Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Article
- Ein missglückter Pumpversuch
- Date
- 1899-06-16
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- M „IM Welt“ Seite 7 ehen erzählt wird. Danach hätte sich der Prinz v. Orleans im verwichenen Herbst an die Baronin Hirsch um ein Darlehen von einigen Millionen Francs gewandt, sei aber von der Baronin, die mit gutem Grund annahm, dass das Geld royalistischen Staatsstreichversuchen dienen sollte, rundweg abgewiesen worden. Wenige Tage nachher erschien die bekannte dreyfusfeindliche Proclamation des Prinzen von Orleans, die, wie erinnerlich, einen durchdringenden antisemitischen Beigeschmack hatte. Ein jüdischer Vertilger von Kannibalen. Der jüdische Major Morris Nathan wurde kürzlich von der Königin von England zum Generalgouverneür der englischen Kroncolonie Sierra Leo n e an der Nordküste von Ober-Guinea ernannt. Major Nathan ist erst 37 Jahre alt und hat sich in Indien sowie neuerdings in Westafrika als unerschrockener Krieger und erfolgreicher Bekämpfer der Wilden rühmlich hervorgethan; Er hat in Sierra Leone im Verlaufe einer Woche drei grosse Kannibalenhorden auseinandergejagt und dadurch die englische Einwohnerschaft vor sicherem — Aufgefressen werden gerettet. Zur Belohnung hierfür erhielt er den hohen Posten, für den aber auch kaum jemand so geeignet ist wie er. Gouverneur Nathan hat drei Brüder, die gleichfalls in der britischen Armee dienen und deren einer Major ist, während die beiden anderen Hauptmannsrang bekleiden. . Wo ist der Taufschein?! In den kurländischen Städten Mitau, Libau, T uckum, Talsen, Go Idingen, Friedrich stadt und Jakobstadt haben die Arbeiter und Arbeitsgeber letzthin eine amtliche Aufforderung erhalten, sich mit ihren Taufscheinen ins Rathhaus zu begeben, da ungetaufte Arbeiter und Handwerker kraft einer alten Polizeiverordnung in den kurländischen Stadtgemeinden nicht wohnen dürfen. Die Verordnung und deren Auffrischung lautet also nicht direct gegen die Juden, sondern gegen Ungetaufte aller Confessionen. Da jedoch eine alte Erfahrungstatsache dafür spricht, dass die Juden gewöhnlich keinen Taufschein besitzen, andererseits aber, wie ernste Männer der Wissenschaft nachdrücklich versichern, in den respectiven Weichbildern der kurländischen Städte Feueranbeter oder auch nur zahme Buddhisten weder aufnoch auszutreiben sind, kann es keinem Zweifel unterliegen, dass sich die sogenannte Spitze des famosen Befehls, wonach jeder, der sich nicht selbst als getauftausweisenkann, von der Polizei ausgewiesen wird, lediglich gegen die jüdischen Arbeiter richtet. Uebrigens ist der Ausweisungsbefehl noch nicht rechtskräftig, da die jüdischen Arbeiter und Arbeitsgeber beim Senat Berufung eingelegt haben. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Die jüngste Nummer der „Przyszlosc“ wurde wegen eines heftigen an die Adresse des Landesausschusses gerichteten Artikels confisciert. Die zweite Auflage ist erschienen. — Die akademische Jugend nimmt an der Hilfsaction für die Boryslawer Arbeiter lebhaften Antheil. Am 30. Mai veranstaltete sie im hiesigen jüdischen Theater eine Wohlthätigkeitsvorstellung, deien Erträgnis sich auf 350 fl. beläuft. Eine Reihe von Wohlthätigkeitsfesten ist geplant. Russland. Czenstochau. In Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Regierung, der Geistlichkeit und des Adels, wurde der Grundstein zu einem neuen Synagogenbau gelegt. Anlässlich der solennen Feier hielten der Rabbiner und ein Baucomitemitglied Ansprachen. Lodz. Die Statuten des hier gegründeten jüdischen Wohlthätigkeitsvereines sind bereits genehmigt, und der Verein beginnt eine segensreiche Thätigkeit zu