Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Article
- Der Zionismus in Russland
- Date
- 1899-06-16
- Page
- 6 (sequence 1)
- Language
- German
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- Minsk 2× ep/1000754
- Caracas 1× ep/1044325
- Odesa 1× ep/1000834
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€M\#- ■ „Die Weit“ AHWM Der Zionismus in Russland. Vor kurzem liess Fürst Trubetzk 1, Gouverneur von Minsk, dem geographisch grössten wie am dichtesten bevölkerten Gouvernement, den Rabbiner Chaneles zu sich rufen und stellte an ihn die Frage, was der Zionismus erstrebe. Nach den Aufklärungen über die Ziele der zionistischen Bewegung bemerkte der Gouverneur wörtlich : „Die russische Regierung hat nichts gegen den Zionismus einzuwenden, sie betrachtet es im Gegentheile für sehr lobenswert, dass die Juden, trotz des langen Exiles, weder ihr Vaterland noch ihren Glauben vergessen haben.“ Der Gouverneur von Minsk rangiert nicht unter die General-Gouverneure, sondern besitzt den Rang eines Ministers, und aus dieser freundlichen Auffassung ist es auch zu erklären, warum der Minsker District ein solch fruchtbarer Boden für die zionistische Bewegung ist. Weltchronik. Die Zahl der Juden in Russland beträgt nach den neuesten statistischen Feststellungen 4,500.000, von denen der weitaus grösste Theil den sogenannten Ansiedlungsrayon bewohnt, während in den übrigen Gebieten des europäischen und asiatischen Russland bloss ein verschwindender Bruchtheil der russischen Judenheit ansässig ist. Aus Algier. Nach übereinstimmenden, aus Algier eintreffenden Nachrichten sind die dort herrschenden Zustände trotz oder infolge der Verhandlung in der französischen Deputiertenkammer einfach unhaltbar. Es genügt, dass der „Antijuif“ die eine oder andere Familie denunciert, und die Häuser sind der Zerstörungswut des Pöbels anheimgefallen, und ihre Bewohner werden in jeder nur erdenkbaren Weise molestiert. Das geht so einen Tag wie den anderen und die Behörden zeigen sich machtlos. Judenfeindliche Anträge in der Sobranje. In einer der jüngsten Sitzungen des bulgarischen Abgeordnetenhauses interpellierte ein Deputierter den Minister des Innern wegen der in letzter Zeit beobachteten Einwanderung zahlreicher ausländischer Juden, sowie wegen der Ausbreitung des jüdischen Hausierhandels, welcher die bulgarische Kaufmannschaft und die bäuerliche Landbevölkerung in gleicher Weise schädige. Er forderte die Regierung zu energischen Massnahmen auf. Rosa Bonheur — eine Jüdin? Der Kunstkritiker W. H. Spielmann theilt dem „C. Chr.“ mit, er sei in der Lage zu constatieren, dass Rosa Bonheur eine Jüdin war. Ihr Vater, Raymond, war der Freund eines Juden, und von diesem erfuhr Spiel mann die interessante Thatsache. Damit stimmt die Reminiscenz eines deutschen Correspond'enteh, der sich noch an Rosa Bonheurs früheren Namen, Rosie M a s e 11 o w, erinnert. Shakespeare im Jargon. In der New-Yorker Jargonzeitung „Jüdisches Abendblatt“ erscheint seit kurzem eine „Yiddish“- Uebersetzung von »Romeo und Julie“ in Fortsetzungen. In dieser Uebertragung, die aus der Feder M. Baranows stammt, gelangt das Shakespeare’sche Stück nächstens auch auf einer der Jargonbühnen New-Yorks zur Aufführung. Die Juden im russischen Heer. Ein Petersburger halbamtliches Blatt veröffentlicht die folgenden beachtenswerten statistischen Daten: Im Jahre 1899 sind 16.595 Juden in die russische Armee eingereiht worden, das sind 32-28 Percent sämmtlicher jüdischen Stellungspflichtigen, während die 267,988 Nichtjuden, die heuer in den Heeresverband aufgenommen wurden, blos 29 72 Percent der nichtjüdischen Einberufenen ausmachen. Ausserdem sind in diesem Jahre in Transkaukasien 312 Juden zum Militärdienst ausgehoben worden. Laut dem amtlichen Verzeichnisse haben sich 2844 Juden, die zur Aushebung einberufen wurden, nicht eingefunden, doch