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Die Welt · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Article
[Kommentar]
Date
1899-07-07
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14 „Die j£x Welt“ Nr. 27 Zeitschriftenrundschau. Die „Krakauer jüdsche Zeitung“ (Herausgeber Ahron Markus) bringt einen vortrefflichen zionistisch gehaltenen Leitartikel, der in einen Aufruf zur Shareszeichnung ausklingt. Die ,,Jüdische Chronik“ von Dr. Adolf C u r r e i n-Teplitz bringt in ihrer letzten Nummer eine Leihe interessanter Artikel. Wir heben hervor : „Am Tisch eb eow-Abende“ und „Sir Francis M o n t e f i o r e“ von Marcel Weissmann; „Die grosse M e s s i a s b e w e g u n g“ von S. M e i s e 1 s. Bücherwelt. Materialien zum biblischen Geschichtsunterrichte für die Hand des Lehrers von Josef Stöhn, einer. Instituts-Director, Wien 1898. Der Verfasser sucht durch Vertiefung in den Lehrstoff, durch Vergleichung der Vergangenheit mit der Gegenwart, durch Erinnerung an Bekanntes und namentlich an Vorfalle aus dem täglichen Leben die Lehren der Bibel den Kindern zu veranschaulichen, wobei er dem Lehrer einen möglichst weiten Spielraum lässt, durch neue Gedanken und auf Grund eigener Erfahrungen den Stoff zu erweitern. Etwas sehr knapp sind das 3., 4. und 5. Buch Mosis behandelt; mit ihren 499 Ge- und Verboten mussten sie sich mit 12 Seiten begnügen — vielleicht spricht hier die Erfahrung mit, dass bei den grossen Anforderungen, welche die Schule an die Schüler stellt, der Religionsunterricht nur selten über das 2. Buch Mosis hinaus sich erstreckt. Einige Midraschim- und neue Ideen des Verfassers bieten willkommene Abwechslung und Gelegenheit, auch auf das hagadische Gebiet hinüberzugreifen. Aus Josua,. Richter, Samuel, Könige und den Propheten sind die Hauptereignisse erwähnt und das nationale Moment in den Vordergrund gerückt. •_ B. Ein berühmter jüdischer Bildhauer. Die Berliner Kunstausstellung vom Sommer 1893 bot uns -Gelegenheit, uns mit einem Bildhauer bekannt zu machen, der zweifellos zu den hervorragendsten Erscheinungen der Gegenwart gehört —- mit dem seit einer Reihe von Jahren in Paris domicilierenden Russen M. M. A n t o k o 1 s k y. Aus seinen Werken spricht ein Mann, der einerseits die Gabe volkstümlicher und überzeugender Charakteristik in hohem Grade besitzt, andererseits einen Idealismus verkörpert, wie er uns in dieser ' Tiefe und Hoheit nur bei wenigen Plastikern der Gegenwart begegnet. Antokolsky hat im Jahre 1887 hochinteressante autobiographische Aufzeichnungen herausgegeben. Er erzählt in ihnen die Geschichte seiner jugendlichen Schwärmereien, seiner Hoffnungen und Enttäuschungen bis zu dem ersten grossen Erfolge, dem Denkmal Iwans des Schrecklichen, welches ihn mit einem Ruck in die vorderste Reihe der europäischen Bildhauer stellte. Diese Schilderungen sind von einer rührenden Offenheit und Wahrheitsliebe. Antokolsky erstrahlt in ihnen im Lichte eines Künstlers, der von, Begeisterung für seine Kunst erglüht, dem sie eine Art Gottesdienst ist und der es sich feierlich gelobt, mit, vollster Hingebung und Selbstlosigkeit nur die höchsten: Gedanken in ihr zum Ausdrucke zu bringen. Mit dieser. Auffassung seiner Mission geht ein unbeugsamer Widerwille gegen alles Conventionelle und Erkünstelte, gegen, den Cultus überlebter Formen und inhaltloser Symbolik Hand in Hand. Nur solche Werke machen auf ihn Eindruck, in welche der schaffende Künstler seine volle Persönlichkeit hineingelegt hat, die innerlich nothwendig uhd aus einem unwiderstehlichen Drange nach lebenswahrer Gestaltung hervorgegangen sind. Je kräftiger dies Gefühl der