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Die Welt · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Article
Mildere Praxis
Date
1899-07-07
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die A Welt“ M. 27 machte, mit seinen Waren in die umliegenden Dörfer zu fahren, dieses Recht mit der Begründung zuerkannt, dass die Maigesetze nur den ständigen Aufenthalt in den Dörfern, nicht aber den Durchzug durch dieselben untersagen. Ebenso entschied der Senat jüngstens zugunsten der Juden in Angelegenheit des Wohnrechtes im Städtchen Petrikowa des Jekaterinoslawer Gouvernements. Dort war es nämlich dem judenfeindlichen Polizeihauptmann eines schönen Tages eingefallen, Petrikowa als ein Dorf zu declarieren und die Juden demgemäss oh ne weiters auszuweisen. Diese erhoben Einspruch beim Senat und erzielten die Aufhebung des Ausweisungsbefehles. Jüdische Arbeiterwohnungen. Die Baronin Hirsch spendete kurz vor ihrem Hinscheiden den Betrag von 300.000 Rubel zur Errichtung von billigen Wohnungen für die jüdischen Arbeiter in Wilna. Der Bauplan für diese Wohnungen ist bereits entworfen und demnächst soll an die Ausführung desselben geschritten werden. Jüdische Universitäts-Hörerinnen. An der Berliner Universität sind 444 Damen immatriculiert. Darunter sind 88 Jüdinnen- Emil Zola über den Antisemitismus. Wie russische Blätter melden, trägt sich Z o 1 a mit dem Gedanken, bald nach dem endgiltigen Freispruche Dr eyfu s' durch das Kriegsgericht in Rennes eine Rundreise in Russland zu unternehmen, wo er in mehreren grossen Städten einen Vortrag halten will über „die unmittelbaren politisch-religiösen und ökonomischen Ursachen des zeitgenössischen europäischen Antisemitismus“. In dem Vortrage soll der berühmte Romancier eine ganze Reihe neuer Gesichtspunkte zur Psychologie des Antisemitismus aufstellen. Das jüdische Theater in Lemberg entwickelt sich ausgezeichnet. In einem schönen Gebäude am Ausstellungsplatze untergebracht, übt es durch sein vorzügliches Repertoire einen grossen Einfluss auf die unteren Schichten des jüdischen Volkes und wird seiner volkserzieherischen Aufgabe vollkommen gerecht. Die jüngste Novität ist ein von Lateiner verfasstes Drama, betitelt „Esra“. Auch in Russland thut das jüdische Theater seine Pflicht. Ausser dem Warschauer ständigen Theater gibt es da viele Wandertruppen, die die Provinzstädte bereisen. In Riga fand neulich die Aufführung eines rein heb r ä ischen Theaters! ü c k e s statt. Dreyfus' Rückkehr nach Frankreich. Dreyfus wurde Samstag, 1. Juli, um 2 Uhr früh in Quiberon ausgeschifft. Von hier wurde er im Separatzug nach Rennes gebracht. In Rennes kam Dreyfus um 6 Uhr morgens an. Er wurde im Militärgefängnisse interniert. Das Wiedersehen mit seiner Frau war. wie die Blätter melden, wahrhaft erschütternd. Das Befinden des Drey fus ist verhältnismässig gut. Von all den grossen Sensationen, die sich an die „Affuire“ knüpfen, hatte er keine Ahnung. Jetzt wird er von den Advocaten Lahor! und D emange über den Stand der „Affaire“ informiert. Galizisches. Aus Kurland kam er vor drei Jahren und kaufte sich in Galizien an — der Herr Graf Stanislaus von Z y b e r g - P1 a t e r. In seinem Gute, Moszkövv bei Sokal, waren viele Juden theils als Angestellte, theils als Schankpächter beschäftigt. Der Graf leitete einen Reinigungsprocess ein. Zuerst wurden die jüdischen Angestellten entfernt. Dann kamen die Pächter an die Reihe. Diese hatten aber das Propinat ionsrecht in Moszkövv für sieben Jahre bei der Direction des Propinationsfonds gepachtet. Da kam Graf P 1 a t e r auf den glücklichen Gedanken, ihnen die herrschaftlichen Localitäten, in denen sie ihr Gewerbe betrieben, zu kündigen, und zwang jsie dadurch zu einem Ausgleich, kraft dessen er ihnen die Localitäten für 3 Jahre überlässt, unter der Bedingung, dass hernach, d. h. für die