Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 27 (7.7.1899)
- Article
- Die Jahresconferenz der English Zionist Federation
- Date
- 1899-07-07
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 5 Nr. m „Die H Welt“ scharen. An der Debatte über diese Resolution betheiligte sich auch Dr. H e r z 1, der die Conferenztheilnehmer ermahnte, die verhältnismässig unbedeutende^ Differenzen zu unterdrücken. Diese Resolutionen wurden sämmtlich einstimmig angenommen. Zum Schlüsse wurde von Dr. G a s t e r und Mr. J. de Haas folgende Resolution ein gebracht: „Die Confer enz bewillkommt Herrn Dr. Theodor Herz 1 aufs herzlichste, dankt ihm für seine Anwesenheit und Theilnahme an den Berathungen und drückt die Hoffnung aus, da$s Dr. H e r z 1 zur Belohnung seines unermüdlichen Wirkens für das jüdische Volk in voller Kraft und Gesundheit Zeuge sein werde des vollständigen Erfolges seiner Arbeit.“ Nach einigen Dankesworten Dr. H e r z 1 s wurde die Conferenz nach vierstündiger Dauer geschlossen. * * * Am Nachmittag trat das Centralcomite der Federation unter Vorsitz Dr. Gast ers zusammen. Nach Erledigung der Geschäftstücke betonte Dr. G a s t e r das gedeihliche Wirken der Federation, unter deren Anspielen fünfzehn neue Vereine gegründet worden seien. Ebenso sei der über alles Erwarten günstige Erfolg der Banksubscription in England der Federation zu verdanken. — An Stelle des zurücktretenden Mr. J. Loew-y wurde Mr. B e n o 1 i e 1 ins Executiv-Comite entsendet. Die Versammlung schloss mit einem Dankesvotum für Dr. G a s t e r. Die Woche. Wien, 5. Juli 1899. Die sogenannten „Augen der ganzen Welt" sind gegenwärtig nach Rennes gerichtet, wo das Kriegsgericht alle zeitungslesenden Mitmenschen von der Affaire Dreyfus befreien will. Der erbitterte Kampf, den nun schon seit Jahr und Tag die Dreyfus-Freunde und Dreyfus-Gegner miteinander führen, nimmt mildere Formen an. Im Mittelpunkte des Kampfes steht jetzt — man verzeihe den Ausdruck — der Bauch des Dreyfus. Fett oder nicht fett, das ist jetzt die Frage. Ist Dreyfus im Exil abgemagert oder hat er im Gegentheil sich einen etwas rundlichen Leibesumfang angeeignet? Eine heisse Fehde ist in der Presse um diese Frage entbrannt, und der Kampf wogt heftig hin und her; welche Partei wird siegen? Natürlich steckt auch hinter diesem scheinbar nichtigen Gefechte ein tieferer Sinn. Der Streit dreht sich eigentlich nicht um den mehr oder weniger feisten Körper, sondern um die Seele des Dreyfus. Der Körperumfang ist ja, soweit man routinierten Menschenkennern glauben darf, ein verlässlicher Gradmesser der Gefnüthszustände, Seelenschmerz und Fettleibigkeit hausen selten nebeneinander. Wenn also die Zeitungen um ein Pfund Fleisch des Dreyfus hitzig feilschen, so wollen sie sich im Verlaufe dieses Disputes nur darüber klar werden, ob Dreyfus mehr oder weniger gelitten hat. * * * Die Verschiebung, die der Presskampf um Dreyfus im Laufe der Monate erfahren, kommt jetzt deutlich zum Vorschein. Die „Affaire" ist vielen Blättern allgemach zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Wenn sie für oder gegen Dreyfus schreiben, denken sie gar nicht mehr an die Person des Dreyfus, sie denken ebensowenig an die allgemeine „Sache der Gerechtigkeit", an den „Sieg der Wahrheit" etc. Die Blätter der verschiedenen Parteischattierungen benützen vielmehr die „Affaire" als willkommenen Anlass, um einander zu sticheln und zu hänseln. Die unterschiedlichen Blätter haben sich einmal in der! „Affaire" pro oder contra engagiert und empfinden die einzelnen Phasen der „Affaire" als persönlichen