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Die Welt · 1899-06-23 · 25 (23.6.1899) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
25 (23.6.1899)
Article
Petersburg
Date
1899-06-23
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die Welt“ Nr. 25 in Nikolajew die Verhandlung gegen dje Excecfenten stattgefunden. 32 Personen wurden wegen Diebstahl während der Excesse verurtheilt. Die meisten wurden mit dreimonatlichem Kerker bestraft. Moskau. Das officielle Journal veröffentlicht folgende Verordnung betreffend den Aufenthalt der Juden in Moskau: 1. Die jüdischen Geschäftleute erster Gilde, die sich in Moskau zu etablieren wünschen, sind verpflichtet, die Ermächtigung dazu von Seiten des Finanzministers zu erlangen, der in jedem Falle verpflichtet sein wird, dem Gouverneur von Moskau darüber zu berichten, der seinerseits das Recht des Widerspruchs hat. 2. Diejenigen, welche diese Ermächtigung erlangt haben, können ihre Söhne, die noch nicht 21 Jahre sind, und ihre unverheirateten Töchter mit sich führen; die Söhne, die älter als 21 Jahre sind, sind verpflichtet, eine persönliche Erlaubnis des Aufenthaltrechtes in Moskau sich zu verschaffen. 3. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde, die in Moskau wohnen, ebenso wie die, welche dieser Gilde seit 10 Jahren angehören, verlieren ihr Aufenthaltsrecht in Moskau, sobald sie nicht mehr die mit der Gilde verbundenen Taxen bezahlen. i. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde in Moskau werden keinen Theil haben an der Corporation, die alle Kaufleute erster Gilde umfasst und haben weder das Recht, für die Wahl des Executivcomitäs der Corporation zu stimmen, noch das Recht an diesem Comite theilzunehmen und werden keines der Rechte gemessen, die den Mitgliedern der Corporation der Kaufleute zukommen. 5. Das Gesetz ist nicht anwendbar auf die Juden, welche vor dem 1. April in die Register der Corporation der Kaufleute erster Gilde in Moskau eingetragen sind. Amerika. New-York. (N e w - Y orker Chro-ni k.) Ich habe den europäischen Genossen diesmal erfreuliche Mittheilungen zu machen. In dieser Woche fand in unserer Stadt die XIII. Jahresversammlung des unabhängigen Ordens „Sons of Benjamin“ statt, eine Bruderorganisation nach dem Muster des internationalen Bnai Berith-Ordens, 16.000 männliche und 2000 weibliche Mitglieder umfassend. Auf eine freundliche Einladung des Grossmeisters des Ordens, Herrn Ferdinand Levy,' durften Professor Gott heil und meine Wenigkeit den mehreren hunderten Delegierten der Jahresconferenz die Principien des Zionismus klarmachen. In enthusiastischer Weise aufgenommen, hatten wir die Freude, dass — als Erfolg unserer Ansprachen — eine Anzahl der Repräsentanten uns ihren Entschluss lfundgaben, in den verschiedenen Städten, deren Judenschaft sie vertreten, zionistische Vereine zu gründen. Gestern, am 31. Mai, wurde dem Orden durch den Counsel („Rath“) folgende Resolution vorgeschlagen und einstimmig angenommen: „Der unabhängige Orden der „Sons of Benjamin“ wünscht durch diese Resolution seine Sympathie mit dem Zionismus, der den heimlosen Juden ein Heim im Lande der Vorfahren verschaffen will, auszudrücken.“ - Es wurde ferner beschlossen, den anwesenden Delegierten die Instruction zu geben, ihren Logen und Constituenten die Ziele und Zwecke der grossen zionistischen Bewegung zu erklären, zu dem Ende, dass unsere Organisation, sich in der praktischen Unterstützung der zionistischen Sache zusammenfinde. Die praktischen Ergebnisse dieses Schrittes der Jahresconvention werden binnen kurzem sichtbar werden. Schon heute lässt sich aber sagen, dass der amerikanische Zionismus einen wichtigen Antrieb erhalten hat und dass eine Menge zionistischer Vereine in der nächsten Zeit entstehen werden. S. S. W. Canada. Kürzlich fand in Hamilton (Canada) ein sehr stark besuchtes Meeting