Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Article
- Floridsdorf
- Date
- 1899-06-23
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die A Welt“ Nr. 25 Seite 14 eine Freude, zu sehen, wie die Juden der zweitgrössten Stadt Niederösterreichs, sj,ch von denen der ersten unterscheiden. Die „Ivria“ aber kann auf diesen Abend stolz sein. Bücherwelt. Jüdisch-politische Zeitfragen von Dr. Bernhard Cohn, Berlin. 1S90; Verlag von Leonhard Siniion. Der Verfasser schrieb im Jahre ISDfi eine Broschüre: „Vor dem Sturm“, welche Aufsehen erregte. Man kannte damals den Zionismus nur dem Namen nach und war durch das starke Betonen des national-jüdischen Gefühles, das die Schrift athmete. in Staunen gesetzt. Auch dem Verfasser war damals unsere Bewegung fremd, und so kam er zu dem unerwarteten Schlüsse, alles Heil für die Juden liege im Anschlüsse an den Socialisinus. Heute ist er sich klar darüber, dass wir nur durch die eigene Arbeit und Selbsthilfe zum Ziele unserer Erlösung gelangen können, in vier Aufsätzen-: 1. „Leber den Wert des jüdischen Volksthums“, 2. „Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“, 3. „Leber Mischehen“, 4. ..Judenschulen“ wird ein wertvoller Beitrag zur Klarlegung unserer Ideen geliefert. Im ersten Abschnitt wird der Unterschied von Nation und Volk anschaulich erörtert und gezeigt, dass neben der Abstammung nur der Wille zur Zusammengehörigkeit die Nationen schafft. Mag auch nur ein grosser Bruchtheil von uns dem Zionismus huldigen, er bildet das Volk, unabhängig von der Zahl. „Wir waren schon ein Volk, als wir 70 Personen stark nach Aegypten zogen, und wir werden die Hoffnungen unseres Volkes bewahren. wenn wir auch auf eine noch so kleine Zahl zusammenschrumpfen sollten.“ Bemerkenswert ist, dass der Verfasser endlich einmal offen den wahren Wert unserer Religion gegenüber den Staatsreligionen betont und sich nicht, wie das sonst geschieht, auf die Defensive beschränkt. Die Zeit ist gekommen, wo man mit der Wahrheit nicht mehr hinter dem Berge halten sollte. Am besten gelungen scheint mir der zweite Aufsatz. Er zeigt, dass die Erfolge des Central Vereines sehr geringe nach aussen hin wären. Schon deshalb, weil er den Angriff von einer Seite abwehrt, von welcher die Hiebe gar nicht kommen. Er vertheidigt als Religionsgemeinschaft und ist als Rassengemeinschaft angegriffen, kein Wunder, wenn die ehrlichsten Argumentationen ungehört verhallen. Was von Seiten des Centralvereines vertheid igt wird, bestreitet man auf der Gegenseite gar nicht ernstlich. Und wenn die Vorstandsmitglieder einmal offen bekennen wollten, ob sie wirklich deutsche Staatsbürgerjüdischen G la ub en ssind, so würde sich wohl, zeigen, dass viele von ihnen das Innere einer Synagoge nur vom Hörensagen kennen. Warum also nicht offen die Wahrheit sagen und sich wehren als Mitglieder der angegriffenen Rasse? Auch die beiden letzten Aufsätze sind lesenswert, wenngleich sie mehr locale Bedeutung haben. Dr. F r i e d e m a n n. Der Centurio von der Hoichegass’. Von David Rothblum. Tn Galizien hat jedes Städtchen seinen Idioten. Er tritt in verschiedenen Formen auf und erfreut sich einer nicht minderen Popularität als etwa der Rathsherr oder -Bürgermeister. Ja, der volksthümlichc Idiot hat sogar etwas vor ihnen voraus: man sieht ihn gern. Er ist nicht ganz verrückt, verkommen und zerlumpt, sondern halbblöd und mit irgend einer ihn besonders auszeichnenden Eigenschaft versehen. Sein* off tritt er als Dichter und Improvisator auf, und das ist die interessanteste Species. Seine Verse werden da zu geflügelten Worten, die sich im Städtchen von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen, und seine Gedichte sind allen Lippen geläufig. Ein anderesmal, tritt er als Tänzer, als Sänger, als Kritiker, als Hausierer und als Bettler auf. In jedem Falle ist er allen und alle ihm bekannt. . Auch meine Vaterstadt hatte ihren Idioten. J o s s e 1 e aber besass keine einzige von den oben angeführten Eigenschaften, und doch durfte sich kein einziger Bürger der