Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- Das Urtheil der Leute
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die 2$s Weltl4 Nr. 26 „Meine Eltern", fieng sie nach einer geraumen »eile wieder an. „haben Sie immer in Ehren gehalten, und sA will ieh Ihnen denn unsere traurige Geschichte erzählen. Sie scheinen ja von gar nichts zu wissen : Kurze Zeit, nachdem Sie von uns fortgezogen, gab mein Vater das grosse Geschäft unter den Tuchlauhen auf und eröffnete ein neues Geschäft. Zwei Monate darauf kaufte der Vater ein Palais in der Nähe des Kaisorgarfcens, das wir bezogen. Was waren das aber für Prunkgemächer, und wie strotzte hier alles von Gold, dass es nur so funkelte und glitzerte. Schöne Tage waren es, die wir damals verlebter). Jeden Tag erhielten wir neue Ueberrnschlingen vom Vater, Geschmeide, Prachtgewänder, kurz, alles was nur das Herz begehrte. Und was nicht alles auf unseren Tisch kam! Es läuft wir noch jetzt das Wasser im Munde zusammen, wenn ich daran denke. Lange dauerte aber diese Herrlichkeit niclxt, und als ich eines Morgens die Augen öffnete, da war alles verwandelt. Alle Zimmer waren voll von Leuten, die schrien, polterten und mit den Fäusten um sich schlugen. Mitten unter ihnen waren mehrere Beamte und Gerichtsdiener: sie warfen alles übereinander, rafften unsere Kleider, unser Gold und Silber haufenweise zusammen und Hinten alles in grosse Kisten, die sie vernagelten und mit dem Amtssiegel belegten. Das gieng so in einem wilden Trubel bis spät; in die Nacht. Aber auch in derselben Nacht schreckte mich ein Pistolenschuss ans dem Schlafe auf, und da sah ich den Vater mitten in einer Blutlache todt dahin gestreckt. Noch an demselben Tage verliessen wir unser schönes Palais und all* die zusammen gehäuften Schätze und bezogen zwei kleine Zimmorehen in einer Eckgasse. Hier begannen wii* ein trauriges Leben, wir kleideten uns ärmlich und bekamen nie wieder etwas von jenen köstlichen Speisen. Mutter sagte immer, wir könnten froh sein, dass wir das trockene Stückchen Brot haben. Lehrer hatten wir nicht mehr, und ich musste täglich den weiten Weg in die Volksschule machen. Auch die Mutter entfernte sich oft vom Hause. Mein kleines Brüderchen, ein zweijähriges Kind, überliess sie der Aufsicht meines älteren Bruders Arnold, den Sie gewiss kennen. Er stand damals in seinem zwölften Jahre. Da geschah es einmal, dass die Mutter wie gewöhnlich vom Hause fortgieng und das kleine Brüderchen mit Arnold zurückliess. Er aber, anstatt das Kind zu überwachen, vertrieb sich mit einem grausamen Scherz die Zeit. Er schloss das Kind nämlich zwischen zwei Fensterrahmen ein, von denen sich der eine nach innen und der zweite nach aussen auf die Gasse öffnete. Zu Tode geängstigt fieng das kleine Brüderchen an zu schreien und zu zappeln, wobei es mit beiden Händen um sich schlug; da stiess es unversehens eine Scheibe aus, und zu gleicher Zeit flog es mit einem gellenden Schrei vom dritten Stocke hinunter.