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Die Welt · 1899-07-14 · 28 (14.7.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
28 (14.7.1899)
Article
Schlagschatten
Date
1899-07-14
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 „Die j$s Well" Nr, 28 Die Zahl der Maroden bei „ den Truppen, die im Manöver stehen, steigt mit jedem Tage. Der Wassermangel, der brennende Staub, der »len Leuten die Poren verstopft, sich auf die Augen legt und in die Nasen kriecht, quälen sehr. Die Sanität fährt dann nach, und ladet die Kranken, die in den Strassen gr aben liegen geblieben sind, auf ihre Wagen. Das Commando hat Nachtmärsche und Nachtübungen an geordnet. In diesen Augusttagen fällt die Temperatur auch nachts nicht stark. Aber es gibt wenigstens keine brennende Sonne und kein lastendes Licht. Wie Schatten bewegen sich die Soldaten durch diese halbhellen Nächte. Die Sinne sind erregt, und jedes Geräusch, jeder Schritt schallt tiefer und stärker. Eine Feldjäger-Compagnie muss im Laufschritte eine bewaldete Anhöhe hinaufkraxeln. Oben wird in Reih und Glied angetreten. Ein junger Lieutenant übernimmt die Meldung vom Cadetten. Acht Mann fehlen noch. Der Lieutenant fragt, wer die sind: „Bartsch.... und Schmidt.... und der Kohn . . . .“ „No natürlich“, schnarrt der Herr Lieutenant,“ der Itzig Koin kann nix ä soi schnell laufen“. Und die ganze Compagnie lacht Beifall. Das ermuntert den Herrn: „Hoffentlich is doch sonst ka Jüd da?“ In dem Einjahrig-Freiwilligen Dr. Walter zuckt es einen Augenblick. Er spürt, dass die Leute auf ihn sehen. Ah! Das wäre eine Befreiung, jetzt hintreten und reden: „Melde gehorsamst Herr Lieutenant, Einjährig-Freiwilliger Dr. Anton Walter, ein Jude“. Das dauert aber nur eine Secunde. Dann ist der Kitzel weg. Er bleibt ruhig stehen, sieht zu Boden, und in das Kichern der anderen mengt auch er sein erzwungenes, verlegenes Lächeln. Zwei Stunden dauerte noch die Uebung. Dann gieng die Sonne auf. Zuhause. Der Wollhändler Moriz Singer ist mit seiner Familie beim Nachtmahl. Die Jalousien sind zugezogen, und die Stores hängen vor. Im ganzen Zimmer ist ein freundliches Licht, das sich von den beiden Auerbrennern am Luster gleichmässig vertheilt. Im Porzellan und im Besteck, auf den weisslackierten Fluren und in den unmodernen polierten Möbeln spiegeln viele Reflexe. An der Spitze des länglichen, schön weissgedeckten Speisetisches sitzt der Vater, links von ihm die Mutter mit den beiden Söhnen, rechts die drei Töchter. Das ist strenge Ordnung. Ueberhaupt alles kleinbürgerlich und bescheiden, wenn auch der gediegene Reichthum häusliche Bequemlichkeiten gestattet. Nach dem Essen bringt das kleinste Töchterchen dem Alten die Zeitung und die Cigarrenkiste und die Hausschuhe. Das ist einen Abend wie den anderen. Da hört das Geplauder auf. Die Frauenzimmer arbeiten und die Söhne lesen. Manchmal gibt es Verdruss, weil das eine von den drei Mädchen auch lieber lesen will. Wie der Vater heute schon bei der Zeitung hält, stört ihn die Frau noch einmal. Sie nimmt ihn bei der aufgestützten Hand und macht sein Gesicht frei, damit er ihr zuhört: „Du, die Zwillinger war heute da. Sie hat doch eine Tochter verheiratet in Jaslo, wo jetzt die grossen Excesse waren. Schrecklich, wie die Frau geweint hat. Wie es dort zugehen soll. Nicht die Hälfte steht in der Zeitung. Man hat ihren Schwiegersohn doch auch geplündert. Wie der erste Stein ins Fenster geflogen ist, hat sich das Dienstmädel mitten ins Zimmer gestellt und hat gelacht, und dann ist sie auf und davon. Heute stehen sie noch allein. Und können nicht auf die Gasse. Der Mann ist Milch holen gegangen. Und da sind ihm die Kinder von der Strasse nachgelaufen und