Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 28 (14.7.1899)
- Article
- Gespräche über den Zionismus aus dem Haag
- Date
- 1899-07-14
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die A Weit“ Nr. °28 Seite 2 diesem Jahre kehrte er heim und veröffentlichte sein Hauptwerk: „The hist orj of the Warfare ofSeience and Theology". (Die Geschichte des Krieges zwischen Wissenschaft und Theologie.) Ohne Rückhalt steht der Verfasser auf Seiten der Wissenschaft. Als er — 1885 ■— seinen Posten als Rector verliess. machte er der Universität das Geschenk einer 30.000 Bände umfassenden Bücherei. Dr. White hat an der Schiedsgerichts-Angelegenheit von Venezuela, die gegenwärtig in Paris zum Austrag gebracht wird, insoferne thätigen Antheil genommen, als er im Jahre 189P» vom Präsidenten Cleveland in die Commission berufen wurde, welche die besagte Grenzangelegenheit studierte. Gegenwärtig war er, auf der Conferenz im Haag, der Ueberbringer eines von Seiten der amerikanischen Regierung ausgearbeiteten Planes für das internationale Schiedsgericht. Was seine Gesinnungen mit Bezug auf das Werk der Conferenz sind, das mögen die folgenden Worte sagen, die ich aus seinem Munde gehört. Er sprach von G r o t i u s, dem grossen holländischen Begründer des Völkerrechtes, und erzählte, dass er schon vor dreissig Jahren an die Stelle gepilgert, wo das Grabmal des Verfassers von „De jure belli et pacis" steht. „Es ist zum erstenmal e in der Geschichte, dass sich alle Nationen zur Verfolgung desselben Zweckes in einer Art Weltpariament versammelt haben, und dieser gemeinsame Zweck stellt eine weitere Evolution der Principien dar, welche Grotius als erster verkündet hat. Sein grosser Geist brütete über dem zu seiner Zeit herrschenden Ideenchaos, und aus seinem Herzen und Hirne kam eine Offenbarung, die der Welt den Weg zur Barmherzigkeit und zum Frieden wies.“ „Grotius’ Geist könnte zu den Theilnehmern der Conferenz sagen, dass sie weder Widerstand noch Herabsetzung fürchten sollen, denn so wie sein Buch, das anfangs gar kein Verständnis und sogar Verfolgung fand, zum Keime wurde, aus welchem die Haager Conferenz hervorgewachsen, so wird das Werk dieser Conferenz, welches von einer unter der Last der Rüstungen schwer zusammenbrechenden Welt gefordert wird, den Keim abgeben, aus welchem künftige Conferenzen immer bessere, grössere und edlere Pläne entfalten werden.“ Als ich — es war beim Minister des Aeusern Herrn von Beaufort — im Laufe einer Unterhaltung mit dem amerikanischen Gesandten auf den Zionismus zu sprechen kam, musste ich auch von ihm, wie von so vielen anderen, die Antwort hin nehmen : „Darüber kann ich keine Meinung abgeben — ich kenne die Sache nicht. Wohl aber habe ich davon gehört." „Nur gehört?“ „Das ist schon viel. Es gibt gar manche Zeitereignisse von weittragender Bedeutung, die den Zeitgenossen ganz entgehen. Kennen Sie die Anekdote? Als Pontius Pilatus, nachdem er seine Amtszeit in Jerusalem abgedient, nach Rom kam und da seinem Vorgesetzten über die Vorkommnisse in Judäa eine Stunde lang berichtete, sagte er schliesslich, es sei nichts Merkwürdiges geschehen. — „Ist denn nicht ein Aufrührer hingerichtet worden, ein gewisser Jesus?" — fragte der Andere. „Mir wurde doch erzählt, dass Ihr dabei betheiligt wart? . . / Pontius Pilatus schlug sich vor die Stirne: „Ach ja — der Jesus . , . Das hatte ich ganz vergessen." Ich trug, ob es in Amerika auch den Antisemitismus gebe. „Nein, das gibt es nicht Und darum verstehen wir diese Erscheinung kaum. Die Dinge, die in Frankreich Vorgehen — in der Dreyfussache — die in Wien den Parlamentarismus verroht haben, sind tief betrübend und unbegreiflich zugleich.