Triumph oder persönliche Blamage. Das Los des Dreyfus und die Sache der Gerechtigkeit treten dabei ganz in den Hintergrund, Daraus mag sich in manchen Fällen die unglaubliche Heftigkeit des Presskampfes, die zur Bedeutung des Streitobjectes in gar keinem Verhältnisse steht, erklären. Man will dem gegnerischen Blatte nicht die Freude eines Triumphes gönnen, man will in einer Sache, in der man nun einmal irgendwie Stellung genommen, keine Niederlage erleiden. So wie sich im Gerichtssaale zwei Vertheidiger wüthend zanken, nicht, weil ihnen ihr eigener Client ans Herz gewachsen ist oder weil ihnen der „gegnerische" Client verhasst ist, nicht, weil sie der „Sache der Wahrheit" zum Siege verhelfen wollen, sondern einfach deshalb, weil keiner von beiden der schlechtere, ungeschicktere Vertheidiger sein will. * * * Unter der Spitzmarke „Ahasver" bringen Wiener Blätter folgende Notiz: „Seit 27. Juni ist der Rothgärbergehilfe Johann Pribil, Meidling, Seumegasse Nr. 2, verheiratet, abgängig. Er bildet sich ein, dass er Ahasver sei und fortwährend reisen müsse. Pribil wird als gemeingefährlich geschildert, da er häufig von Tobsucht befallen wird und in diesem Zustande viel Unheil anrichtet. Er kann nur seinen Namen, nicht aber seinen Wohnort angeben. Aut der Strasse bewegt er sich gewöhnlich im Laufschritt. Der Bedauernswerte ist mittelgross, untersetzt, hat blaue Augen, blondes, meliertes Haar und Glatze". — Wenn ein Nichtjude von der fixen Idee befallen wird, ein Jude zu sein, so ist das allerdings eine fatale Art des Wahnsinns. Und besonders fatal wird sie/ wenn sich der Betreffende das charakteristische Hauptmerkmal der Juden beilegt, das ewige Wandern. — Man beachte das mitleidige Epitheton, „Der Bedauernswerte", das der Pseudojude von der Tagespresse erhält. Erwin Rosenberger. „Der Fels, aus dem Du gehauen bist.“ Von 8. Baum. Eine Reform ohne Besserung der Verhältnisse gleicht einer misslungenen chirurgischen Operation. Der Eingriff in den zerrütteten Organismus heilt in diesem Falle nicht das Gebrechen, sondern fügt ihm noch neuen Schmerz hinzu. Auch missglückte Reformversuche schaffen oft neue Missstände, anstatt die alten zu beseitigen. So geschah es auch mit dem vor einigen Jahren umgestalteten Religionsunterricht. Als ein Mittel, geeignet „zum richtigen Verständnis und zur Erfassung des Geistes unsere: Religion", wurde die Lectüre der „Bibel im Urtext" in den Unterrichtsplan aufgenommen. Welche Resultate aber dieser reformierte Religionsunterricht erzielt hat, geht zur Genüge aus den statistischen Daten hervor, die ich in einem früheren Artikel*) publicierfc habe. Obwohl unsere Schuljugend nach wie vor sich durch ein glänzendes hebräisches Unwissen auszeichnet, das so weit gediehen ist, dass die Fibelmeisterschaft bei vielen eine grosse Leistung bedeutet, wagen es die massgebenden Persönlichkeiten doch nicht, an der jetzt üblichen Methode des Religionsunterrichts zu rütteln. Und doch hätte — wie man meinen sollte — die Erfahrung in einem Zeiträume von sechs Jahren genügt, um das verfehlte Mittel, ja die Schädlichkeit der „Bibel im Urtext" zu erhärten. Ein Blick auf die geltende Unterrichtsmethode wird uns deren Mängel zeigen und zugleich die Mittel erkennen lassen, welche geeignet sind, den Unterricht so zu gestalten, dass er seinem Ziele nahe kommt. Worin besteht der Fehler des jetzt üblichen Religionsunterrichtes? Ist die demselben in den Schulen gewidmete Stundenanzahl zu gering, oder ist in der Art und Weise, wie der Unterricht ertheilt wird, *) Siehe „Unsere Schulkinder" in Nr. 28, II. Jahrg.