Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Article
- Der Centurio von der Hoichegass
- Date
- 1899-06-23
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 25 „Die A Welt“ Seite 15 nahnten verwandtschaftlichen Verhältnisse stand, liess sich nur aus dem Umgänge beider miteinander errathen. Denn das Mädchen hierüber zu befragen, fiel niemanden ein, und bei Jossele wäre jede Anfrage erfolglos geblieben. Ferner war es bekannt, dass das Mädchen für ihren und des Vaters Lebensunterhalt sorgte, theils durch Nähen, theils durch Hausieren. Er soll sie sehr lieb gehabt haben. Als sie durch drei Tage krank darniederlag, pflegte er sie ganz verständig und wich nicht, wie es seine ..Zimmergenossen“ später erzählten, von ihrem Lager. Als sie aber gesund wurde, begann seine alte Lebensweise wieder. Und so vergiengen Jahr und Tag, und Jossele blieb immer der Lieblingsidiot seiner Stadt. Endlich trat etwas Unerwartetes ein : Jossele begann zu betteln. Er streckte seine Hand nach einem Kreuzer und einem Stückchen Brot aus. In der Stadt sprach man davon, als würde der reichste Kaufmann bankerott worden sein. Jossele und Betteln — das war ein Ereignis. Die allgemeine Verwunderung stieg noch mehr, als Jossele in einem Bethause auf harter Bank seine Nächte zuzubringen begann. Ja, was hatte das zu bedeuten? Und eine tiefe Melancholie begann sich seiner ohnehin umnachteten Seele zu bemächtigen. Sein Cylinderhut ward schmutziger von Tag zu Tag, sein Schirm zerfetzter, sein Bekeschl zerrissener, sein stolzer, automatischer Gang immer wankender. Seine hal ten Gesichtszüge wurden verschwommen. Er hörte mit einemmale auf, der Volkstümliche, der Gerngesehene zu sein. Kein Mensch hatte Ahnung von der gewaltigen Revolution, die sich im Innern dieses Blöden vollzog, von dem ungeheueren Schmerze, der an seiner Seele nagte. Es fiel auf, dass er oft ganze Nächte durchwachte und durch alle Strassen der Stadt schleuderte. Da sahen ihn Leute um die Geisterstunde wie einen Schatten herumkriechen, scheu um sich herblicken, als würde er etwas fürchten oder suchen. „Guten Abend, Jossele, was suchst Du?“ Er aber, der stets höflich Salutierende, kümmerte sich nicht um die Ansprachen, blickte scheu um sich und gieng seines Weges. Es war ein kalter September. Der Herbst schien frühzeitig seinen Einzug halten zu wollen und um ganze zwei Wochen sich geirrt zu haben. Die Tage waren trüb, das Wetter rauh. Des Nachts blies der Wind scharf durch die Gassen, eine echte Ouvertüre zu den Selichothgesängen. Recht unangenehm, doch zu Selichoth muss man gehen. Da hilft nichts. Also Sonntag um drei Uhr früh. Und er ertönte pünktlich, der melodiöse, romantische, traditionelle Ruf des Selichothweckers. Durch das nächtliche Dunkel drang er in alle Strassen Und mahnte, wie ein Prophetenruf, die Ruhenden und Schlafenden an ihre Pflicht. „Juden, heilige, fromme Jüden. zum Gottesdienst steht auf, steht auf zu Selichoth!“ Wir standen auf. Auf der Strasse wartete man auf einander. Man gieng gruppenweise ins Bethaus, denn in kalter Nacht geht es sich in Gesellschaft besser. Viele trugen Kerzen in ihren Händen, um sicher den finsteren Weg zu wandeln. Da stand er dort an der Strassenecke vor dem Nonnenkloster, mit Cylinderhut und Schirm und ausserdem mit einem mächtigen Knittel bewaffnet. Er zitterte am ganzen Leibe, doch stand er aufrecht wie ein Soldat vor der Klosterthür. „Jossele, was machst Du denn da?“ „Ich warte.- „Auf wen?“ „Auf Ruchele.“ „Wo ist sie denn?“ Er zeigte aufs Kloster. „Was macht sie drin?