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Die Welt · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Article
Die Juden in Thessalien
Date
1899-07-07
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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„Die A Welt“ Seite 9 Nr. 27 nach Abzug der türkischen Truppen von Seiten der griechischen Regierung ausgesetzt waren, hatten viele Juden* zur Auswanderung nach der Türkei veranlasst, und dieser Umstand war nicht ohne äusserst nachtheilige Folgen für , den Handel und Wandel in Thessalien geblieben. Da besannen sich die edlen Griechen eines —- Vorteilhafteren und begannen, ihr Herz für die unschuldig drangsalierten „jüdischen Mitbürger“ zu entdecken. Zahlreiche Juden, die monatelang wegen ganz ungerechtfertigter Beschuldigungen in den Gefängnissen von Larissa und V o 1 o als Untersuchungshäftlinge geschmachtet hatten, wurden neulich unverhofft vor den Richter gestellt, und ausnahmslos freigesprochen. Der Staatsanwalt in Volo beantragte selbst den Freispruch der Angeklagten. In seinem Plaidoyer sagte er unter anderem: „Nein, die Juden sollen nicht gezwungen werden, unser Land zu verlassen. Es ist unsere Pflicht, ihnen hier ein gutes Heim zu sichern und sie vor den Ausschreitungen des Pöbels zu schützen. Die Juden müssen sich bei uns ganz heimisch fühlen und ihre geschäftliche Thätigkeit ohne jede Störung und Beunruhigung ausüben. Der Regierung liegt es ob, darüber zu wachen, dass ihnen keinerlei Unrecht zugefügt werde, denn sie sind nützliche und anständige Bürger.“ Nützlich und anständig — ein lduger Mann, dieser Staatsanwalt in Volo. Der City Mayor soll helfen. Wie in unserer gemüthlichen Wienerstadt, so dient auch in einzelnen Grossstädten der freien amerikanischen Union der Hausierkasten mitsammt seinem jüdischen Träger als Zielscheibe für die Fäuste des aufgeräumten Theiles der ehrsamen Bürgerschaft. So wird’s auch in Chicago gehalten, wenngleich die gedachten Kasten und namentlich deren jüdische Träger sich immer gegen die originelle Verwendung sträubten. Letzthin hielten die letzteren sogar eine Protestversammlung ab, in der sie den Beschluss fassten, den City Mayor um seinen Schutz gegen die unbequemen Faustschläge anzugehen. Jüdische Guitur. Diesmal handelt es sich weder um die hebräische Sprache, noch um die jüdische Geschichte oder dergleichen, sondern um die — Baumzucht in der jüdischen Ackerbaucolonie Ing.ületz in Russland. Wie nämlich russische Blätter melden, sind im verflossenen Jahre 4500 Gattungen Obst-, Nutz- und Zierbäume in dieser Colonie erfolgreich cultiviert worden. Königin Victoria und — Jankele. Als die Königin von England ihren 80. Geburtstag (24. Mai d. J.) feierte, erhielt sie unter den zahllosen Glückwunschadressen, die ihr von nah und fern zukamen, eine kleine, zierliche Pergamentrolle, die die Aufmerksamkeit der gekrönten Jubelgreisin in hohem Masse auf sich lenkte. Das feierliche Schriftstück weist nämlich folgenden, allerliebsten Wortlaut auf: „Gelobt sei, Der von Seiner Herrlichkeit dem Fleisch und Blute einen Th eil verliehen hat. Wenn das Reich Gottes ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden ist, dann hast Du, Victoria, verdient, Gottes wahrhafte Dienerin zu sein. Möge Er Dich segnen für Deine Güte zu meinen armen jüdischen Brüdern. — Jacob Rabinovitch, 14 Jahre alt.“ Der erste Satz, bekanntlich ein jüdischer Segensspruch, prangte an der Spitze der Adresse im hebräischen Original. Der Königin gefiel das Glückwunschschreiben ihres kleinen jüdischen Unterthanen so ausnehmend gut, dass sie den Auftrag ertheilte, man möge ihr den jugendlichen Gratulanten vorführen. Alsbald wurde Jacob'R a b i n o v i t c h im Basten d, wo er allgemein unter dem Kosenamen Jankele bekannt ist, ausfindig gemacht und vor die Königin gebracht. Auf deren leutselige Aufforderung äusserte er den Wunsch, studieren zu dürfen und seine armen Eltern unterstützen zu können. Die