folgenden vier Jahre auch das Propinationsrecht auf ihn übergeht. Am 1. Jänner 1900 wird die Zahl der brotlosen jüdischen Proletarierfamilieu um 0 vermehrt. < In Ahlem bei Hannover existiert eine Erziehungsanstalt -Sir jüdische Knaben, wo diese neben den Unterrichts- Gegenständen auch in Landwirtschaft unterwiesen werden, :wobei sich die Gärtnerei einer besonderen Pflege erfreut. Die Anstalt zeichnet sich durch musterhafte Ordnung und Disciplin aus, weshalb auch das Urtheil des deutschen Regierungstunctionars, der die Anstalt unlängst inspicierte, sehr schmeichelhaft ausfiel. Die absolvierten Schüler erhalten Anstellungen bei Grossgrundbesitzern. Doctor P a p i 1 s k i, ein brandenburgischer Gutsbesitzer, Präses des Vereines zur Unterstützung deutscher Juden, die Vorliebe für die Agricultur haben, beschäftigt auf seinen Gütern viele jüdische Jünglinge. Dr. Papilski, der auch einer der Berather des Baron Hirsch war, will eine zweite agronomische Schule für die jüdische Jugend errichten. Seiner Anregung ist auch die Herausgabe eines nächstens erscheinenden Adressbuches jüdischer Gutsbesitzer und -Pächter zu verdanken, das den jüdischen Agronomen das Auffinden geeigneter Posten erleichtern soll. Judenexcesse in New-York. Das New-Yorker Juden viertel war in den letzten Tagen der Schauplatz arger Ausschreitungen. Ein fanatischer reicher Baptist Philadelphias, Wilson Dunlop, hat es sich zur Aufgabe gestellt, alle Juden New-Yorks zu bekehren, und zu diesem Ende eine Mission im Juden quartier errichtet. Mit einer Anzahl Glaubensgenossen zog er alltäglich auf einem Karren durch das Judenviertel, von demselben herabpredigend, in hebräischer Sprache abgefasste Tractate vertheilend und die jüdische Religion schmähend. Alimälich rief das immer grösseres Aergernis hervor. Als die wiederholten Vorstellungen einflussreicher Juden nutzlos blieben, wurde die Erregung unter den ärmeren Bewohnern des Juden Viertels drohender, bis es schliesslich zu directen Angriffen auf die „Missionäre“ kam und die Polizei einschreiten musste. Der Bürgermeister van Wyk hat die Baptisten angewiesen, ihren „Kreuzzug“ sofort einzustellen, und sie für alles weitere verantwortlich gemacht. Mr. Dunlop aber antwortete, er habe weder die Hilfe der Polizei, noch die des Bürgermeisters angerufen, werde um beide sich nicht kümmern und die Juden ihrem Glauben entreissen oder als Märtyrer sterben. In Cincinnati fand am 13. Mai die Versammlung* der „Vereinigten Wohlthätigkeitsvereine der Vereinigten Staaten“ statt. Den Vorsitz führte Ob errichten Isaacs von New-York. Der Zweck der Vereinigung ist ein besseres In einandergreifen der verschiedenen Wohlthätigkeits vereine. Der Wochenbericht des Matrikel am tes der israelitischen Cultusgemeinde Wien vom 25. Juni bis 1. Juli 1899 verzeichnet 74 Geburten und 30 Sterbefälle. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. In der letzten Woche brachten polnische Blätter eonservativer, christlich-socialer, ja sogar „liberaler“ und „demokratischer“ Schattierung und einige deutsche Tageszeitungen einen Bericht, der in den entschiedensten Ausdrücken die christliche Bevölkerung aufforderte, eine Jüdische Frechheit“ zu sühnen. Der Leinberger „Dziennik polski“, welcher sonst fast alles, was er berichtet, anderen und speciell Wiener Blättern entlehnt, wollte einmal originell sein. Sein Milieu wohl kennend, fand er bald ein interessantes Thema. In der grössten Eile fabrleierte er einen „Originalbericht“, nach welchem eine jüdische Familie aus ihrem- Fenster auf eine eben vorbeiziehende Leichenprocession ein Gefäss verdächtigen Inhaltes ausgegossen hätte. Natürlich fand das Blatt nicht genug Worte, seine „Empörung“ über diese-„unerhörte Frechheit“ auszudrücken. Da es sich um eine „jüdische Frechheit“ handelte, fänden

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