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Die Welt · 1899-07-07 · 27 (7.7.1899) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
27 (7.7.1899)
Article
Die Juden und die Bodencultur
Date
1899-07-07
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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„t)ie A Weltu Seite 2 Nt. 27 Saison etwas ganz Gewöhnliches, und w i e wird gearbeitet! Ich bin in solchen Werkstätten gewesen. Schlecht ventilierte Arbeitssäle, in denen oft 50 Nähmaschinen getreten werden von vornübergebeugten Gestalten, deren . hastiger, stossweiser Athem, schon mehr ein Keuchen, durch das Surren der Maschinen tönt. — Selten, dass man ein gesund aussehendes Menschenkind unter diesen elendesten Proletariern erblickt, blasse Gesichter, rothgeränderte, nervöse Augen. Es gibt in New-York beispielsweise keine Menschenclasse, die körperlich härter und ausdauernder arbeitet als die dortigen Juden. — Die zionistische Bewegung will vor allem den auswandernden osteuropäischen Juden neue Lebensbedingungen schaffen in der alten Heimat unseres Volkes. Darum habe ich — scheinbar länger als es in den Rahmen dieses Artikels passt — bei den Lebensbedingungen verweilt, die sich in dem Lande entwickelt haben, in das bisher der Strom der Judenwanderung sich hauptsächlich ergoss. Ihre Anpassungsfähigkeit haben die Juden dort bewiesen, und speciell in Bezug auf schwerste körperliche Arbeiten. Wir kommen nun zum eigentlichen Thema, zur Landwirtschaft. Heber diese sind noch schiefere Urtheile gang und gäbe als über das Menschenmaterial, das in Frage kommt. Eigenthümliche Begriffsverwirrungen regieren da. Viehzucht wird z. B. ewig mit Züchterei verwechselt. Man denkt an die „Wissenschaft“, die speciell in England in Blüte steht und grossartige Erfolge erzielt hat, und die sicher sehr eingehendes Studium und eine grosse Erfahrung voraussetzt. Da möchte ich dann darauf hinweisen, dass die Viehzucht, das Halten und die Pflege von Rindern und Schafen, von Gänsen und Hühnern, nicht von Gelehrten, sondern von Bäuernknechten und Sennerinnen besorgt wird, und dass nicht erfahrene Praktiker, sondern Hüterbub und Gänsemädchen mit einer kleinen Gerte in der Hand ihre Pflegebefohlenen auf die Weide führen. Nach der „Revue statistique“ beträgt die Ausfuhr des französischen Departements der Seealpen an Blumenerzeugnissen, wie Parfüms, Oelen etc. f ü n zehn Millionen Francs pro Jahr! Die Verarbeitung der gesammelten Blumen ist äusserst primitiv. Die Hauptarbeit ist das Sammeln der Blüten. Die Frauen und Kinder besorgen das. Und die Summe der. landwirtschaftlichen Kenntnisse, die dazu nöthig sind, lässt sich in die Formel zusammenfassen : „D i e S t e h g e 1 nicht mit abschneiden.“ Die Blumenzucht ist für Palästina von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. 1 Sehr wichtig ist auch die Obstzucht für die Länder des Orientes. Die hierfür in Betracht kommenden Arbeiten können — f a c h m ä n n i s c li e L e i t u n g vorausgesetzt — gleichfalls von ungeschulten Kräften geleistet werden. : Ein Etablissement in geeigneter Lage kann das ganze Land mit Setzlingen versehen» Das Einsetzen der jungen Pflanzen erfordert keine Hebung oder Kenntnisse, die nicht in kürzester Zeit erworben würden Ein grosses Feld bietet das Pfropfen der vorhandenen Bäume. Die hierzu nöthigeh Handgriffe können jedem halbwegs intelligenten Menschen in wenigen S t u n cl e n beigebracht werden. Dass die Obsternte keine besondere Schulung nöthig macht, ist wohl selbstverständlich* Der Tabakbau wird im Orient meist von den Frauen und Kindern der Weinbauern besorgt, und auch beim Gemüsebau spielt diese sicher ungeschulte Arbeit eine hervorragende Rolle. - Die Neger im Süden der Vereinigten Staaten wird niemand für ein besonders zur Landwirtschaft geeignetes Menschenmaterial halten; die gewaltige Production von Baumwolle und Zucker ist die Arbeit,dieser Glasse, der die Juden an Intelligenz und Ausdauer (mehr noch an Ausdauer als an Intelligenz!) bedeutend überlegen sind. Ist es nöthig, mehr Argumente anzuführen? Ich habe den grössten Antheil der Frauen- und Kinderarbeit im landwirtschaftlichen Betriebe hervorg^hoben, um zu zeigen, wie wenig Kenntnisse für die meisten Arbeiten erforderlich sind. Dennoch-liegt es mir fern, die Landwirtschaft als Kinderspiel hinzustellen. Wir können ganz beruhigt sein. Der Jude wird im Orient schon beim allerersten An fan ge die jetzige ackerbautreibende Bevölkerung dieser Landstriche übertreffen, obgleich es niemandem einfällt, diese Bevölkerung als zur Landwirtschaft ungeeignet hinzustellen. Man sehe sich doch nur die Methoden an, mit denen in diesen Ländern bis auf diesen Tag das Land bebaut wird. Der Pflug ist ein Dorn von hartem Holze, der den Boden ein wenig aufritzt, und das Dreschen besorgt der Ochs, der endlose Wochen lang den Dreschschlitten (einen Holzschlitteri, dessen untere Seite mit eingesetzten Kieselsteinen gespickt ist) über die Tennen zieht. ' Unsere Golonisten werden den Stahlpflug, den Dampfpflug, die Dreschmaschine im Orient einbürgern und haben dadurch Vortheile über die Arbeitsweise der Eingeborenen, die manchen anfänglichen Nachtheil mehr als aus gl eichen werden. Statt in überfüllten Gressstädten, in engen Werkstätten Sclaven der Nähmaschinen zu sein, werden die Vertriebenen bald in Gottes freier Natur ihren eigenen Boden bekommen, und ihre Frauen und Kinder werden ihnen helfen mit ihrer Hände" Arbeit, anstatt in den Judenvierteln von New-York und London in Eis und Schnee mit Schuhriemen und Streichhölzern zu hausieren oder als Zeitungsverkäufer einige Cents zu verdienen. Dann werden unter einem südlichen Himmel Gesundheit und Glück wieder heimisch werden unter unseren Brüdern. Jüdische Colonialbank. Die erste constituierende Generalversammlung der Actionäre des „Jewish'Colonial Trust (Jüdische Colonialhank) Limited“ findet am 18. Juli in London statt. . Diese Generalversammlung ist bloss formeller Natur, und es Avird in derselben lediglich constatiert, dass das Minimum des Actiencapitals gezeichnet; ist und somit die. Gesellschaft als gegründet erscheint. Die eigentliche Generalversammlung, bei der über Statutenänderung, Wahlen, Geschäftsordnung und sonstige wichtige Agenden Beschluss gefasst werden soll, wird nach Basel zur Zeit der Tagung des Gongresses einh ernten werden. * * Das Directorium der jüdischen Colonialbank hat beschlossen, zur Zutheilung der Äctien zu schreiten. Unsere Bank ist somit definitiv begründet.

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