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Die Welt · 1899-07-21 · 29 (21.7.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
29 (21.7.1899)
Article
Der Zionismus im Urtheile hervorragender Zeitgenossen (IV und V)
Date
1899-07-21
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 29 „Die H Welt“ Seite?> ebenso berechtigt anzusehen, wie die nationalen Bestrebungen irgendwelche]* anderen Theile der grossen Menschen familie, glaube aber, dass er nur begrenzte praktische Kr folge haben und den Gegensatz von Jude und Nichtjnde verschärfen wird. Soweit ich mir durch Augenschein und Literatur ein Bild der Verhältnisse in Palästina habe machen können, wird es sieh dort nicht um einen „eigenen Volkssitz“ handeln, da das Land viel zu wenig ergiebig ist, um die Aufwendung grosser Mittel zu lohnen. Einzelne Colonien können gut gedeihen, aber sonst wird wohl immer das jüdische Palästina ein Gegenstand europäisch-jüdischer Almosen bleiben. Die einheimische jüdische Bevölkerung hat es aus sich heraus nicht verstanden, eine wirtschaftliche oder politische Bedeutung zu bekommen, und ich bezweifle* ob gutgemeinte Anregungen von aussen hierin wirklichen Wandel schaffen können. Es sind nicht die entgegen - stehenden Kräfte der Mohammedaner oder der Christen, die im letzten Grunde den jammervollen Zustand der palästinensischen Juden verursacht haben. Dass auf Grund dieses Menschenmaterials unter Hinzuziehung europäisch-jüdischer Idealisten ein in sich lebensfähiger jüdischer Centralkörper sich herausbilden kann, bezweifle ich. Fortschritte des Judenthums in Palästina sind damit nicht bestritten, aber mit gewissen Einzelfortschritten, wie Vermehrung*-/ler Colonien und bessere Armenpflege in Jerusalem, ist dem Zionismus wenig genützt. Er braucht ein stärkeres Ideal, als es sich nach meiner Ansicht im heutigen Palästina finden lässt. Ob er es verträgt, mit ^Bewusstsein als „Zionismus ohne Zion“ geleitet zu werden, entzieht sich meiner Beurtheilung. In der europäischen Kemnat aber scheint mir der Zionismus nicht als Erleichterung der mit dem Wort „Judenfrage“ bezeichnten Schwierigkeit. Ei* will vielleicht eine solche Erleichterung auch 'garnicht sein Zwar erleichtert er die theoretische Verständigung zynischen Juden und Nichtjuden ungemein, indem er klar geschiedene Gebiete voraussetzt, mit dieser theoretischen Erleichterung geht aber das andere Hand in Hand, dass er daiFtfi eil weise erloschene Bewusstsein der ethnologischen Gegnerschaft als nothwendig, ja als wünschenswert hinstellt und dadurch das praktische Handeln der Juden und der „GastVölker“ beeinflusst. Ein steigender Zionismus wird zugleich Folge alten und Ursache nefflm Antisemitismus sein. Der zionistische, wohlhabende Jude wird seinen Ueberfluss weniger „human“ als zionistisch^ verwenden. J3er zionistische Journalist und Politiker, \yrfrd. die nationalen Bestrebungen der Gastvölker verstehen und achten können, aber seine Arbeit in den Dienst des nationalen Judenthums stellen. Damit wird er ..aufhören, ein vollberechtigter Vertreter eines Volkes zu sei»? das niemals nationaljüdischen Interessen dienen kann. Der Deutsche bekämpft /ihn dann, weil er zionistische Politik oder ^Literatur schafft, und wird dem Fremden, der selbst ein Fremder zu sein behauptet, Fremdenrechte zu weisen wollen. .Jetzt wehrt sich der Jude gegen den Antisemitismus mit humanen, liberalen, kosmopolitischen Argumenten. Womit aber will er sich wehren, wenn er selbst national-jüdische Grundsätze proclamiert hat? Auf Wohlwollen will er nicht rechnen, und zur Durchkümpfüng der Machtfrage fehlt ihm die Kraft. Es ist etwas Tragisches im Geschick des jüdischen Volkstammes, aber man darf bei Beurtheilung einer so wichtigen Sache sich auch nicht scheuen, das Tragische offen zu sagen : Der