Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 29 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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Die M Welt ♦--- < Redaction * Erscheint jeden Freitag. < , —-♦ Preise &er Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petit¬ Wien an die Redaction oder Administration: Wien, IX., zeile 10 kr. IX., Türkenstrasse 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. — Telephon Nr. 14199. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. -◄ > Manuscripte nicht zurückgesendet. 4 >-o Rp7IlÖQnrAlQP1 Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. — iß Kr., halbjährig 3 fl. 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- Dv/iU^upivluv■ land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 29 Wien, 21. Juli 1899. 3. Jahrgang Uly Da Ende dieses Monats eine grössere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Der Fall Rousseau. Von Quaerens. Ein Wandersmann mit dem Stabe in der* Hand, das Felleisen mit dem Kochgeschirre auf dem gebeugten Rücken zieht müden Schrittes die Strasse entlang, den winkenden Thünnen der Stadt entgegen. Er ist müde. Der Tag war heiss, und. die Landstrasse staubig, und er hat auf Schusters Rappen schon eine ungeheure Strecke Weges zurückgelegt. Aus dem fernen Asien kommt er, wohin ihn ein unwiderstehlicher Wandertrieb geführt hatte. Und wie er da den Thürmen der europäischen Stadt zuschreitet, überkommt ihn ein freudiges Gefühl, wie es der Wandersmann hat, wenn er aus Sturm und Wetter in eine behagliche Stube tritt und endlich die Thüre hinter sich schliesst. Es ist doch besser in Europa. Im wilden Asien, wenn ihn die Füsse nicht mehr tragen wollten, und er endlich in einer rauchigen Kirgisenhütte oder einfach hinter einem Busche Ruhe suchte, da hielt ihn die Furcht oft trotz der Müdigkeit wach, die Furcht, ob nicht ein wilder Wolf oderein barbarischer Asiate von Hunger, Blutdurst oder Fremdenscheu getrieben ihn an der Brust packen und um sein armseliges Leben bringen werde. Aber hier in Europa, wo gesittete Menschen wohnen, wo die Wölfe längst in das tiefste Dickicht des Waldes gescheucht sind, da braucht ein harmloser Wandersmann keines tückischen Angriffes mehr gewärtig zu sein. Da ist die Müdigkeit eine Wohlthat, weil sie den Schlaf sichert, den Schlaf, den so mancher Reiche nach übcrtischtem Mahle nicht zu finden vermag. Wandern ist eine Lust im gesitteten Lande . . . Doch was ist das? Ein Stein saust am Kopfe unseres Wandersmannes vorüber. Ein Stein nnd noch einer. Faustgrosse Steine sind es. Und jetzt trifft ihn einer in den Rücken. Der Wandersmann späht umher nach dem unvermutheten Feinde. Er erblickt ihn nicht. Nur ein Rudel Kinder ruft ihm in unverständlicher Sprache zu, und aus ihrer Mitte — richtig — fliegen die Steine. Ungezogene Rangen! Dass es doch noch so etwas gibt in europäischen Landen! In Asien hatten die Kinder ihn angegafft, aber gethan hat ihm keines etwas. Sie sind zur Mutter gelaufen, wenn des Fremdlings Tracht sie erschreckte ... Schlechte Sitten in diesem Lande! Wie heisst es doch: Antriebe! Seltsam! Ein christliches, ein katholisches Land, soviel er weiss, und doch, die Kinder sind so ungesittet! Ei, der Herr Pfarrer hat da gewiss seine Pflicht nicht gethan .. . Doch wer wird sich lange mit ungezogenen Kindern befassen? Er droht ihnen einmal mit dem Stocke und schreitet weiter, unbekümmert um ihr unverständliches Geschrei. Und da kommen schon- Männer des Landes. Sie werden den Kindern ihr ungehöriges Benehmen verweisen. Aber nein! Was thun sie. Ein Dutzend stürmt auf ihn ein und schlägt auf ihn los. Er ist ein starker Mann und wehrt sich, so gut er kann. Aber der Uebermacht erliegt er. Er wird niedergerissen. In der Seite fühlt er einen stechenden Schmerz. Sein Kopf blutet. Sein letztes Stündchen mag gekommen sein. Hat er sich geirrt? Ist er nicht in Europa? Ist er zufällig in das Territorium eines wilden Indianerstammes gerathen? Unmöglich! Die Trachten der Männer sind europäisch. Der Wandersmann kann nicht begreifen, wie ihm geschehen. Erst später erklärt man es ihm. Er ist zufällig eine Viertelstunde lang für einen Juden gehalten worden. Die Geschichte hat sich zugetragen in Oesterreich, knapp vor den Thoren Wiens, im Jahre des Heils 1899. Sie ist auch breit genug in den Zeitungen des Landes behandelt worden mit allen möglichen Nutzanwendungen. Die wichtigen aber hat man verschwiegen. Die passen aus anderen Gründen nicht in die Tagesblätter. Wir wollen sie nachholen, denn wir sind dazu da, zu sagen, was ist, ohne andere Rücksichten als die auf die W ahrheit. Ja, ein Mann in Oesterreich ist blutig misshandelt, um ein Haar getödtet worden, aus keinem anderen Grunde, als weil man ihn für einen Juden gehalten hat. Die Kinder freilich haben gemeint, der böse Jude wolle sie schlachten und auch die Grossen waren derselben Ansicht, der Jude brauche Christenblut. Doch das gehört zum Begriff des Juden, wie er speciell in Oester-