Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Article
- Der Fall Rousseau
- Date
- 1899-07-21
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Welt“ Nr. 20 „Die reich von menschenfreundlich frommer Seite gepflegt wird. In Oesterreich erschlägt man ihn, weil er Christenblut braucht, anderwärts, je nun, weil er ein Jude ist. Oder nicht? Muss die Mär vom Blutabzapfen verbreitet sein, um den Juden seines Lebens unsicher zu machen? Es scheint doch nicht. Da war im Jahre 1S97 ein armer jüdischer Hausierer in Budapest, der um seines Gewerbes willen sich hinausgewagt hat auf das von gut katholischen Bauern bewohnte Dorf Ludaförs. Am Abend hat Man ihn todt hinter einem Stalle hervor-- gezogen, hinter den er sich vor den Burschen des Dorfes geflüchtet hatte . . . schon zum Tode verwundet, hatteer dort Zuflucht gesucht; aber der Herr des Hofes schlug ihn mit der Hacke über den Kopf und sliess ihn wieder hinein in die Meute . . . Warum? Ja, weil er ein Jude war ... Es ist ja doch ein Verdienst, Juden zu erschlagen, das muss nicht erst gepredigt werden von Leuten wie Schneider und Gregorig : das weiss der christliche Bauernbursch auch so. . . In der Gerichtsverhandlung haben Präsident und Staatsanwalt sehr erstaunt gethan über den blutdürstigen Aberglauben der Leute, und der Staatsanwalt hat gar in Anbetracht des grossen Interesses, das der Fall erregte, sich ganz besonders des Beifalles der Gesitteten vergewissert durch die Bemerkung, dass man leider die wahren Schuldigen, die Verbreiter des Blutmärchens, nicht treffen könne. Diese Erklärungen waren sehr interessant. Tausend und abertausend — selbstverständlich wohlsituierte — Juden reden sich ja ein, der ganze Antisemitismus sei nur politische Mache, erfunden und genährt zur Ablenkung gefährlicher demokratischliberaler Volksinstincte, und werde cessante causa wieder verschwinden. Wenn erst die Reaction auf allen Gebieten gesiegt habe, der Liberalismus mausetodt wäre, und kein hoher, höherer und ganz hoher Herr mehr von den bösen Liberalen mehr etwas zu befürchten hätte, dann werde der Antisemitismus wieder weggewischt, mit dem Radiergummi womöglich, und der Jude könne wieder ungestört seinem Gewerbe obliegen. Aber wenn der unüberwindliche, unsterbliche Liberalismus erst über alle seine Gegner triumphiert haben werde, dann sei gewiss die goldene Zeit, gekommen, und kein Mensch habe mehr ob seinem südöstlichen Aeussern ein Ungemach zu erdulden. Nur die bösen Uebergangszeiten seien gefährlich und müssten überstanden werden von dem leidensgewohnten Volke. Das ist der grosse Irrthum, der durch die rein österreichisch-politische Erörterung dos Falles Rousseau nur genährt wird. Nein, machen wir uns keine Illusionen. Gestehen wir uns zu, dass wir selber, die wir noch in der „liberalen“ Aera aufgewachsen sind, schon als halbwüchsige Kinder auf den Schulbänken dieselben bitteren Erfahrungen gemacht haben, wie der arme Rousseau, den man für einen Juden gehalten hat. Man hat uns misshandelt oder zu misshandeln nur versucht, wenn wir zufällig die stärkeren Fäuste hatten, nur weil wir Juden waren, und so wird man unsere Kinder und unsere Kindeskinder noch misshandeln, nur weil sie Juden sind. Seit tausend Jahren ist das unser Los in Europa und keine politische Doctrin wird es ändern, auch die socialistische nicht. Im Gummiradler oder im Stammcafe, wo man mit guten Trinkgeldern sich sogar taxfrei den österreichischen Adel gesichert hat, vergisst sich das leicht. Aber es ist doch so und wird am