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Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
Literarisch-wissenschaftliche Vierteljahrschrift [Rezension]
Date
1899-06-16
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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S. Bub er- und endlich einen-populär-medicinischen Aufsatz von Dr. J. L Davidsohn, der den Beschluss des gehaltreichen Bandes bildet. In diesem finden sich ferner Buchbesprechungen, literaturgeschichtlich und wissenschaftlich wertvolle Briefe von verschiedenen jüdischen Gelehrten unseres Jahrhunderts etc., etc. — Wir beglückwünschen den verdienstvollen Herausgeber zum zweiten Bande seiner Vierteljahrschrift, der eine erfreuliche Bereicherung des hebräischen Sammelschriffcthums darstellt, und geben der Erwartung Ausdruck, dass sich die künftigen Bände des auf gleicher Höhe erhalten werden. M. Z. Ghetto dichter. Von Max Aram. Heines „Rabbi von Bacharac h". — Berthe 1 d Auerbach. Wenn Treitschke forderte, dass der Dorfgeschichte wegen der Dumpfheit und Eingeschränktheit ihrer Motive nur ein episodischer Platz zuerkannt werde in der höheren Dichtung, und dies auch für die Ghettogeschichte nicht anders geltend machte, so ist Heines Ghettonovelle vom „Rabbi von Bacharach" auf eine wunderbar zufällige Weise dem feinsten und strengsten künstlerischen Gefühl gerecht geworden. Diese Ghettoschilderung ist nämlich das Fragment eines grossangelegten Romanes, dessen Schluss und die folgenden Capitel aber, ohne Verschulden des Autors, verloren gegangen sind. Die Erzählung bricht dergestalt ganz zufällig und ganz unvermittelt ah, indem der Schluss des Fragmentes lautet: „Don Isak war schon im Begriffe, die Einzelheiten dieser Geschichte kritisch zu beleuchten, als glücklicherweise der scheele Aron Hirschkuh von Hamburg an der Lahn, mit der weissen Serviette im Maule, aus dem Hause hervorkam und ärgerlich klagte, dass schon längst die Suppe aufgetragen sei und die Gäste zu Tische sässen und die Wirtin fehle.-" Einfügt und einknüpft sich die Ghettoepisode in den grösseren Plan des Romanes, indem der Rabbi von Bacharach während der Abendfeier des Passahfestes noch rechtzeitig bemerkt, wie zwei grosse blasse, in sehr weite Mäntel eingehüllte Männer, die sich als reisende Glaubensgenossen vorgestellt, ihm den blutigen Leichnam eines Kindes unter den Tisch gelegt hatten; in der lauen und hellgestirnten Nacht mit seinem Weibe, der schönen Sarah, entflieht; mit Hilfe eines schönen stummen Fischerknaben, der in einem Kahne den Rhein hinauffahrt, und auf der Flucht über den Main gelangt ins Frankfurter Ghetto. So bildet die Darstellung des Frankfurter Ghettolebens, die in besagter, zufälliger und unvermittelter Weise abbricht, ein beinahe selbständiges Ganze, das kaum berührt werden dürfte von dem Gange der eigentlichen Romanhandlung und doch zugleich, wie Treitschke es forderte, auf ein grosses freies Ganze zurückdeutet. Wenn man an „Hermann und Dorothea" so sehr gerühmt hat, dass dort die Enge des philiströsen deutschen Kleinstadtlebens poetisch bedeutend werde durch die wenn auch gar lockere Beziehung der Vorgänge zur französischen Revolution, so gewinnt die Ghettodumpfheit und -stille eine noch grössere Bedeutsamkeit durch die Beziehung zu den historischen Vorgängen des Romanes, wovon sie eine Episode darstellt. Eine Verfolgung der Juden von Bacharach wird erwähnt mit der historischen Angabe des Jahres 1287 und desgleichen ein Blutbad, das unter den Frankfurter Juden im Jahre 1210 angerichtet wurde, und im Jahre 1349, als die Geissler bei ihrem Durchzuge die Stadt anzündeten und die Juden des Brandstiftens anklagten. Aber nicht allein ist dies der Grund, warum die fragmentische Erzählung vom Rabbi von Bacherach so einzig hervorragt aus aller Ghettodichtung, sondern vorzüglich des Dichters wundersame Feinheit und Poesie, welche sich über die Bilder seiner grossen und kleinen Welt gelegt haben, glänzend und leuchtend wie morgendlicher Tliau