Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 25 (23.6.1899)
- Article
- Aus "nationaler Begeisterung"
- Date
- 1899-06-23
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die Hl- Welt“ Nr. 25. Tagen Arrest verurtheilt, weil er ohne jede Veranlassung einen jüdischen Mitschüler in der Schönaugasse mit den Worten „frecher Saujud“ beschimpfte und demselben zweimal in das Gesicht gespuckt hatte. Der Angeklagte war vollkommen geständig und entschuldigte sein Benehmen nur dadurch, dass er aus nationaler B e g e i s t e r u n g so gehandelt habe und durch den Genuss von Bier hochgradig aufgeregt gewesen sei. In der Urtheilsbegründung hob der Richter als besonders erschwerend die Roheit des Angeklagten hervor. Die e-ste Liste der „judenfreien Sommerfrischen“ Deutschlands und Oesterreichs ist soeben erschienen. Sie lautet vorläufig: Borkum, Juist, Amrum, Zinnowitz, Heiligenhafen, Müritz, Gehlberger Mühle (Thüringen), Grosstabarz (Thür.), Oberweiler (Schwarzwald), Hofhaus (Schliersee), Ruhpolding (Uberbayem), Trautheini (Odenwald). Grendelbruch (Untcr- Elsass), Frauenkloster (Ottilienberg), Genen alb (Schwarzwald), Palmenwald (Schwarzwald). Einöd bei Friesach (Obersteiermark). Fttlingerweiler und Bruch Immen Bad (Schwarzwald), Metlisalp (Berner Oberland), St. Johann bei Heiden (Appenzell). Gaisenstein, Inner-Bartholomä und Bandaus (Vorarlberg). Ober-Audorf und Kiefers fehlem am Inn, Gasth. „zur Gräfin Kufstein“, Hinterriss (Bayern!, Forsthaus, Walchensee, Langhampfen, Ober-Bozen, Mezzolonibardo (Rest. Gröbner). Reutsch!>. Bozen, Cafe Schgraffer (Bozen), Sermione am Gardasee, Kitzbühel (Tirol), Hotel Schröder, Neuenahr. Etwas Judenstatistik. Von den 3,579.125 Einwohnern des Gouvernements Kiew sind 1-75.030 Juden. Darunter sind 7129 Erdarbeiter. Seit dem Jahre 1 SSI sind aus Russland und Rumänien allein OSO.OOO Juden im New-Yorker Hafen angelangt. Ungefähr 300.000 von diesen Emigranten verblieben in New-York. Ein judenfeindlicher Tanzlehrer. Aus Krakau wird berichtet: „Vor dem hiesigen Schwurgerichte hat am 17. d. eine auf mehrere Tage anberaumte Gerichtsverhandlung gegen Johann Z g o (1 o m ir s ki, Mühlenbesitzer aus Ahvernia, wegen eines Dynamitattentates begonnen. Am 5. December 1898 abends heizte der Bäcker in Alwemia.Israel Siegel, seinen Backofen. Plötzlich erfolgte eine Explosion, wobei Siegel Brandwunden erlitt und der Ofen stark beschädigt wurde. Am 10. December erfolgte eine noch stärkere Explosion im Backofen des Elias Mendelsbaum, wobei der Ofen gänzlich zertrümmert wurde. Es stellte sich heraus, dass diese Explosionen durch Dynamitkapseln verursacht waren; der Thäter blieb anfangs unentdeckt. Bald aber schöpfte man Verdacht, gegen Johann Zgodomirski, welcher als Steinbrecher oft Dynamit besass, dabei aber sich mit Bäckerei befasste und mit Siegel und Mendelsbaum in Zwietracht lebte. Zgodomirski äusserte sich ajuch einmal heim Besprechen dieser Explosionen, dass es gut wäre, wenn man den Juden n o c h w a s t h u n m ö c h t e. — Ein anderesmal gab er dem Maurer Pierzehala eine Dynamitpatrone, mit dem Aufträge, er möge dieselbe im Ofen des Mendelsbaum einmauern. Zgodomirski wollte auch einmal, dass seine Gehilfen den Juden Dynamit durchs Fenster werfen sollten und äusserte sich dabei: „Es wäre wert, die Juden tanzen zu lehren." Zgodomierski stellt all das in Abrede und gibt nur zu, dass er dem Pierzehala Dynamit zum Steinbrechen gegeben habe.