Individualität in ihm pulsierte, desto schwerer wurde es ihm, sich den Weg zu bahnen und seine Umgebung davon zu überzeugen, dass er kein Sonderling und Grillenfänger, sondern eine von starker Willensenergie beseelte Künstlernatur sei, die um keinen Preis der Mittelmässigkeit Zugeständnisse machen wollte. Aut Caesar — aut nihil. Jahre lang schien es, als ob sich das letztere erfüllen sollte. Wir finden ihn durch Entbehrungen, Krankheiten und harte Schicksalsschläge tief gebeugt, zumal er sich fortwährend im Widerspruche zu der als alleinseligmachend anerkannten akademischen Richtung befand. Die Abneigung gegen das Studium, wie es auf Kunstakademien im allgemeinen betrieben wird, spiegelt sich klar und durchsichtig in seinen Jugenderinnerungen. Nach seiner Meinung sind solche Anstalten nicht geignet, selbständige, ursprüngliche Persönlichkeiten zu prägen. Sie dienen im Gegenteile nur dazu, ihnen die Flügel zu stutzen, sie von dem Wege der Selbsterkenntnis abzulenken undSchablonenmenschen zu züchten. Antokolsky wurde im Jahre 1842 in Wilna geboren. Die Verhältnisse, unter denen er aufvvuchs, waren die allerbescheidensten und eröffneten ihm keine Aussicht auf eine Lebensstellung, die sich über das Gewöhnliche erheben würde. Aber jeder noch so geringe künstlerische Eindruck blieb in seiner Seele unauslöschlich haften. Als Kind sah er in einem Stereoskopenkasten die Laokoongruppe, und der Gedanke an dieselbe erschloss ihm eine ganz neue Welt, zu welcher er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Der begeisternde Zuspruch eines Jugendgenossen ermuthigte ihn, mit der Alltäglichkeit, von der er sich umgeben sah, zu brechen und nach Petersburg zu reisen. Seine ersten Arbeiten waren zwei Copien, Köpfe des Erlösers und der Mutter Gottes, die er aus Holz schnitzte. Auf Grund derselben wurde er als Schüler in die Akademie aufgenommen und der Sculpturclasse zugetheill. Seine erste selbstständige Arbeit, die er während der Ferien in seiner Vaterstadt ausführte, war ebenfalls eine Holzschnitzerei. Sie stellte einen alten jüdischen Schneider dar, wie er sich aus dem Fenster herauslehnt, um den Zwirn in die Nadel zu fädeln. Auf der Ausstellung in Petersburg im Jahre 1864 erregte sie vor allem die Aufmerksamkeit des um die slavisch-russische Mythen- und'Sagenforschung hochverdienten Gelehrten Stassow, der auch in der Presse mit wannen Worten auf das vielversprechende junge Talent hin wies. Antokolsky erinnert sich mit 'grösster- Dankbarkeit dieser ersten lobenden Kritik, die über ihn erschien, und'hat dem Verfasser derselben, der jelzt Leiter der kaiserlichen Bibliothek in Petersburg ist, eine treue Freundschaft bewahrt. Während dem jungen Künstler für seine erste Arbeit die kleine silberne Medaillet verliehen wufde, erhielt er für seine zweite, eine Elfenbeinschnitzerei, die einen Geizhals heim Zählen des Geldes darstellte, die grosse silberne Medaille und ein Stipendium, das zwar nicht bedeutend war, aber ihn doch vor der äussersten Noth schützte. Er empfand es jedoch schmerzlich, dass die Schüler der Kunstakademie aut sich selbst angewiesen waren, jeder Leitung und zielbewussten Anweisung entbehrten, weil die Lehrer sich fast gar nicht um sie kümmerten und mit äusserster Oberflächlichkeit zu Werke giengen. Wohl fühlte er, dass die beiden prämiierten Arbeiten, so sehr sie ihm auch als Anfänger Ehre machten, weit entfernt waren, seinem Ideal zu entsprechen. Sie durften als Beweis für eine gesunde, realistische Kunstauffassung gelten, aber durfte er hoffen, jemals ein Meister zu werden, der in der Kunst Originelles

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