wird dies durch die Unregelmässigkeit erklärt; mit der die Geburts- und 'Todesmatrikeln in Russland allgemein und insbesondere unter den Juden geführt werden. Die Familie Mortara. Unter der Regierung Pio Nonos trug es sich zu, dass ein jüdisches Knäblein namens Marco Mortara in Rom von seiner ehristlichen Amme ohne Vor wissen der Eltern zur Taufe getragen wurde. Als dann der kleine Mortara herangewachsen war, und die päpstlichen Behörden die Geschichte mit der heimlichen Taufe erfahren hatten, wurde der Knabe aus den Armen seiner Eltern gerissen und unter dem unwirksamen Proteste der „ganzen gebildeten Welt“ in ein Priesterseminar gesteckt. Heute ist Marco Mortara eine der hervorragendsten Figuren des römischen Cierus. Was uns veranlasst, diese abständige Begebenheit aufzuwärmen, ist eine Nachricht, die neulich aus Rom kam und den jüdischen Bruder des weggetauften römischen Priesters betrifft. Wie nämlich italienische Blätter melden, ist Agosto Mortara zum Generalinspector der italienischen Finanzen ernannt worden. Agosto Mortara ist Jude und ein Bruder Marcos. Dr. Haffkine. Der berühmte russische Arzt Dr. Haffkine, bekanntlich der Erfinder der Präventiv-Impfungen gegen die Pest, weilt augenblicklich in London. Er wurde für seine grossartigen Erfolge bereits mit dem Commandeurkreuz des indischen Ordens belohnt. Er steht seit 1893 in indischen Diensten, da in seinem Vaterlande kein — Platz für 4hn war und sein Streben — in Anbetracht, dass er ein Jude — nicht die verdiente Anerkennung fand. Tempelraub. In der Synagoge der Gemeinde Kobersdorf wurde diese Woche zur Nachtzeit ein Einbruhh verübt. Die Strolche sprengten die Eisenstäbe des Plafonds, stiegen ins Gotteshaus und erbrachen und plünderten die Spendenbiichsen, in welchen sich der Betrag von 30 Gulden befand. Von den Räubern hat man nicht die geringste Spur. Grabschändung. In Telagh (Algier) wurde das kleine Kind eines Juden auf dem allgemeinen Friedhofe beerdigt, da sich dort kein jüdischer Begräbnisplatz befindet. Einige Tage nachher wurde das Grab von Antisemiten geöffnet, der Sarg geöffnet und der todte Körper auf das Feld geworfen. Die sofort avisierte Präfectur hat es nicht der Mühe wert gehalten, die Thäter dieser Leichenschändung zu behelligen. Rasche Erledigung. Bei einem Festessen der „Borough Jevvish Shool“ in London kam die Rede darauf, dass zur Verbesserung des Schulunterrichtes, und um die Anforderungen, welche das Unterrichtsdepartement stellt, zu erfüllen, 4000 Pfund Sterling nöthig seien. Gesagt, gethan. Die Festgäste fassten sich ein Herz und binnen wenigen Minuten waren die 50.000 fl. gezeichnet. Dann kauten die zahlungsfähigen Festesser ruhig weiter. Bei einem anderen Londoner Subscriptionsdiner wurde zugunsten eines jüdischen Spitales für Lungenkranke 2720 Pfund Sterling 32.500 fl. gesammelt. Die Juden — nicht gehörnt. Die erste jüdische Gemeinde in Venezuela hat sich vor einigen Wochen in der Hauptstadt Caracas dieser südamerikanischen Stadt constituiert. Noch vor Jahresfrist gab es in Venezuela keinen einzigen Juden, und als die ersten aus Odessa stammenden jüdischen Ansiedler in Caracas ankämen, rottete sich die ganze Bevölkerung zuhauf, um das Weltwunder anzustaunen. Alsbald zogen jedoch die braven Venezuelaner enttäuscht ah. Sie hatten sich die Juden nach spanisch-mittelalterlichen Schilderungen als ganz absonderliche, gehörnte und geschwänzte Wesen vorgestellt und bekamen anstatt dessen gewöhnliche Menschenkinder zu sehen. — Allmählich verstärkte sicli sodann der Zuzug jüdischer Emigranten nach Venezuela und zum verflossenen Passahfeste wurde in Caracas bereits wacker Mazzes gebacken. Ein missglückter Pumpversuch. Der Pariser „Petit Corpora!“ widmete dieser Tage dem Andenken der Baronin Clara von Hirsch einen sehr sympathisch gehaltenen Artikel, worin unter anderem ein überaus bezeichnendes Geschieht-