Königin streichelte seine tief erröthenden Wangen und sagte ihm, er sei ein braver Junge, der das Herz am rechten Flecke trage. Sie werde trachten, seine guten Wünsche zu erfüllen. Jankele kehrte strahlend zu seinen armen Eltern im Eastend heim. Diese sind russische Emigranten und befinden sich erst seit drei Jahren in England. Qceansperre für die Juden verlangt die „New-Yorker Staatszeitung“ in einem pöbelhaften Tone, der an den rauhen Bierbass ihrer deutschen Leser anklingt. Das deutsche Antisemitenblatt findet nämlich, dass die einwandernden Juden, diese unglücklichen Geschöpfe, die nichts mitbringen als ihre Bettelarmut und ihre Arbeitslust, sammt und sonders arge Wucherer, Leuteschinder und Blutsauger seien. Das antisemitische Pferd. In Prag kam es beim Leichenbegängnis des Cardinais Grafen Schönb orn dadurch, dass ein Pferd scheu wurde und eine tribünenartig aufgestellte Kiste umfiel, zu einer Panik, die mehrere Verwundungen zur Folge hatte. Plötzlich colportierten zwei junge Leute das Gerücht, die Juden hätten durch Schleudern von Steinen aus den Fenstern ihrer Wohnungen die Verwirrung verursacht. Der Pöbel nahm eine drohende Haltung gegen die Juden ein. Die Polizei musste einschreiten und einige Verhaftungen vornehmen. Unschuld — ein Verbrechen. Der „Gaulois“ schreibt wörtlich: „Die Unschuld des Capitän Dreyfus ist ein Verbrechen gegen das Vaterland“. Testament. Berliner Blätter erzählen: „Eine eigenartige Erbschaft hat dieser Tage die jüdische Gemeinde Berlins gemacht. In dem Tischkasten eines „Schnorrers“, der von einem reichen Glaubensgenossen ein monatliches Almosen erhielt, fand sich nach demTode des Schnorrers folgende „letztwillige Verfügung“ : „Die 30 M.,“die ich monatlich von Herrn Coramereienrath H. zu bekommen habe, vermache ich hiermit der jüdischen Gemeinde zur Verwendung für würdige Arme.“ Jacob Cohen, der Dreyfusist. An dem Tage,-da üerRevisionsbeschkus in Chicago bekannt wurde, gieng der dortige jüdische Lastträger Jakob Cohen wie gewöhnlich seinem mühsamen Berufe nach, als plötzlich ein intelligent aussehender Mann auf den unter seiner Bürde keuchenden Juden zukam, ihm Püffe versetzte und seinem Ingrimm überdies durch folgende Worte Luft machte : „Verfluchter Jud, Du führst alles aus. Deine Leutehaben die Revision zuwege gebracht und möchten alle Macht an sich reissen. Die ganze Welt wollt ihr in euere Gewalt bekommen. — Sprach’s und führte mit seinem Spazierstock einen derartigen wuchtigen Hieb gegen das Gesicht des wehrlosen Lastträgers, dass dieser blutüberströmt zu Boden stürzte, während der wackere Anti-Dreyfusard herzhaft das Hasenpanier ergriff. Die Juden in Rom. Laut dem amtlichen Verzeichnis der Synagogengemeinde in Rom gibt es dort gegenwärtig 5429 jüdische Seelen. Ausserdem existieren aber etwa 700 Juden in Rom, die gin dem Verzeichnis nicht eingetragen sind. Im Verlaufe dieses Jahrhunderts hat sich die Zahl der Juden von Rom stetig vermehrt. Im Jahre 1809 zählten sie 3076, im Jahre 1868 bereits 4995 Seelen und zur Zeit beläuft sich ihre Zahl, wie gesagt, auf mehr als 6100. Grossmeister Dreyfus. In der jüngsten Sitzung der „Charity-Loge, Nummer 165 O. B. O.“ in Chicago, wurde der Beschluss gefasst, den Titel der Loge in „Capitän Alfred Dreyfus-Loge“ umzuwandeln. Zugleich wurde Dreyfus zum Ehren-Grossmeister der Loge ernannt. Auch wurde festgesetzt, dass die Loge am Tage der endgiltigen Freisprechung Dreyfus’ ein Bankett veranstalten solle. Mildere Praxis. In Russland macht sich seit kurzem in der rechtlichen Lage der Juden ein Umschwung zum Besseren fühlbar. Der russische Senat zeigt sich in der Handhabung der sogenannten Maigesetze, die dem grössten Theile der Juden den Aufenthalt in den Dorfgemeinden verbieten, beiweitem nachsichtiger als dies bisher der Fall war. So z. B. hat der Senat letzthin einem jüdischen Kleinhändler in Cherson, dem die Polizei das Recht streitig

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