Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 26 (30.6.1899)
- Article
- [Kommentar] / Nordau, Max
- Date
- 1899-06-30
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- table
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315823--13650-3388911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wx. 26 „Die Welt*4 Seite 15 schwindenden Bruchtlieiles der Juden zum Christenthum der Allgemeinheit nicht im mindesten gedient ist. Nun ist es aber Thatsachc, dass das jüdische Volk in seiner Gänze den Weg, der zum Taufbecken führt, nicht betreten will. Anderseits drängt die Juden frage gebieterisch nach einer befriedigenden Lösung. Es bleibt also nichts anderes übrig, als die territoriale Vereinigung des jüdischen Stammes, die Schaffung einer gesicherten Heimstätte für ihn, wo der Fluch der Zerstreuung und der Minorität von seinen Söhnen genommen sein wird, und sie sich, des giftigen Hasses und der ewigen Beschränkungen ledig, frei werden ausleben können. Die Lebensbedingungen spielen dabei eine verhältnismässig untergeordnete Holle. Wir können nicht hoffen, dass alle Juden in Palästina Milch und Honig schlürfen werden; aber wir glauben, dass sie dort ihr Haupt friedlich zur Hube werden betten können, dem Lehel wollen ihrer Hasser und der Missgunst ihrer Neider weiten weit entrückt. Bücherwelt. Address on Zionism. Eine zionistische Rede von Josef S. G 1 i ck, Redacteur des „Volksfreund." Pittsburg Pa., im Selbstverlag des Verfassers. (Jargon.) Die jüdisch-deutsche Volksliteratur kann auf wenig Erzeugnisse hin weisen, die in einer knorrig-humorvollen Fülle einen so edlen Kern bergen, wie die vorliegende Rede. Mit tiefinnigem Behagen lasen wir diese echt volksthünüieh-derbe Strafpredigt zu Ende, in der die waschecht weiss-blau-rotlien gleichwie die ...grünen" Antizionisten tüchtig durch die Hechel gezogen werden. Der ebenso sinnige wie heitere Vortrag nimmt den Psalm CNIV zum Ausgangspunkte und hält an der Hand der einzelnen Verse den Zionsgegnern jenseits des grossen Wassers einen Spiegel vor. Wir empfehlen das Büchlein jedem Liebhaber gesunden jüdischen Volkswitzes zur Lectüre. M. Z. Das Urtheil der Leute. Aus dem Hebräischen des Perez Smolensky. Uebersetzt von Nathan Samuel y. Zu der Zeit, als die Börse noch in vollem Flor stand, und der Mammon, ein beflügelter Gott, täglich durch die breiten, hochgewölbten Pforten des Fortuna-Tempels auf den Markt des Lebenshinausflog und über die Köpfe der Vorübergehenden einen wahren Goldregen niedergehen Hess, da geschahen wahre Wunder unter den Menschen. Da sah man gar viele in Gold, Silber und Diamanten, wie wandelnde Juwelierläden einherstolzieren, die sich noch gestern als Bettler im Schlamme gewälzt hatten. Da schossen die Millionäre wie Pilze über Nacht empor und zogen aus ärmlichen Lehmhütten in stolze Paläste ein. So manche lichtscheue Fledermaus tauchte ihr zausiges Gefieder in den Goldfluss und stieg auf einmal als ein Phönix auf. Um jene Zeit fanden auch alle weltbewegenden Fragen ihre friedlichste Lösung in der so gemüthlichen Redensart des jovialen Wieners, die da lautete: „Leben und leben lassen!" Alle Lohnarbeiter hatten die Hände voll Arbeit, und man konnte sagen, dass diese Arbeit ihnen ein Leben voll reichlichen Ueberflusses gewährte. Unbemittelte Greise und Kinder brauchten sich nur einen Korb mit allerhand Kleinigkeiten umzuhängen und damit in die von Menschen überfüllten Kaffee- und Gasthäuser hineinzugehen, und sie fanden ihren genügenden Lebensunterhalt. Denn während der Wiener mitten im Vollgeimsse seines Daseins schwelgte und der ersten Hälfte jener gemüthlichen Parole huldigte, vergass er auch nicht an die zweite Hälfte derselben, an das „Lehenlassen". Und so fand man alle öffentlichen Localitäten stets überfüllt von Händlern