“ 1 ,;Sie sagt Selichoth mit’n Goj." „Mit welchem Goj?“ „Mit ihrem Goj.“ Und er schwieg. Jeder weitere Versuch, ihn zum Reden zu bringen, scheiterte. Eigentlich war es ja nicht mehr nothwendig. Das Räthsei, ach das Rüthsei war gelöst. Eintausend andere Rüthsei, die sich da vor uns aufthürmten, wie ihm eigentlich das Unglück zu Bewusstsein gekommen sei, wieso er es wusste, dass seine Tochter sich im Kloster befinde, was er suche, was er wolle, dafür hatten wir mehr keine Zeit. Schlug doch schon bereits das Gebet unserer Brüder aus der zweiten Strasse an unser Ohr. Unser Gebet wurde aber diesmal gestört. Man hörte plötzlich ein jämmerliches, verzweifeltes Geschrei, Rufe, schreckliche, Mark und Bein erschütternde Hilferufe. In der zweiten Strasse eine schreckliche Scene. Todesbleiehe Nonnen, schreiende Klosterzöglinge. Auf der Klosterschwelle ein lebloser Menschenkörper in einer Blutlache und Jossele daneben auf seinen Knüttel gestützt. — Ruchele hat zum Gottesdienst in die Kirche gehen wollen. — — Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (Schluss.) „Tch glaube dort nützlich zu sein“, erwiderte der junge jüdische Arzt gerade so schlicht und einfach, wie Josef Goldschild dem Oheim gegenüber seinen Umzug aus der vaticanischen Bücherei in das Pfarrhaus von Siegling begründet hatte. David erinnerte sich der Gerüchte, die er über die weltfremde Wandlung der Lebensanschauung Geist's vernommen hatte. Das kam ihm gerade recht! Er schickte sich an — auf die frühere gute Kameradschaft pochend — dem jüngeren Collegen, der doch auch einst die deutsche Studentenmütze getragen und die deutschen Ideale hochgehalten, ins Gesicht zu reden. Aber schon nach den ersten Sätzen unterbrach ihn dieser. „Ich sehe,“ meinte er mit traurigem Lächeln, „Sie haben über uns, unsere Pläne und Absichten eine ganz falsche Vorstellung. Ihr Urtheil über den modernen Zionismus ist das der Reichen Israels, die den Jammer der armen Juden mir vom Hörensagen kennen!“ Da musste der alte, kluge David nun allerdings beschämt einräumen, dass er von jener mächtigen Bewegung, die in den dunklen, tiefen Schichten seines Volkes seit einigen Jahren gährte, nur oberflächlich unterrichtet sei. Aber das Wenige, das er wusste, genügte» um ihn gegen solche Bestrebungen in Harnisch zu bringen. Warum die ohnedies so schmerzende Grenze der Rassen noch schärfer ziehen? Wozu die Nationalitätenfrage zu den äussersten Consequenzen führen? Wozu das Harte unerträglich gestalten? Gab es denn nicht genug Probleme* die die Menscheit gemeinsam lösen musste? Ein jüdischör Skat! Ob Geist denn meine, die Gegensätze durch dieses Mittel zu beheben? Oder ob ein derartiges Gemeinwesen nicht vielmehr ein unerschöpfliches Reservoir des heimatslosen, irrenden Judenthums würde? Und von deh Bitterkeit, die die Erfahrungen der letzten Jahre in ihm äufgehäuft, überwältigt, begann er Israel eine Standpredigt zu halten. Leidenschaftlich eiterte er gegen den Geist der Absonderung, gegen die Vertretung der 'Sondenntenessen, deren sich sein Volk in den letzten Dedennien schuldig gemacht. Ein langes, vornehmes Leben, das aus einer Summe von Arbeit und Enttäuschung bestand, hatte in diesem weisshaarigen Greise nicht den freisinnigen Humanismus zu erschüttern vermocht, der ihn in jungen Jahren auf die Barrikaden geführt und den Unwillen der alten Apfeljüdin in Chiesch ■ zugezogen^ Dr. Geist war aufmerksam der Ausführung gefolgt. Dann aber blieb er die Antwort nicht schuldig. Einen flammenden