Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Article
- Über die Juden des Orients
- Date
- 1899-07-14
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 28 „Die H Welt“ Seite 9 babylonischen Sprachengewirr erinnert, denn jeder Passagier spricht ein anderes Idiom, jede Gruppe hat ihre eigene Sprache, Auf der unteren Donau wird er deutsch, französisch, ungarisch, serbisch, rumänisch, spanisch, bulgarisch, griechisch, türkisch, italienisch etc. zu hören bekommen, kurz ein bizarres polyglottes Durcheinander, wie es wirrer bei jenem denkwürdigen Bau in der Hauptstadt der Chaldäer nicht gewesen sein konnte. Das ist der Orient, der wahre, echte Orient, der politische Wetterwinke], in welchem es zum Schrecken Europas ununterbrochen blitzt und flammt Auf diesem Stückchen Erde kämpfen Religionen, Nationalitäten und Völker gegeneinander, welche räumlich so nahe stehen und sich trotzdem die Hände zum Frieden nicht reichen können, nicht reichen wollen. Man mag über die Türken wie immer denken und urtheilen, wir Juden sind und bleiben diesem Volke ewig dankbar für die beispiellos loyale Gastfreundschaft, welche wir in unseren schrecklichsten Nöthen bei ihm gefunden und für den mächtigen Schutz, welchen Herrscher und Volk des damals allmächtigen Osmanenreichs uns gewährt haben. — Und sie haben es während der vier Jahrhunderte keinen Augenblick zu bereuen gehabt, ganz im Gegentheil. Es war eine der weisesten Thaten des grossen Eroberers von Constantinopel, dass er den unmenschlich gemarterten Juden Spaniens Aufnahme und freies Wohnrecht in seinem Reiche zuerkannte. Fahrende Bettler und ausgehungertes Volk glaubte Muhamed der Grosse vor sich zu sehen, doch es waren Heroen in Lumpen gehüllt, Heroen an Geist, Seelenstärke, an Kenntnissen, an Künsten und Fertigkeiten. Die Sultane fanden an diesen Juden ihre weisesten und treuesten Räthe, die sie wieder mit den höchsten Gunstbezeugungen und Ehren belohnten. Die Juden brachten die Erzeugung des Schiesspulvers und den Kanonenguss ins Land, verbreiteten überall Gewerbefleiss und Handwerke, ragten durch ihre Kenntnisse des Arabischen hervor, gaben dem überseeischen und inländischen Handel einen nie geahnten Aufschwung und bildeten einen freien wohlhabenden Mittelstand in der aus freien Kriegern und Sclaven bestehenden Bevölkerung des Reiches. Glänzende Namen der jüdischen Literatur werden für ewige Zeiten von der hohen Cuitur- und Bildungsstufe der spanischen Juden in der Türkei Zeugnis abgeben. Jene armen Flüchtlinge gereichten so sehr zum Segen des gastfreien mächtigen Reiches, dass ein Sultan es nicht begreifen konnte, wie der katholische Ferdinand und seine kluge Frau ihre nützlichsten Bürger vertreiben konnten. Jene Männer waren die Väter der jetzigen spanischen Juden im Orient. Mit der Decadenz des einst so mächtigen Reiches giengen auch bei den Juden allmählich Wissenschaften und Künste zurück. Die vielen Kriege und die Bedürfnislosigkeit der türkischen und slavischen Bevölkerung Hessen Handwerk und Gewerbe im Lande verkümmern, der Handel litt unter der Unsicherheit der Verhältnisse, und die Juden mussten verarmen. Trotzdem war bis vor drei Decennien noch etwas wie ein romantischer Hauch über diesen Menschen. Ihr stolzes und dennoch würdevolles Aussehen, ein Gefühl der Liebe für das Judenthum, ihr makelloses Familienleben, und ihre von jedem Fanatismus freie Religiosität erinnerten an ihre glorreichen Väter. Sie haben es stets verstanden, mit den Türken in Freundschaft zu leben, ohne sich vor denselben zu demüthigen, und ohne die Missgunst der Christen wachzurufen. Ja, sie waren oftmals Friedensstifter zwischen den zwei feindlichen Parteien. Abgesehen von einzelnen Fällen von Erpressung seitens einiger Machthaber und Paschas hat es in der europäischen Türkei niemals Judenexcesse von Bedeutung gegeben. Ich selbst erinnere mich noch dankbar einer Gelegenheit, da die ganze jüdische Gemeinde in einem Städtchen des jetzigen Bulgarien durch Türken vor Brandschatzung und noch ärgeren Greueln beschützt wurde. Es war während des letzten russisch-türkischen Krieges. Die Russen hatten die Donau überschritten und Kanonendonner drang, immer näher kommend, bis in unser, am sogenannten Zgurigrad, in einem Thal des Balkans gelegenes Städtchen. Da Hessen einige vorwitzige junge Bulgaren in ihrer Freude über die nahe Befreiung Drohungen gegen die fliehenden Türken laut werden. Nach zwei Stunden kehrten die Türken in Begleitung von hundert berittenen Tscherkessen in die Stadt zurück, und ein blutiges Christengemetzel war die fürchterliche Folge der an sich unbedeutenden Provocation. Alle Häuser wurden ausgeplündert und niedergebrannt, nur den Juden wurde kein Haar gekrümmt. Die türkischen Einwohner hatten sich vor den Wohnungen der zitternden Juden postiert und dieselben geschützt. Die Juden in der Türkei führten bis noch vor wenigen Jahren ein ruhiges, beschauliches Leben. Jetzt ist es auch damit beinahe zu Ende. Die Locomotive hat nicht allein das wirtschaftliche und sociale Leben in unglaublich kurzer Zeit von den althergebrachten Wegen total abgelenkt, sie hat die Völkerschaften des europäischen Schlaraffenlandes förmlich überrumpelt, den Schleier der Romantik, der von jeher über diesem Lande lag, durch ihren schrillen Pfiff weggeblasen und durch ihren dicken Qualm verunziert. (Schluss folgt.) Tribüne. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wir protestieren gegen Dr. Salz, der als Vereinspräsident nicht berechtigt war, gegen den politischen Zionismus in der „Oestcrreichischen Wochenschrift“ einen Artikel zu schreiben, mit dem die Mehrheit des Vereinsausschusses nicht einverstanden ist. Julius Hochfeld, Vicepräsident und viele Mitglieder des „Ahawas Zion“. * * * Sehr geehrte Redact io n Wir beehren uns hiermit, Ihnen anzuzeigen, dass wir für den 6. und 7. August a. c. in Brünn einen „Jüdischen H a n d e 1 s a n g e s t e 111 e n t a g“ einzuberufen gedenken. Etwaige Vorschläge zur Tagesordnung bitten wir zu adressieren an: Verein zionistischer Handelsangestellter „Emuna“, Brünn. Für den Ausschuss: H i c k 1, Sehr geehrte Redaction! Ich weiss, dass dieses Inserat Zionisten lesen, also Leute, die für Judennoth ein Herz haben, und will hoffen, dass mein Aufruf nicht unerhört bleibt. Karl Jellinek in Ledecko, Post R a t a j (Böhmen), V ater von 7 Kindern wovon nur eines erst sich sein Brot verdient, ist in unsäg-