statt, auf welchem über die Mittel zur Verbreitungder zionistischen Idee berathen wurde. Allerlei Nachrichten. Am Mittwoch, 14. Juni wurde in Berlin Dr. Israel Hildesheimer zu Grabe getragen. Die Bestattung gestaltete sich zu einem Ereignisse für die deutsche Judenheit; eine ähnliche Ehrung haben die Berliner Juden keinem seitdem Tode von Michael Sachs zutheil werden lassen. Ueber 100 Rabbiner waren von auswärts eingetroffen. Eine Persönlichkeit war dahin gegangen, vor der sich alle beugten, ein Mann, der viele Gegner, aber keinen Feind besass. Tausende versammelten sich zu einer Trauerkundgebung, die durch ihr alt-jüdisches Gepräge allein stimmungsvoll und erhebend wirkte. Da war kein Blumenputz, keine musikalische Begleitung, keine schwarze Uniformierung; sondern schlicht und einfach, unter Sitten und Bräuchen, wie der eigene Volksgeist sie sich geschaffen hat, die wahres jüdisches Empfinden wiederspiegeln und von neuem wecken, so wurde Hildesheimer, das geistige Oberhaupt des traditionellen Judenthums in Westeuropa, zu Grabe getragen. Um 1 Uhr begann der feierliche Act in der Synagoge, das „Hespid“, die religiöse Trauerklage an geweihter Stätte, die nur den Besten in Israel zutheil wird. Inmitten der Synagoge stand der Sarg. Der etwa 600 Plätze fassende Raum war dicht gefüllt, nur Geladene hatten Zutritt, hunderte verlangten vergeblich Eintritt. Dr. Berliner, der bekannte Gelehrte, nahm als erster das Wort. Er gab mit thränenerstickter Stimme seinem Schmerze Ausdruck; er sprach im Namen der Gemeinde Adass-Jisroel, die der Verstorbene zu einer Zeit, als die Reformthätigkeit der Gemeinden begann, begründet und aus kleinsten Anfängen zu heraus starker Entwicklung gebracht hatte. Der Eindruck der Rede war ein gewaltiger. Nach ihm bestieg Dr. Hoffmann die Kanzel, der grosse Talmudlehrer. Mit dem Tallis über dem Kopfe stand er jda und beweinte den Verlust, den das Rabbiner- Seminar betroffen. Er sprach wehmüthig, klagend, in kunstvoller Verwebung seiner Gedanken mit tiefsinnigen Aussprüchen unserer Weisen. Auch seine Stimme stockte, wenn er auf die Todtenlade blickte, die Dr. Berliner im aufwallenden Affecte eine „heiligeLade“ genannt hatte. „Wir haben unseren Rabbi verloren,“ so klagte Dr. Auerbach- Halberstadt als Dritter. Als letzter kam Dr. Biberfeld. Die Trauerstimmung erreichte iliren .Höhepunkt, als dieser vor offener Todtenlade das Todtengebet sprach. — Um 2l/2 Uhr setzte sich der Leichenzug in Bewegung. Angehörige hatten den Sarg in den Wagen gehoben. Wohl an 2000 Menschen folgten trotz strömenden Regens zu Fuss bis an die Thore der Stadt. Die Strassen, durch die sich der Zug bewegte, waren gesperrt; ein grosses polizeiliches Aufgebot sorgte für ruhige Abwicklung der eintretenden Verkehrsstockung. Durch dichte Menschenmengen gieng es hindurch; nach 2 Stunden langte man auf dem Friedhofe in Weissensee an. Dort war ein Zelt errichtet, in diesem eine Rednertribüne, und eine Trauerklage folgte der anderen; so gieng es 3 Stunden. Der Sohn des Verstorbenen, Dr Meier Hildesheimer, brach mitten in der Rede zusammen und konnte vor schmerzlicher Rührung dieselbe nicht vollenden. Nach ihm erhob sich Dr. Veilchenfeld-Posen, um in ergreifendster Weise den Todten zu feiern; ihm folgte der Rabbiner von Eisenstadt-Ungarn, sein Nachfolger im Amte vor 30 Jahren; auch dieser wirkte elementar und erschütternd. Genannt seien ferner die Rabbiner Biberfeld, Dr. Wohlgemut, Dr. Woltf, Dr. Horowitz-Frankfurt. Der letztere erinnerte an die Zeit, in welcher man den Dahingeschiedenen einen Träumer und Phantasten nannte. ❖ Am 6. d. M. constituierte sich in Berlin die vom Verbände der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche eingerichtete Pensions-, Witwen- und Waisencasse. Die Konstituierung wurde namentlich durch verschiedene hoch-

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