entwickeln. — Spenden für die hier ins Leben gerufene Rettungsgesellschaft fliessen reichlich ein. Das Gelingen und der Fortbestand des Unternehmens scheinen gesichert zu sein. — Für den Bau einer Handwerker-Talmud-Thora spendete der Industrielle J arocinski 40.000 Rubel. Lublin. Die zumeist von Juden bewohnte Colonie Baranow, an der Grenze des Lublin er und Siedlecer Gouvernements, wurde von einer schrecklichen Feuersbrunst heimgesucht, der die ganze Colonie zum Opfer fiel. 268 jüdische Familien sind obdachlos. Der Schaden beträgt 100.000 Rubel. Eine Hilfsaction für die unglücklichen Abbrändler wurde von einem localen Rettungscomite eingeleitet. Warschau. Im Laufe dieser Woche fanden hier die Cultusvorstandswahlen statt. Dem Rechenschaftsberichte der Cultusgemein.de für das abgelaufene Jahr 1898 entnehmen wir folgende Daten: Während die Einnahmen die Höhe von 200.000 Rubel erreichten, bezifferten sich die Ausgaben, trotzdem mit dem Gemeindegelde nicht gekargt wurde, auf circa 185.000 Rubel, sö dass ein Ueberschuss von 15.000 Rubel zu verzeichnen ist. Anerkennung verdient das trefflich organisierte Armen- und Wohlthätigkeitswesen. Das Gemeindeschülwesen beanspruchte 50.000 Rubel. Ausser Elementar- und Religionsschulen wurden auch Werkstätten für Handwerkslehrlinge erhalten. Die zinsenfreie Pfandleihanstalt ertheilte Unterstützungen in der Form von Anleihen an Herabgekommene. Der Stand des Gemeindevermögens ist nach Schluss des verflossenen Budgetjahres ein glänzender: 275.000 Rubel in verschiedenen Hypotheken und Papieren, 37.000 Rubel als Betriebscapital der Pfandleihanstalt, 37.000 Rubel als Reservefond und 16.000 Rubel als Baufond; in Summe 365.000 Rubel. England. London, 9. Juni. Sonntag nachmittags fand in der Kings Hall ein von der English Zionist Federation einberufenes Meeting statt. Vertreten waren die Bnei Zion Association, die Vine Court Synagogüe Zionist Society, die Divisional Society, die Zionist Branch, die Zionist National League und die Mile End Zionist Society. Unter den Anwesenden bemerkte man die Herren Sir Francis Mont efio re, J. C o w e n, L. J. Greenberg, Herbert Bentwich, B. Ritter u. a. Dr. Gaster eröffnete die Versammlung mit der Bemerkung, er gedenke die Discussion in keinerlei Weise zu beschränken. Auf alle Fragen werde offene und ehrliche Antwort ertheilt werden. Sir Francis Montefiore (mit minutenlangen Cheer- Rufen begrüsst) nannte die Gründung der Jüdischen Colonialbank einen errungenen Triumph, den alle Verdächtigungen und Verleumdungen nicht zu verkleinern imstande seien. Er habe die Bankfrage gründlich studiert und sei zu dem Ergebnisse gelangt, dass es sich nicht nur um ein edlen Zwecken gewidmetes, sondern auch durchaus kaufmännisch gesundes Unternehmen handle. Viele, die geglaubt haben, ihre „armen Brüder“ vor der Bank warnen, gegen die Bank schützen zu müssen, haben ihre Stimme niemals gegen wirklich zweideutige Unternehmungen erhoben, die den Aermsten ihr Geld abnehmen. Aus diesem Grunde müsse die Aufrichtigkeit dieser Leute Zweifel erwecken. Der Schreiber des bekannten Artikels in den „Financial News“ verstand von der Sache, über die er sich ein absprechendes Urtheil erlaubte, absolut nichts. Die Zionisten hätten gegen eine, in anständigen Formen sich ergehende Kritik nichts einzuwenden, wohl aber gegen gewisse Unterstellungen. Von den Namen, die in Verbindung mit der Banksache bekannt wurden, dürfe gesagt werden, dass ihre Träger über den Verdacht niedriger Praktiken erhaben seien. Es werde eine Zeit kommen, wo die heutigen Gegner um des Geschäftes willen sich an dem Trust betheiligen werden. Man habe Gewicht auf die Thatsache gelegt, dass die Pluto-