Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Article
- Lemberg
- Date
- 1899-07-07
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 „Die H- Welt“ Seite 11 die anderen Blätter es nicht der Mühe wert, die Angaben auf ihre Richtigkeit zu prüfen und gaben sie mit mannig*- fachen Commentaren wieder. Dre i Tage d a r au-f wurde aber polizeilich c o n s t a t i e r t, d a s*; an der ganzen Sache kein Wörtchen -wahr ist. Mit Ausnahme des „Slowo po.lskie“ und des „K u r j e r lwowski“ hat bis jetzt keine Zeitung ein Dementi gebracht, trotzdem sie sonst auf ihre grosse Unparteilichkeit stolz sind. Einen weiteren Beweis der „Unparteilichkeit“ der galizischen Machthaber und ihrer Presse kann die letzte Wahlcampagne in den hiesigen Gemeinderath liefern, Wie es bekannt sein dürfte, werden in Galizien Wahl-Protokolle auf die rigoroseste Art rectificiert. Bei den jüngsten Reichsrathswahlen zum Beispiel, gieng es so streng vor, dass ein Pünktchen auf einem Z einem Candidaten, der den galizischen Gewalthabern unschädlich zu sein schien, das Mandat verschaffte. Eine Reihe von Stimmen nämlich, welche auf den socialdemokratischen Candidaten Zelaszkiewicz gefallen waren, wurden deshalb annulliert, weil auf den Wahlzetteln auf dem Z das Pünktchen fehlte. Daher kam es nun, dass dieser oppositionelle Candidat mit circa 10 Stimmen seinem Ge gen candidaten unterlegen ist. Eine derartige Strenge trifft selbstverständlich nur unbequeme Candidaten. Handelt es sich aber um Herren aus dem eigenen Lager, da hört das strenge Verfahren auf, und man erlaubt sich ein wenig durch die Finger zu schauen. So rechnete die Wahlcommission des hiesigen Gemeinderath.es und später infolge eines Protestes auch der complete Gemeinderath dem Professor Ludwig Rydygier, die bei der Hauptwahl auf Josef Rydygier zugefallenen Stimmen und agnoscierte des ersteren Wahl. Der Grund für diese Gewissensleichtigkeit ist lediglich dem Umstande zuzuschreiben, dass dieser Herr Universitätsprofessor der „christlich-socialen Partei“ angehört und auf dem letzten Katholikentage die erste Geige spielte. Dieselbe Commission scheute sich aber nicht, einen gegen das jüdische Gemeinderatbsmitglied M. Sprecher eingelaufenen Protest zu berücksichtigen, und beschloss, des Juden Wahl zu annullieren, scheinbar deshalb, .weil derselbe in einem Abhängigkeitsverhältnisse zur Gemeinde stehe. In der That aber steht in diesem Verhältnisse dessen Bruder, welcher bis Ende 1890 eine Schrankemnauth pachtete. Es bedurfte erst der grössten Anstrengungen seitens aller jüdischen Gemeinderathsmitglieder, um in der Plenarsitzung den Minoritätsantrag der Wahlcommission durchzusetzen und den Protest gegen Sprecher abzuweisen. Lemberg. Die Vorarbeiten für den in der zweiten Hälfte Juli hier stattfindenden Studententag sind in vollem Gange. In die einzelnen Referate theilten sich die akademischen Clubs und Vereine in Wien, Krakau, Jaroslau, Lemberg, Stanislau, Kolomea. — In der „Przyszlosc“ beginnt eine Serie von Artikeln zu erscheinen, die die Aufgaben und Ziele des zionistisch-galizischen Studententages publicistisch zu erörtern und zu beleuchten suchen. Der erste dieser Artikel bringt die schon so vielfach angeregte Gründung von Volksuniversitäten zur Sprache und schlägt die Errichtung von Filialen des hebräischen Sprachverein es in Galizien vor. Lemberg. Der hiesige Verein jüdischer Handelsangestellter „Tvria“ ehrte das Andenken unseres Nationalhelden „Bar-Kochba“ durch die Veranstaltung eines Gartenfestes. Es wurden viele Gelegenheitsreden gehalten und zionistische Lieder gesungen. Den musikalischen Theil besorgte der akademische Chor. — Derselbe rührige Verein veranstaltete am 18. d. M. einen gelungenen' Ausflug zugunsten der Borysiawer Arbeiter. — Der langjährige Secretär der hiesigen