über Rosen- -#ieidr ' Seite 11 blätter oder süberschimmernd, wie ein Reif über ebenmassiges Spinngewebe. Heine ist kein Charakteristiken; weder als Dramatiker, wovon seine auffallend misslungenen Jugendtragödien „Almansor" und „Ratcliff" vollgültige Beweise sein mögen; noch als Epiker mag er es gewesen sein, denn wenigstens von diesem Romanfragmente lässt es sich wohl übersehen, dass ihm die sonderliche Kunst, einen Charakter aus sich heraus zu entwickeln und sich entfalten zu lassen, nicht gegeben war, vielmehr die eigentlichen Gestalten, der Rabbi, sein Weib, Don Isak Abarbanel, so durchsichtig und des lebendigen Athems entbehrend angelegt sind, dass eine echte, innere Entwicklung ihnen beinahe gewisslich abgesprochen werden darf; ja, auch als Essayist löst Heine alles in lyrischer Stimmung auf, und selbst wenn er von Shakespeare handelt, der seine Gestalten doch gleichsam in Erz gegossen hat, dann leuchtet die glühende Sonne, und der Mond ergiesst seinen milde verschleierten Glanz, und aufglänzen alle Sterne am Himmel und helle Bänder flattern um schlanke Mädchenglieder und die holdesten Blumen strömen ihre wundersamen Düfte aus. Aber dieser Mangel an eigentlicher sich entwickelnder Charakteristik kann noch nicht, in dem Fragmente stören, von dem mehr als die Hälfte in dem Zuständlichen, den Bildern des Ghettos besteht, welches gerade durch die beispiellos reiche lyrische Stimmung eine echt poetische Realität erhält. Und mehr noch, als das Künstlerische, als welches wohl nur für den bewusstesten Kenner in Betracht kommen dürfte, mag. ein anderes allgemeines Moment bedeuten. Mit seiner unerhörten Lyrik ist Heine für alle Welt der Beweis, dass auch aus dem für schacherniedrig und plebejisch gehaltenen Judenthume der eleganteste, weltmännischeste und im besten Sinne ritterlichste Dichter hervorgehen könne. Aber wenn deutsche Jünglinge seine Lieder singen oder etwa ein polnischer sich übt an der Uebersetzung seiner Gedichte, dann knüpft sich in ihrer Vorstellung keine Beziehung zu den jüdischen Mitschülern oder Gefährten; sie sehen den Dichter alsdann für einen Deutschen, an und auch später meinen wohl noch die Denkenden, dass er nur — mit ungeheurer künstlerischer Begabung — die poetische Erbschaft des deutschen Volkes oder wenigstens der deutschen Romantik angetreten habe. Erst wenn er von den sonderlichsten und niedrigsten jüdischen Zuständen, denen des Ghettos die eigenthümlich herbe, beinahe kalte, feine, adelige Poesie ausströmen lässt, dann erscheint vielleicht dem stillen unwillkürlichen Nachdenken eines Deutschen, der Jude, wenn auch nicht als ebenbürtig, so doch weniger verachtimgs- und bemitleidenswürdig, wie ja in diesem Sinne die Poesie zumeist die letzte Emancipation aufsteigender Menschheitsschichten' zu vollziehen pflegt. Ali dieses spricht um so deutlicher aus der kleinen (in der Reklam’schen Volksausgabe ganze 45 Seiten umfassenden) Dichtung, als Heine doch nicht infolge zufällig persönlicher Erlebnisse und Stimmungen, nicht infolge der Eingeschränktheit seines Talentes sich dem jüdischenStoffe zu wandte, sondern sich bereits in der allgemein menschlichen Wahrhaftigkeit des Genies niederbeugte zu den Leiden und Schicksalen seines Stammes. Ihm gibt denn auch die Darstellung realer, mittelalterlicher ^Vorgänge das ganze, gewissermassen absolute Problem der geistigen jüdischen Existenz, welche bei diesem Gedankenvolke par excellence die vornehmlichste'sein'mag. Das Hinausstreben höher begabter Naturen aus dem Ghetto, ihr^heimlich Heimweh, ihre Selbstbetäubung, all die spinn webfeinen psychologischen Zustände treten hinzu: Die Ghettomauern Tiaben sich aufgethan (hier die wirklichen verwitterten, während wir ja nur die luftigen Gedanken- und Empfindungsmauern kennen), und ringsherum dehnen sich weite Felder mit unendlichem Horizonte. Er begann den%,Rabbi von Bacharach", dessen Stoff er „mit unsäglicher Liebe" in sich getragen, ja auch

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