. Man könnte da etwa an den Abstand denken, wenn ein Maurer mit zusammengebettelten Materialien — ein Sujet für eine Jean Pani sche Idylle — sein Wohnhäuschen erbaute und aus dem Teich, dem regungslosen, auf dem des Mondes voller Glanz ruhte, das Wasser schöpfte, um seinen Kalk zu löschen, oder wenn eine Arbeitshäuser- Baugesellschaft den Mörtel von fabriksmässig betriebenen Mörtelwerken bezöge. Der Zionismus ist sich auch gar wohl bewusst, wie fundamental dieser Gesichtspunkt ist; innerhalb seines Anhängerkreises verzichtet er lieber auf werte Genossen und Parteigänger, als dass er sich irgendwie mit Einzel-Golonisationsbestrebungen auf ein Compromiss einliesse. Die wirkliche Schaffung eines zionistischen Gemeinwesens dürfte aber noch weiter hinaus ihren Einfluss geltend machen als auf ökonomische Zustände, wie Meliorationen u. dergl.: sie dürlte auch rein ideale geistige Beziehungen beeinflussen. Herr v. Gerlach meint, dass insbesondere die Juden, die in politischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Beziehung hervorragten, dem Zionismus niemals zugänglich würden. Und wirklich sieht man die geistig bedeutendsten Juden am kältesten der zionistischen Bewegung gegenüberstehen und — bald mit Götheschem Humanismus, bald mit formaler Meisterschaft der deutschen Sprache — um eine völlige Assimilation bemüht. Aber es kommt dies doch nur von der Diaspora des jüdischen Volkes, die Diaspora macht, es unschön, und mit der Diaspora wird es zugleich vergehen. Der Dichter, der Künstler bedarf der lauten Acclamation von Kritik und Publicum, und zwar bedarf ihrer der Genialste ebenso für das dunkle Walten seines Genius, wie der Oberflächliche für seine Eitelkeit. Wenn dem jüdischen Künstler sich nun in einem zionistischen Gemeinwesen, in Städten und Dörfern, ein Publicum darbicien wird, wird er gewiss nichts mehr gegen den Zionismus einzu wenden haben. Wenn zumal diejenigen, deren Bedeutung in ihrer Stellung in dem Gastvolke wurzelt, hingestorben sein werden, wird die Jugend, auf die doch alles ankommt, sicherlich allein auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.