Cultusgemeinde Dr: Ignaz N ossig starb im Alter von F4 Jahren. Der Verstorbene ist der-Vater Dr. Alfred N o s s i g s. Tarnow. Kürzlich starb hier der langjährige Präses der hiesigen Cultusgemeinde Herr Hermann M e r z. Herr Merz hatte es durch langjährige ehrliche Arbeit vom Handlungsgehilfen bis zum Grossindustriellen- und Unternehmer gebracht. Als Mitglied vieler humanitärer Körperschaften machte er sich durch sein segensreiches Wirken bei allen sehr beliebt und angesehen. Seinen wohlthätigen Sinn, seinen lauteren Charakter und seine Verdienste um die Judengemeinde hoben die Herren Dr. Schützer und Dr. Mutz an seinem Grabe hervor. Stanislau. Sonntag den 4. Juni fand im Locale des hiesigen Zionvereines ein Festabend zu Ehren des hebräischen Schriftstellers Perez Smolensk! statt. Ein zahlreiches Publicum wohnte der Feier bei. Die Feier eröffnete Herr Dr. Jonas, der in einer geistreichen und inhaltsvollen Rede die Verdienste Smolenskfs um die hebräische Literatur würdigte. Herr Paukler veranschaulichte in einer vorzüglichen hebräischen Rede das Lebensbild unseres Schriftstellers und hob dann den bleibenden Wert seiner Werke hervor. Die Tendenzrede hielt Herr E b e r s o h n, der in schwungvollen Worten auf den Zionismus, als auf die einzige Lösung der Judenfrage, hinwies. Russland. Warschau. Vor einiger Zeit spendete der hiesige Banquier Herr W a w eiberg eine grössere Summe für die Errichtung von Armenhäusern. Dieselben wurden dieser Tage eröffnet. — Die historischliterarisch e Section der Odessaer Filiale des Vereines zur Verbreitung der Bildung setzte einen Preis aus für die Abfassung eines p opulären W e r k e s über j üclische Typen in der polnischen u n d russischen Literatur des XIX. J a h r hund e r t s. Der Preis trägt den Namen des Stifters Kolonimos Lew Wisotzky und wird gebildet aus den Zinsen der Stiftung per 4300 Rubel. Der letzte Einsendungstermin ist der 13. Juli 1902. — In Lodz organisieren die jüdischen Weber eine rein jüdische Genossenschaft nach dem Muster der hier bereits existierenden christlichen Weh er ge uossen schaff. Warschau. Vor kurzem fänden hier die G ul fu sw ab len statt. Von 1580 Stimmberechtigten gaben 1190 ihre Zettel ab. Das Scrutinium begann Dienstag den 20. Juni und wird viermal wöchentlich fortgesetzt werden. Das Resultat der Wahlen wird erst Anfang Juli bekannt gegeben werden. — Ein Warschauer Synagogen comitß veröffentlicht einen Aufruf* in dem es zum Sammeln hebräischer, auf die Geschichte der Juden bezüglicher Handschriften auffordert. — Der Obercantor der Tlomaeka-Synagogo Herr Grützen h ä n d I e r feierte Samstag den 21. Juni sein 25jähriges Dienstjubiläum, was zu zahlreichen Ovationen für den Jubilar Anlass gab. — In einer der letztenNummern der „Hazephira“ appellieren die Gemeinderabbiner an die Warschauer Juden heit, sie möge an der Hilfsaction für die von Hungersnoth heimgesuchten Gegenden regen A nt heil nehmen. In demselben Blatte regt Dr. med. J. Fränkel die Gründung eines jüdischen „Vereines der barmherzigen Schwestern“ an. Vom religiösen Standpunkte sei die Krankenpflege ein heiliges Gebot. Wenn wir die grosse Zahl der jüdischen „Bikur-Cholim“-Vereine ins Auge fassen, wenn wir uns daran erinnern, wieviel jüdische Mädchen sich in eine unglückliche Ehe stürzen, um nur kein zielloses Leben zu führen, so gewinnen wir bald die Ueberzeugung, dass es an Candidatinnen nicht fehlen wird. Lodz. In unserer Stadt sind auf dem Gebiete des Schulwesens zwei erfreuliche Ereignisse zu verzeichnen. Auf Initiative des Herrn W. Ros e n t li a 1 und dank der Rührigkeit des gegenseitigen Unterstützungsvereines der HandelsangesteUten wird in nächster Zeit eine vom Ministerium bereits bewilligte dreiclassige Handelsschule mit Vorbereitungs- und, wenn nothwendig, auch mit Parallel-