Zionismus ist psychologisch nothwendig, aber er ist keine Hilfe. Auf die Frage der Einwirkung des Zionismus auf die. Kunst gehe ich nicht ein, da mir hier die genauere Kenntnis der Verhältnisse fehlt» Die Antwort des national-socialen Publicisten H. v. Gerlach. I. Ich halte es für sehr leicht möglich, dass die zionistische Bewegung stark genug wird, um eine jüdische Volksgemeinschaft in Palästina zu schaffen, die eine gewisse staatliche Autonomie. erlangt. Dann wird es sich zeigen, oh das Judenthum noch staat-bildende Kraft besitzt., was mir sehr zweifelhaft ist. II a. Die zionistische Bewegung liefert zunächst den Antisemiten willkommene Waffen, weil sie den von den Philosemiten und vielen Juden mit einer gewissen Nervosität bestrittenen Rassenunterschied betont. Sie wird wesentli ch auf die Gastvölker nicht einwirken, weil die Juden, die im guten wie im bösen Sinne von diesen Gastvölkern am meisten empfunden werden, von dem. Zionismus kaum ergriffen werden dürften. Insbesondere scheint es mir ausgeschlossen, dass die gebildeten, religiös indifferenten Juden, die in politischer, wissenschaftlicher oder künstlerischer Beziehung hervorragen, dem Zionismus zugänglich werden sollten. Denn ihre Bedeutung wurzelt in ihrer Stellung in dem Gastvolke. Sie haben alles Interesse daran, diese Stelle zu behaupten und den Antisemitismus zu bekämpfen, doch keines, sich eine neue Stellung in einem neuen, engeren Staatswesen zu erkämpfen. II b. Die Antwort liegt zum Theile schon in II a. Ich glaube nicht, dass die jahrtausendlange Entwicklung des Judenthums sich irgendwie künstlich in andere Bahnen lenken lässt. „Blut ist dicker als Masse.“ Aber dicker als Blut ist geschichtliche Entwicklung. III c. Mir fehlt, die Sachkunde zur Beantwortung dieser Frage. Erwiderung des Di*. Herzl. Auf die Bemerkungen des Herrn Pfarrers Naumann wäre vielleicht Folgendes zu entgegnen: Ein Gegensatz zwischen den verschiedenen Völkern und den Juden dürfte sich infolge des Zionismus wohl nur dann ergeben, wenn die Zionisten wüste chauvinistische Gewohnheiten annehmen sollten. Meine Freunde und ich haben jede Gelegenheit benutzt, um vor einer solchen Verirrung zu warnen. Ich glaube auch, dass nichts in unserer Bewegung die Annahme gestattet, als wollten wir uns thörioht überheben oder feindselig von der übrigen Culturmonso.hheit absondern. Immer haben wir vielmehr deutlich betont, dass wir uns die künftige Existenz unseres Volkes als eine auf der Eintracht aller Völker beruhende denken und an dieser mitavboiten möchten. Boiglich sohliesst das zionistische Ideal die „humanen", allgemein menschenfreundlichen Gedanken nicht aus; cs schliesst sie ein. Nur wollen wir keine geschlechtslosen Kosmopoliten sein, sondern unser Volksthum bekennen, während wir die höchsten Grundsätze der Humanität pflegen. Dass diese Wahrheitsliebe uns bei gerechten Menschen schaden sollte, ist schwer zu glauben. Den Ungerechten wieder worden wir es nie zu Gefallen machen. Diese beschuldigen uns ohnehin von jeher aller Missethaten. Es wird aber in der Zukunft eine der schönen und grossen Aufgaben des Zionismus sein, durch That und Verhalten zu beweisen, dass uns nichts Menschliches fremd geworden ist, auch wenn wir so frei sein wollten, unseren eigenen, armen, geschmähten Stamm nicht zu verleugnen, Wir wollen uns selbst treu sein; man wird uns dann auch eher glauben, dass wir anderen, die es verdienen, treu sein können. Das ist der zionistische Standpunkt. Wenn wir Freunde gewinnen. sollen wir nicht versuchen, ihnen gleich zu worden, sondern ihnen treu zu sein. Dies, scheint mir. ist der würdigere Weg. und auf diesem werden wir hoffentlich mehr Freunde gewinnen, als Herr Pfarrer Naumann heute noch meint. Th. Herzl.

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