Stadt, rühmen, so populär zu sein* wie Jossele, so von Jung Und All» Gross und Klein gekannt und gern gesellen zu sein» wie Jossele. Man hätte einen Schulbuben über Jossele fragen können, er würde die genaueste Auskunft gegeben haben. Er war ein starker, hoher Mann mit abgehärmten) fast schönen Gesichtszügen. Er trug immer Cylinderhut und Schirm, freilich stets dieselben. Den Schirm öffnete er nie, er war sein Stock. Jossele bewegte sich wie ein Automat und dabei schaute er immer nach vorwärts. Den Gruss der Schulbuben erwiderte er auf militärische Weise. Wenn nicht der ausdruckslose Blick seiner grossen Augen und seine automatische Bewegung wäre, könnte er eigentlich für einen gescheiten Menschen gehalten werden, denn .er sprach sehr wenig. Und was er sprach und tliat. war eigentlich nicht so dumm. Den Cultusvorstand zum Beispiel grüsste er immer mit den Worten: „Ihr Diener, Herr Collega!“ und jungen Mädchen lachte er ohne Ausnahme ins Gesicht. Einem stadtbekannten Antisemiten schüttete er einmal an einem heissen Julitage eine Butte kalten Wassers an die Brust. Und von jenem Tage datierte seine Popularität im Städtchen. Er kam früh und abends ins Bethaus, ohne eigentlich zu beten. Manchmal stellte er sich vor den Amod, um den Vorbeter zu vertreten, und nur mit grosser Mühe konnte er von jenem kleinen Tischchen, das in Galizien auf die Baale-Bathim so anziehend wirkt, fortgeschleppt werden. Da gab es ein Heidengelächter, auch Jossele lachte überlegen und begab sich dann ruhig auf seinen Platz vor der Thiire. Einmal bildete eine That Josseles das Tages-, ja das Wochengespräch der ganzen Stadt, Er hatte nämlich bei einem in unserer Stadt so oft gesehenen Berggoraien, die Holzscheite feilbieten, eine hochbeladene Fuhre des genannten Brennmaterials gekauft. Der Landmann sollte nach der Ablieferung das Geld bekommen. Beide Parteien wurden schnell einig, und nun sollte das Holz nach dem Hause des Eigentbümers gefahren werden. Jossele bestieg die Fuhre. Er licss sich durch ein Labyrinth von Strassen und Strässchen fahren, um endlich vor einem fremden Hause stehen zu bleiben. Nun gab er Befehl, das Holz durch das Kellerfenster zu werfen. Als der Landmann so ziemlich mit seiner Arbeit fertig war, machte sich Jossele auf und davon. Niemand wusste etwas Näheres über seine Vergangenheit, Er tauchte plötzlich auf und war mit einemmale allen bekannt. Er wohnte in der Hoichegass*. Es ist dies die schmutzigste Strasse unserer Stadt, weil dort die Hungrigen wohnen. Hoichegass drückt Elend, Verkommenheit, Schmutz, den Kampf ums Sein in den gröbsten Formen aus. Hoichegass ist eine moderne Uebersetzung des Ghetto. In der Hoichegass herrscht jene schreckliche, unglaubliche Armut, . die man nicht ahnen kann, wenn man sie nicht sieht, Dort wohnen sie, die um ihr tägliches Brot mit ihrem Herzblut kämpfen, die ihre Kinder in Fetzen kleiden, die mit Thränen jeden Bissen befeuchten und ein niedriges, thieiisches Leben führen. Dort wohnen sie zu Dutzend Paaren in einem Loch, die Bethausdiener, die Wasserträger, .die Krämer,, die Hausierer, die Blöden und die Halbblöden, die Bettler, die Faulenzer, die Taugenichtse, die Krankenwärter und die Kranken. Dort verkommen sie, ohne recht gelebt zu haben, ohne sich ihres Elends bewusst zu sein, verfluchen die Welt und scheiden von derselben mit dem Fluche auf den Lippen. Dort also wohnte Jossele. Doch er war ein seltener Gast in seiner Wohnung. Seine Mahlzeiten, die aus trockenem Brot bestanden, verzehrte er gemüthlich auf der Strasse, und nur die Nacht brachte er in-seiner Wohnung zu. Er hätte es in einem der zahlreichen Bethäuser unserer Stadt, deren Bänke, bekannten Armen in der Nacht zu Lagern dienen, viel besser haben können. Mag es aber seine Scheu gewesen sein, von Fremden etwas anzunehmen, oder seine Anhänglichkeit an seine Tochter, er schlug jedes diesbezügliche Anerbieten aus. und kehrte jeden Abend in die Hoichegass zurück. Von seiner Tochter wusste man nicht .Mehr, als dass sie hübsch sei. Dass Jossele zu dem Mädchen in dem ge-