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Die Welt · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-06-23
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 „Die Welt“ Nr. 25 Protest yirollte er eingelegt wissen dagegen, dass man sein ganzes Volk mit einigen jüdischen Gaunern identificiere. Eine Rasse, die mit einer Religion identisch sei wie kein* anderes Volk befähigt, unter sich strenges Gericht und stramme Selbstzucht zu halten. Israel könne eine grosse, weltbeglückende That vollbringen! Das1 müsse die Antwort auf den Antisemitismus sein. Nicht aber ein feiges Aufgeben, ein planloses Verschwinden in einer Cultur, um die die Juden und die Christen zum mindesten gleichwertiges Verdiensthaben. Und dann begann er vor den Augen des erstaunt lauschenden David ein merkwürdiges Gemälde des künftigen jüdischen Reiches aufzurollen. Das war keine weltentrückte, religiöse Utopie. Das war ein durch und durch modernes Gemeinwesen — aufgebaut auf der Basis des 7ständigen Arbeits- ' tages — ertrotzt von einem verzweifelten Volke — von der goldenen Sonne Palästinas beschienen. Als Dr. Geist seine ' Schilderung geendet — da wagte David keinen Versuch 1 mehr, diesen Mann dazu zu bestimmen, die Verdauung und die Mahlzeiten des blödsinnigen Nachkommen lsak Goldschilds gegen gute, klingende Bezahlung zu überwachen. * * * Die Dämmerung des späten Frühlingsabends warf schon ihre langen, grauen Schatten in das Gemach, als Dr. David noch immer über Geist s Judenstaat brütete. Es ging ihm mit dem Gehörten, wie es klugen Menschen meist mit klugen Büchern ergeht. Er wunderte sich, dass er einen grossen Th eil des vernommenen Gedankens nicht bereits selbst längst gedacht. Dann wieder setzte er die kritische Sonde an. Der wichtigste und bestreitbarste Punkt war die Fähigkeit des jüdischen Volkes, ein derartiges Gemeinwesen, das zum mindesten in den ersten Jahrzehnten von seinen Bürgern ein hohes Mass von Selbstverläugnung erheischte, zu bilden. Er liess die Glieder seiner eigenen Familie im Geiste in Reih und Glied an treten, um über sie Musterung zu halten. Die fiel nun über Erwarten günstig aus. Sein Vater, sein Oheim Rüben, die alte Sahra, Raphael, der Pfairer Josef, die stille Mirjam, ja selbst der orthodoxe Branntweinhändler Nathan — sie alle Hessen sich in den neuen Rahmen ohne sonderliche Schwierigkeiten denken. Der einzige, der kraft seiner merkwürdigen Individualität, seines rücksichtslosen Egoismus durchaus nicht in ein zionistisches Staatenbild passen wollte, war Baron lsak. Aber konnten dergleichen einzelne Charaktere wirklich die Entwicklung der socialen Geschichte hemmen? Mussten grosse sittliche Forderungen unerfüllt bleiben, weil einzelne Individualitäten dabei nicht ihre Rechnung fanden? Wenn die Natur so machtlos, wie schlecht stand es dann überhaupt um jeden Fortschritt der Massen. Ein Diener meldete, der Wagen sei vorgefahren. Wenige Augenblicke später fuhr David zum letztenmnle die wohlgepflegte Strasse, die von der byzantinischen Villa über Siegling nach Wien führte. Vor dem unscheinbaren Ortsfriedhofe befahl er dem Kutscher zu halten. Am Thor begegnete er einem Kinde, das mit flüchtigem Gruss scheu an ihm vorübereilte. Es war die kleine Gertrud. Ihre Kleidung war über und über beschmutzt, als käme sie eben von der Erdarbeit. Und doch war heute in den Goldschild’schen Gärten gefeiert worden. Der Arzt wollte das Mädchen anhalten, aber sie hatte sich gleich in die Büsche geschlagen. Lange stand David Goldschild vor Jonathans Grab. Der Abend wind spielte in seinen weissen Locken. Trotz seiner ehrlichen Trauer vermochte der Greis nicht seine Gedanken auf die kleine Leiche dort unter dem massigen Steine zu concentrieren. Er dachte an das schaurige Familienleben in der byzantinischen Villa und an die gesunde Hoffnung Dr. Geist's. Er sah die unförmige Gestalt des blödsinnigen Baron Moritz durch die prunkvollen Räume schwanken und schliesslich — seihst zur Arbeit des Sehlingens unfähig — an einem der dicken Spargel ersticken, deren Pflege der Gertrud solche Freude bereitete. Man erwartete mit Ungeduld die Katastrophe, um die Erbschaft anzutreten. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red«: Erwin Rosenberger, Wem fielen die reifen Früchte, die Baron lsak sein ganzes Leben lang rastlos sammelte, dann zu? Wem die prächtigen Bauten, die er aufgeführt, die Industrien; die er geschaffen, die Verkehrsadern, die er gezogen? Der Allgemeinheit — der .menschlichen Gesellschaft. Und derselbe Vorgang, der sich hierin engen, kleinlichen Grenzen ahspielte, würde er sieh nicht in grossen gigantischen Zügen auf allen Gebieten, auf dem ganzen Erdball, wiederholen? Wahrhaftig — auch Baron lsak konnte seinen Platz im Judenstaate Dr. Geist’s noch finden. An starken Intelligenzen — mögen sie noch so gefährlich, destructiv und egoistisch erscheinen — kann der sociale Fortschritt , nicht scheitern. Sie müssen ihn fördern, ob sie wollen oder nicht. W erke zu schaffen — war die A ufgabe des vergangenen Jahrhunderts. Das Geschaffene zu ver- \ theilen — wird die des kommenden Jahrhunderts sein. Es sorgt die Natur dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und von den lichtumflackerten Höhen führt die grosse, unüberwindbare Sehnsucht nach der Gemeinschaft das Menschengeschlecht stets zurück in die niedere ärmliche Hütte — zur qualmenden Lampe. Dr. David musste jenes '< phantastischen Staates gedenken, den er vor langen, langen Jahren hinter dem Verkaufstische des Paramenten geschäftes erträumt. Weshalb sollte dieser Staat nicht Jerusalem heissen? Täuschten sich die Zionisten nicht über die Tragweite ihres Einflusses — vermochten sie wirklich die E müden Massen der Juden in Bewegung zu setzen, so war nie, nie eine günstigere Vorbedingung für eine t gerechte Verth ei lung der Güter geboten. Seit jeher haben (es die Juden verstanden, für ein sittliches Bedürfnis die I denkbar richtigste Formel zu finden. Moses, der die 10 Gebote l vom Berge Sinai brachte, zählte zu den ihren. Und war (nicht Jesus Christus selbst aus ihrer Mitte hervorgegangen? -Nirgends werden die Schlachten des Geistes heisser und | leidenschaftlicher geschlagen, als im Schosse Israels — jenes {merkwürdigen Volkes, das in Superlativen spricht-, fühlt fund leidet. I Wie — wenn sich Dr. Geist’s Ideal verwirklichen Hesse? I Wenn der Bann der Diaspora von den Söhnen Jakobs {genommen, die Zerstreuten durch eine harte Schule Gestählten, |Sich um ein flatterndes, siegreiches Banner sammeln und ^der herrschenden infamen und morschen Weltordnung eine ^Schlacht liefern würden — auf Lehen und Tod! Zu immer ^schwindelnderer Höhe verstiegen sich die Träume des alten |David. Gleich einer berückenden Vision sah er Jerusalem Jmit goldenen Kuppeln, plätschernden Quellen und grünenden Gärten vor sich erstehen. Heitere, fröhliche, sorglose Menschen füllten die Strassen. War das vielleicht der Messias, an dessen endlichem Erscheinen die alte Sahra keinen Augenblick gezweifelt, bis sie, bedeckt von den weissen Flocken Ües nordischen Schnees, entschlafen? Auf der Scheide eines zur Neige gehenden und eines anbrechenden Jahrhunderts liegen viele seltsame Möglichkeiten begraben. Würde aber die Erlösung aus der socialen Noth genügen, um den Rassenhass aus den thörichten Herzen der Menschen zu reissen? Man sprach doch so viel — im Brusttöne der Ueberzeugung — von der instinctiven Abneigung des Ariers gegen den Semiten. Am hellen, wolkenlosen Himmel schimmerten bereits einzelne bleiche Sterne. Dr. David Goldschild musste an die Heimkehr denken. Er bückte sich, um von den zahlreichen, prächtigen Kränzen, die das Grab bedeckten, ein Blatt zur Erinnerung zu pflücken. Da gewahrte er einen kleinen Strauss bescheidener Schneeglöckchen, den man verstohlen unter den üppigen, exotischen Blumenflor auf den Gruftstein gelegt. Es musste sehr schwer gefallen sein, sich diese Blüten zu verschaffen. Denn in dieser Jahreszeit fand man Schneeglöckchen nur noch auf den schattigsten, unwirtlichsten Stellen des Waldes oder an den sumpfigen Ufern der Donau. Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. U

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