“ Ich erklärte, welches wirksame Aufbäumen gegen die. die Juden treffenden Kränkungen der Zionismus darstelle, wie er namentlich eine Bethätigung des Nationalstolzes sei. Oder — Stolz ist nicht der richtige Ausdruck — Bejahung der National würde — der Selbstachtung. „Ganz richtig", meinte Dr. White, „und muthig hervorgekehrte Selbstachtung erzeugt die Achtung Anderer. Da erinnere ich mich eines Falles, den ich vor langer Zeit erlebte. Als Attache der amerikanischen Gesandtschaft in St. Petersburg war ich eines Abends zum Dinner von einem Herrn eingeladen, der in der englischen Colonie der Stadt sehr hoch stand, M. Baxter. An seinem Tische bemerkte ioli einen Herrn, der sehr geachtet schien und der das Tischgespräch lenkte. Zugleich beobachtete ich, dass ihm nicht dieselben Speisen geboten wurden, wie den anderen, und dass sie ihm nicht von denselben Dienern gebracht wurden, und das geschah während des ganzen Mahles. Später fragte ich im Rauchzimmer den Gastgeber um eine Erklärung für diese seltsame Sachlage, Der sagte, dass der b -treffende Herr als ein Mann von Wissen und Bildung hochgeschätzt sei, so sehr, dass es ihm, trotzdem er ein Jude war, doch erlaubt war, in Petersburg zu bleiben. Dass er ein Mensch von grossem Verstände und freisinniger Anschauung sei, dass er aber die Absicht habe, gegen die seiner Rasse zugefügte Ungerechtigkeit stille zu protestieren, und eine Einladung zum Speisen nur unter der Bedingung annehme, dass er seinen eigenen Koch und seinen Speisenträger hinschicken könne. Ich verstand dies besonders in der Hinsicht, dass, wenn die Christen zu stolz wären, mit ihm zu essen, er zu stolz wäre, mit ihnen zu essen. Dr. White erzählte mir auch, dass der Gesandte der Vereinigten Staaten in Constantinopel ein Jude sei, und dass er derjenige ist, der den christlichen Missionären die meiste Protection angedeihen lasse und von ihnen auf das dankbarste geliebt werde. Ich musste noch weitere Auskünfte über den Zionismus geben. Dr. White stellte viele Fragen und freute sich zu hören, dass die Bewegung schon so weit gediehen sei, wie ich mittheiien konnte. Den Ausdruck seines Interesses fasste er in einen Rath zusammen, den er den Zionisten gibt: „Man suche die Hilfe des deutschen Kaiser s.“ Das ist „le mot de la fin". Und ich möchte gleichfalls einen Rath daran knüpfen : Man suche das Interesse Doctor W h i t e s an der Sache noch weiter zu wecken und so vielleicht auch seine Hilfe zu erlangen: er ist ja Botschafter in Berlin. Die neue Orientmacht. Von 0. Erter» Es hat immer Weltpolitik gegeben, und man inus^ es bisweilen schon drollig finden, dass jetzt mit solchem Aplomb von Weltpolitik gesprochen wird, als handelte es sich um etwas Funkelnagelneues aus dem letzten Jahrzehnt» Es möchte doch wohl schwer sein, zwischen der Colonialpolitik von heute und derjenigen der Spanier, Holländer, Engländer während der vergangenen Jahrhunderte in weltpolitischem Sinne einen Unterschied herauszufinden» Nur der Kreis der sogenannten Weltmächte hat sich geändert, Spanien, Portugal, Holland