“ Pariser Begeisterungsfabrikanten, ln einer Pariser Zeitschrift erzählt Paul P o 11 i e l* interessante Dinge über die Pariser „Begeisterungsfabrikanten“. Der Häuptling dieser Fabrikanten heisst Napoleon Hayard, im Kreise seinerMyrmidonen jedoch trägt er den stolzen Namen des „Kaisers der Strassenverkäufer“ (Camelots); denn aus diesen Strassen- Verkäufern, die mit Spielzeug und Zeitungen auf den Boulevards hausieren, recrutierfc er das Heer seiner Kundgebungsgehilfen und Begeisterungsfäbrikanten. Seines Zeichens ist Napoleon Hayard Verleger schlüpfriger Flugschriften mit verlockenden Titeln, früher aber war er selbst „Camelot“ und schrie vor den Schenktischen der Boulevards jenes lichtscheue Geschreibsel aus, das er nunmehr in eigenen; Grossbetrieb genommen. Das unleugbare Ansehen, das er unter seinen früheren G oll egen besitzt, brachte ihm auf naturgemässe Weise die Kaiserwürde ein : und obgleich er augenblicklich nicht weniger als vier Prätendenten sich gegenübersieht, so steht sein Thron doch immerhin noch so fest, dass er in der kurzen Frist von zwei Stunden 200 Schildknappen zusammenbringen kann, die ohne Rücksicht auf Politik und Religion irgend jemanden hoch leben lassen. Er hat es sogar im Laufe seines wechselvollen Kundgebungslebens fertig gebracht, dieselbe Kohorte für und gegen fast in demselben Athemzuge zu verwenden. Als einst die „Libre Parole“ und die „A uro re“ zur selben Zeit bei ihm hundert Mann bestellten, liess er sie zur Abwechslung bald „Es lebe Drutnont!“, bald „Nieder mit Drumont!“ ausrufen. und beide Tiicile waren mit seinen Leistungen zufrieden; am fViedensten aber zeigten sich natürlich die Camelots, die doppelten Verdienst einstrichen, und darob Hayard selbst, und zwar diesmal aufrichtig, hoch leben Hessen. Drumont soll sich wiederholt Hayards bedient haben, so als er aus Algerien zurückkehrte und vom Lyoner Bahnhöfe aus bis zu seiner Redaction eines kleinen Triumphzuges bedurfte; sofort mobilisierte Hayard sechs Wagen mit 50 Camelots, die sich an Drumont und den Juden heiser schrien. Drumont konnte daraufhin am folgenden Tage in seinem Blatte sich folgenden Erguss gestatten: „O, Volk von Paris, ich danke Dir für Deinen begeisterten Empfang!“ Hayard spielt bei solchen Anlässen nicht immer bloss die Rolle des Vermittlers, er greift oft selbstthätig ein, wirft sich mit Vorliebe bei Versammlungen zum „Unterbrecher“ auf und versteht es, im psychologischen Augenblicke den Redner mit dem Ausrufe „Du lügst!“ aus der Fassung zu bringen. Natürlich richtet sich gegen ihn dann sofort die allgemeine Wuth und Fäuste dringen nach ihm; aber ehe es ihm an den Kragen geht, mischt sich die Polizei ein und räumt den Saal; und damit hat Hayard dann seinen Zweck erreicht Hayards Einfluss ist so unbestreitbar, dass sogar die Polizei sich seiner Dienste hat versichern wollen, was er allerdings als seiner unwürdig abgelehnt hat: er würde dann ausserdem um die Gelegenheit kommen, die er sich so sehnlich herbei wünscht, nämlich, einen König oder Kaiser auf den Thron Frankreichs zu setzen. „Wenn Frankreich einen König wünscht,“ so sagte er zu Pottier, „so braucht es sich iiur an mich zu wenden.“ Im allgemeinen zahlt Hayard seinen Camelots je 2 Francs für die Kundgebung. Baron Gustav Heine. Auf seiner Besitzung in Schonkirchen bei Gänserndorf ist dieser Tage Gustav Freiherr v. Hein e - G e Hi e r n, Neffe des Dichters Heinrich Heine , Im 51. Lebensjahre nach einem längeren Leiden gestorben. Todesfall. In 1) e e s (Ungarn) starb vor kurzem der jüdische Arzt Dr. Nathan Friedländer im Alter von 81 Jahren. Er war Honorär-Oberphysikus des Comitates Szohiok-Doboka und in seinen Mussestunden ein hebräischer Publicist von recht schätzbaren Dualitäten. Ehre seinem Andenken. Der Hut des Präsidenten Loubet. Der Pariser „Figaro“ erzählt folgende Geschichte als „absolut-authentisch“ : Baron Christiani weiss nun wohl, was es ihn gekostet hat, den Hut des Präsidenten mit seinem Spazierstocke in eine unsanfte Berührung zu bringen, aber er hat gewiss keine Ahnung davon, welchen hohen Wert dieser Gylinder durch die von ihm veranlasse Deformation erhalten hat. Der Spazierstock des Baron Christian! wurde zu einem Zauberstabe, der den Seidenhut in einen Gegenstand von überaus hohem Wert verwandelte. Das gieng so zu : Kaum xvar die He Identhat Christianis in Amerika bekannt, als einer von den Yankee-Millionären, der den nun historischen Hut absolut besitzen wollte, an das Elisee schrieb und die respec-