- Eine kleine Weile starrte die Erzählerin stumm vor sich hin. wie wenn sich jene Schreckensscenen nochmals vor ihren Augen abspielen würden, dann raffte sie sich wieder auf und fuhr fort mit tlminenerstickter Stimme: ,,0. was war das für ein Kind! Wenn Sie es nur gesehen hätten mit den grossen, lachenden Augen und dem goldenen Locken köpfchen! .. . Freudig hätte ich tausendmal mein Leben hingegeben, hätte ich es nur wieder ins Leben zurückrufen können. Aber umsonst, das Brüderchen wollte nimmermehr die schönen, lachenden Augen aufsohlagen. Diesem Unglücke folgte bald ein anderes. Die Mutter wurde zu sechs Monaten schweren Kerkers verurtheilt, weil sie ihr Kind so schlecht beaufsichtigt hatte. Dass dadurch jetzt zwei Kinder ohne alle Aufsicht und noch dazu ohne ein Stückchen Brot zurückblieben, daran dachten die Leute nicht. Anfangs erbarmten sich die Nachbarn unser, doch nicht länger als drei Tage. Ich musste auf die Gasse hinaus, um zu betteln. Mein Bruder wagte sich nicht auf die Gasse, weil überall, wo er sich zeigte, hinter ihm ein Haufen Gassenjungen nachlief mit dem Rufe : Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. „Da geht der Mörder! Der Brudermörder!“ Als er gar einem jener Jungen in seiner Wnth einen Ohrlappen abgerissen und dafür von dessen Vater blutige Schläge erhalten hatte, mied er schon gar die Gasse. Ich musste für ihn und mich betteln. Einmal mir ermahnte ich ihn, er möge für sich selber betteln, da blitzten seine Augen so wild auf, dass ich es niemals mehr wagte, ihm ein Wort davon zu sagen. Von meinem Betteln ersparte ich mir nach Wochen drei Gulden, schaffte mir diesen Kram an und hausierte mit ihm herum . . Gegen drei Wochen sah ich sie noch täglich zu uns ins Gasthaus kommen, allein mit jedem Tage schien,die holde Kindlichkeit einer verderblichen Frühreife zu weichen. Der süsse Morgenthau wich von Tag zu Tag immer mehr von ihren Wangen. Mit einem gewissen Gleichmnthe trat sie jetzt vor die Gäste hin und schien ganz unempfindlich zu sein gegen alle lasciven Spässe, ja, Hess sogar gefallsüchtig die leuchtenden Augen spielen und warf kokett die schwellenden Lippen auf, so dass sie im Gasthause unter keinem anderen Namen bekannt war als „Die kleine Kokette“, kurz, innerhalb dieser drei Wochen schien sie mir zürn mindesten um eben so viele Jahre älter geworden zu sein. Nachher kam sie mir durch viele Jahre nicht mehr zu Gesichte. * * * Als ich vor etwa vier Wochen ruhig meines Weges dahingieng, stiess mir plötzlich eine auffallende Gestalt nämlich ein Mädchen auf, das ein Polizeimann mit rohen Worten zum Weitergellen an trieb. Das durchwachte Gesicht dieses Mädchens, die verstörten und verwüsteten Züge, der schlotternde Gang, wie die ruhelos in ihren Höhlen herum - laufenden Pupillen ihrer fieberhaft brennenden Augen sagten mir mehr als deutlich, welchem traurigen Stande sie angehörte. Ich suchte ihr schnell auszuweichen, denn so verstört auch immer ihre Züge waren, erkannte ich doch in ihr die einstige Händlerin, allein sie entriss sich rasch den Händen des Polizeimannes und vertrat mir den Weg mit dem fast wilden Rufe: „He! Sie haben ja meine Geschichte noch nicht bis zu Ende angehört: Meine Mutter verlor im Kerker den Verstand, mein Bruder ist dem Zuchthause verfallen, weil er einem Knaben, der ihn gereizt, zwei Rippen eingeschlagen hat, und ich — das sehen Sie ja — he! Wir sind alle geliefert! .... Bei den letzten Worten stiess sie d er Polizei - mann mit einem rohen Gelächter vor sich hin, während die Vorübergehenden in gleicher Weise laut auflachten. Ich aber gieng stille meines Weges hin und dachte nach über das U r t h e i I der Leute. — Briefkasten. Herrn D. Rothbium. Bitte uns Ihre jetzige Adresse anzugehen. 8. H., Droh. Verlag „Aohiasaf“, Warschau. Mariansknstrasse 0. eine Broschui CSC] KRAUS dem dm et ERWIN Buchdruckerei ,Industrie“ (8. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11