haben immer mit den Händen an ihrem Halse herumgesägt . . . Da unterbricht sich die Frau ganz erschrocken. Man hat im dritten Zimmer Schritte gehört. Das Dienstmädchen macht dort die Betten auf. „Mach' die Thür'zu“. Die Kleine,* die vorhin dem Vater Hausschuhe und Cigarren aus dem Schlafzimmer gebracht hat, folgt schnell. Eine stumme Pause. „Mach' die Thüre wieder auf“, befiehlt der Vater. „So. — Ganz auf“. Noch eine Secunde sind alle still, und dann sagt der Alte leise zu seinem Weibe: „Das war jetzt sehr unklug. Wenn Du die Thüre zumachst, kann sie wirklich glauben, wir haben etwas Geheimes“. Ein Juden junge. Der dreizehnjährige Max ist ein verträumter und verspielter Bub. Manche seiner Lehrer halten ihn für dumm, andere nur für faul. Er ist in der vierten Gymnasialelasse. Jetzt kommt er aus der Schule nachhause geschlenkert. Seine ältere Schwester erwartet ihn schon seit einer halben Stunde. Sie zankt ein bischen, warum er so spät kommt und gibt ihm die Jause. Dann zündet sie beim Clavier die Kerzen an, und befiehlt ihm, eine Stunde fleissig zu üben. In einer Stunde wird sie mit der Mama zurück sein. Jetzt ist Max allein. Niemand schafft ihm etwas. Das macht dem Jungen eine seltsame Freude. Eine ganze Stunde wird er sich überlassen sein. Eine Stunde. Wie lange ist eine Stunde? Er schaut nach der laut tickenden Uhr. Drei Minuten sind schon vorbei. Die zwei langen flackernden Kerzen kommen ihm feierlich vor. Er schlägt ein paar Tasten an, nimmt dazu Pedal und horcht, wie sie nachklingen. Aber Clavierüben ist doch zu dumm. Er öffnet das innere Fenster, spreizt zwei Latten von den Jalousien auf und guckt durch diesen Spalt auf die Strasse. Die Gasflammen in ihren Glashäusern und die hellen Schaufenster vis-ä-vis, und die eiligen Leute, alles ist ihm interessant. Dabei schneit es. Er sieht den Flocken nach. Oben im Dunkeln sind sie grösser und weiss unten glänzen sie und tanzen im Licht. Es liegt schon viel Schnee'in den Gärten. Da fällt ihm ein, dass die Buhen aus seiner Classe"morgen nachmittag sicher wieder Schneeballen keilen werden. Die Unruhe treibt ihn vom Fenster weg, und er läuft im Zimmer herum. „O, ich möchte auch so gerne mitspielen mit den anderen. Aber es spricht ja keiner mit mir, weil ich ein Jud hin." Eine zornige, weinerliche Wuth ist in seiner Stimme* Aber er beruhigt sich schnell. Das macht nichts. Die Buben sind halt dumm und der Schmidt-Franz gar, und wenn er tausendmal der Beste aus Latein ist. Und der kleine Mann tröstet sich, dass die Welt schon einmal gut und gescheidt werden wird. Und er selbst wird das Seinige dazu thun, bis er nur erst gross ist. Jetzt geht er zum Bücherkasten. Manches Buch ist ihm verboten. Gestern hat er Don Carlos von Schiller ausgelesen. Er nimmt den Band wieder heraus und blättert darin. Mit einem tiefen Seufzer sagt er leise: „Geben Sie Gedankenfreiheit." Er erfasst das nicht genau. Aber er versteht es gut. Er versteht es aus der Sehnsucht heraus, die in ihm ist und mit der er sich von irgend einem Druck befreien möchte. Dann nimmt er Heine aus dem Fach. Vieles liest er ohne Verständnis, bis er dann ein Gedicht aufschlägt, das ihm sehr gefällt. Laut, mit einer kindlich-innigen Betonung sagt er Wort für Wort in der menschenleeren Wohnung für sich hin: Ein Fichtenbaum steht einsam Im Norden auf kahler Höh’. Ihn schläfert; mit weisser Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee, Er träumt von einer Palme, Die, fern im Morgenland, Einsam und schweigend trauert Auf brennender Felsenwand. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei „Industrie* (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11

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