und Händlerinnen, Hie sich mit ihrem Krame mitten unter den Tischen umhertummelten und ihre Waren ausboten. Diese goldene Zeit währte nicht lange. Der „grosse Krach" fuhr wie ein Blitz aus heiterem Himmel hinein, und die Dinge waren auf einmal wie umgewechselt. Der lebendige Juwelierladen wandelte sich in einen lumpigen Bettler, und der verkrachte Millionär kroch aus dem zertrümmerten Palaste zurück in seine frühere Lehmhütte. Der verjüngte Phönix gestaltete sich wieder in eine gerupfte Krähe um. Ja, auch jener gemüthlichen Parole riss der grosse Krach den ganzen Rumpf weg, so dass nur der blutende Kopf zurückblieb, nämlich das Hasten, Drängen und Schnappen mit offenen Mäulern nach Erhaltung des nackten „Lebens", und sei es auch auf* Kosten anderen Lebens. Die eben noch Millionäre gewesen, beneideten das Los der armen Kleinhändler, Mengen sich wie diese einen Korb um und breiteten sich wie ein Heuschreckenschwann über alle Kaftee- und Gasthäuser aus, so dass die jetzt zu einer zehnfachen Zahl herangewachsenen Händler und Händlerinnen eine wahre Plage für die Gäste wurden. Die Besucher unseres Gasthofes bestürmten den Wirt, er möge sie doch von (IomHeuschreckensohwarm befreien. Jene Armen wären auch ohne Erbarmen vor die Thürc gejagt worden, wenn nicht ich und noch einige meiner Freunde, die wir hier die ältesten Stammgäste waren, ihre Partei ergriffen hätten. Unsere Gegner, die anderen Gimte, konnten uns dies nicht verzeihen und nannten unsere}) Stammplatz spöttisch „den Sitz der barmherzigen Brüder.” „So geht nur dort hinüber4, hörte ich einmal an einem benachbarten Tische einen sagen. „Dort sitzen die barmherzigen Brüder." „Gedulde Dich mein Kind noch einige Jährchen44, fiel ein zweiter wieder spottend, ein „und Du wirst ohne jede Mühe weit grössere Verdienste haben, denn da wirst Du die barmherzige Schwester abgehen!" Da diese Worte aus dem Munde eines uns bekannten laseiven Witzboldes kamen, so vermut bete ich, dass sie an ein junges Mädchen gerichtet wären. Ich warf daher einen Bück nach der armen Zielscheibe dieses Giftpfeiles hinüber. Es war ein blühendes Mädchen im Alter von ungefähr zwölf Jahren, mit einem gar rührend schönen Gesichtchen und der schlanken Gestalt eines jungen Fichtonbäumclions, die jedoch unter der Last eines übergrossen Korbes gebückt war. Mir schwindelte es beinahe, als ich nach kurzem Besinnen in diesem Kinde das einzige Töchterchon eines ehemaligen Wirtes erkannte, in dessen grossem Hause ich eine zeitlaug meine Wohnung gehabt hatte. Auch sie schien sich meiner erinnert zu haben, denn nach kurzem UebeHegen gieng sie direct auf mich zu und sah mich sekundenlang mit ihren grossen klugen An gen an. „Emma, wie kommst Du denn her?" fragte ich. kaum meinen Augen trauend. „Was hast Du denn liier zu suchen?" „Einen Kreuzerverdienst", antwortete sie mit einem Lächeln, das mir ins Herz schnitt. „Mit diesem schweren Korbe?“ wiederholte ich verwind und ausser Fassung. „Was ist mit Dir, Emma?** „Eine Verkäuferin bin ich", erwiderte sie, traurig das Köpfchen senkend, „immerhin besser, als dass ich bettle, wie ich es bisher getlian." „Betteln!" wiederholte ich. „Um des Himmels Willen, was faselst Du?" „Weiss denn der Herr nicht“, fragte sie befremdet, „dass ich gegen drei Monate mich und meinen Bruder, den Mörder, durch Bettelei erhalten habe?" „Woher soll ich das wissen?" „Natürlich! Aber seit drei Tagen bin ich Händlerin. Ich glaubte es mir so leichter zu machen, aber es ist eine sauere Arbeit, ehe man den Kreuzer verdient; und wie einen die Leute verspotten! O, es ist eine traurige Arbeit." — „Und wo ist denn Dein Vater?“ „Bereits vor drei Monaten gestorben." „Und Deine Mutter?“ Statt aller Antwort schluchzte das Kind stille in sich hinein, dass es mir das Herz zusammen krumpfte.