bittersten empfunden von den Wehrlosen, von den Kindern und den Einsamen, die in der Ausübung ihres Gewerbes sich hier und da einer hundertfachen feindlichen Uebermacht aussetzen müssen. Daran ändert auch nichts die edle Empörung so vieler edler Nicht- Juden, die sich bis in die Seele hinein der schändlichen Verfolgung einer Minorität in gesitteten Ländern schämen. Bis zur menschlichen Behandlung der Minoritäten sind wir eben im christlichen Europa noch nicht gediehen... Man sagt, arn Befinden der Minoritäten können der Stand der Gultur und die Freiheit eines Landes ■abgelesen werden. Für Mitglieder der Majorität, mag es ganz erspriesslich sein, einen solchen Gradmesser zur Verfügung zu haben. Aber das arme Instrument selbst, das einmal in kochende, einmal in eiskalte Flut getaucht wird, fühlt sich nicht ganz wohl in seiner Function. Es gibt nur eine Erlösung: Auf hören, Minorität zu sein. Das Leben der Juden ist da schon freier und erträglicher, wo ihre Minorität nicht gar so verschwindend ist. Es wird ganz frei werden, wenn sie auf eigenem Boden wieder ihre eigenen Herren sind. Unsere Aufgabe muss es sein, den wehrlosen Theil unseres Volkes den Rousseaifschen Situationen zu entziehen. Den Weg dazu zeigt dev Zionismus. Im Lande der Juden wird niemand um seines — germanischen Aussehens willen erschlagen werden. Der Zionismus im Urtheile hervorragender Zeitgenossen (IV und V). Wir haben an eine Anzahl im öffentlichen Leben stehender Persönlichkeiten folgenden Fragebogen verschickt: Was erwarten Sie von der zionistischen Bewegung I. In Bezug auf die positiven Bemühungen der Juden um die Gründung eines eigenen Volkssitzes in Palästina? II. In Bezug auf das Verhältnis zwischen den Juden in den westlichen Ländern und ihren „Gastvölkern“? a) für die ,, Gast Völker“, b) für die Juden. c) im besonderen für die Künste, die doch zumeist einen Zusammenhang mit der Nationalität des Künstlers haben. Die Antwort des bekannten Pfarrers Friedrich Naumann, des Führers der national-socialen Partei in Deutschland. Von der zionistischen Bewegung erwarte ich, dass sie die jüngeren, gebildeten Juden in ziemlich grosser Zahl ergreift und dadurch auf die ganze jüdische Geistesbildung einen nicht schnell wirkenden, aber nachhaltigen Einfluss gewinnen wird. Die Tiefe dieses Einflusses wird allerdings sehr von dem Steigen oder Sinken der antisemitischen Stimmung .innerhalb der europäischen „GastVölker“ abhängen, denn was die Juden veranlasst, Zionisten zu werden, ist wohl in den meisten Fällen die Einwirkung des politischen nnrl besonders auch des gesellschaftlichen Antisemitismus. Letzterer ist eine Thatsache, die durch Declamationen nicht aus der Welt geschafft wird, und zu der sich darum auch die für die geistige Leitung ihres Volksstammes verantwortlichen Juden in positiver Weise stellen müssen. Der Zionismus gibt die Idee der Verschmelzung des jüdischen Volksstammes mit den Gastvölkern principiell auf, eine Idee, die seit reichlich 100 Jahren von Praktikern und Idealisten im Judenthum vertreten wurde. Dieser Schritt ist psychologisch verständlich, aber sehr folgenschwer, da er eine internationale, israelitische, politische Organisation schaffen will, wie sie vom Antisemitismus ohne zureichende Gründe bisher behauptet wurde. „International“ ist hier vom Standpunkte der europäischen Völker aus gebraucht, während die erstrebte Organisation vom jüdischen Standpunkte aus national sein würde. Ich trage kein Bedenken, moralisch diesen Organisationsversuch für