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Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-06-16
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Seite 5 24 „Die $ aber da erneuerten sich die Verfolgungen, es wurde geraubt, geplündert, die Häuser und Synagogen wurden niedergei)rannt, und wer nicht rechtzeitig flüchten konnte, wurde niedergemacht. Es ist schrecklich anzuhören, was die Leute, die dies durchlebt, erzählen. Der Schah liess eine strenge Untersuchung einleiten, die Schuldigen wurden bestraft, die Stadt mit einer riesigen Straf-Contribution belegt, und die Juden durften nun zu ihren verwüsteten Plätzen zurückkehren. Allmählich wurden die Häuser wieder aufgebaut und auch die Synagogen einigermassen in Stand gesetzt. Seit jener Zeit kommen zwar keine öffentlichen Verfolgungen mehr vor, doch wird der Jude von der sehr fanatischen Bevölkerung gehasst und verachtet. Es ist nun ein Glück, dass in den letzten Jahren hier an der Spitze der Geistlichkeit ein rechtschaffener Mulla steht, der bei jedem Anlasse die Juden in Schutz nimmt. Durch solche Verhältnisse sind nun die Juden hier geistig und sittlich sehr gesunken. Die ganze Gemeinde, die zumeist aus armen Leuten besteht, hat keinen einzigen, der die jüdische Lehre kennt. Man findet erwachsene Männer, die nicht einmal die Gebote lesen können. Sie haben weder einen Rabbiner, noch irgendeinen Religionsweiser. Der Schächter, der die Profession vom Vater geerbt hat, versteht ebenso wenig von der jüdischen Lehre, wie alle anderen. Die zwei Synagogen sind in einem äusserst verwahrlosten Zustande, ärger als ein Heuschuppen bei uns. Die ganze Gemeinde hat nur eine Beschäftigung: den Hausierhandel und das Branntwein brennen. Wenn sich von dem Süden (Teheran, Aspahan und Hamadan) einmal ein Jude hierher verirrt, wird er als ein Mulla verehrt. In Kleidung, Sprache und Gebräuchen, sind sie vom Mohammedaner nicht zu unterscheiden, in Sitten und Reinlichkeit jedoch stehen sie weit hinter ihm. Alljährlich werden einige jüngere Leute abtrünnig, und hier wird auch der Ueh er tritt gar nicht so streng genommen. Sogar, wenn zwischen den Juden untereinander ein Streit entsteht, schlichtet es der mohammedanische Mulla. Ich habe selbst einer Scene beigewohnt, wie ein Jude, der vom Gouverneur wegen einer Geldschuld verfolgt war, um den qualvollen Leib strafen zu entgehen, zum Mulla flüchtete, und dieser ihn unter seinen Schutz nahm, so dass der Gouverneur nicht mehr wagen durfte, ihn anzutasten. Solche Fälle einerseits und die crasse Unwissenheit andererseits bringen die Juden hier allmählich dem Islam näher, und mit den Jahren dürfte auch diese letzte Masanduraner jüdische Gemeinde verschwinden. Die einzige Rettung wäre noch, dass die „Alliance Israelite“ hier eine Schule nach dem Muster der Teheraner Schule eröffnete. Nur geistige Bildung wäre noch imstande, aus der Heranwachsenden Jugend tüchtige Juden zu machen. S. Ho Schänder. Tribüne. Geburtsscheine zu Schuleinschreibungen. Da die Anforderungen um Ausfertigung von Geburtsscheinen für schulpflichtig gewordene Kinder behufs Einschreibung in die Schulen vor Beginn des Schuljahres, insbesonders seit der Einverleibung der Vororte, derart zahlreich sind, dass das Matrikelamt der israelitischen Cultusgemeinde denselben nicht sofort nachkommen kann, werden die Eltern etc. in ihrem eigenen Interesse erinnert, schon jetzt solche Documente zu bestellen und auch in Empfang zu nehmen. Vom 15. Juli ab können die er w ähn t en Docum ente nicht vo r drei Tagen nach der Bestellung behoben werden. Die Amtsstunden für den Parteienv e r k ehr sind von 9 bis 12 Uh r V o r m i t tags. V om Matrikelamte der israelitischen C u 1 tusgemeinde in Wien. Weit“ Das Curatorium der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien eröffnet im Einvernehmen mit dem löblichen Vorstände der israelitischen Cultusgemeinde irtVSen einen auf die Dauer von vier Jahren berechneten Lehrercurs zur Heranbildung von israelitischen Religionslehrern. Zur Theilnahme werden in erster Linie Lehrer, welche bereits das Reifezeugnis besitzen, ferner Besucher einer Mittelschule, und Schüler, welche 4 Classen eines Gymnasiums oder einer Realschule mit gutem Erfolge absolviert haben, zugelassen. Der Unterricht für erstere findet nur an den Abendstunden und an Sonntag-Vormittagen statt. Beide Körperschaften haben Stipendien in grösserer Anzahl und andere Benedeien für die Theilnehmer dieses Curses in Aussicht genommen. Genauere Auskünfte werden auf Wunsch vom Seeretariate der Israelitisch - theologischen Lehranstalt, IL, Tempelgasse 3, ertheilt. Schriftliche Anmeldungen sind an den Rector Dr. Ad. Schwarz bis 30. Juni d. J. zu richten. Das Curatorium der Israelitisch - theologischen Lehranstalt in Wien. Die Affaire Dreyfus. Die Heimkehr. Cayenne, 10. Juni. Der Kreuzer „Sfax“ ist mit Dreyfus an Bord um 6 Uhr 15 Minuten Früh nach Brest abgegangen. Der Aviso „Goeland“ ist Donnerstag von Cayenne nach der Teufelsinsel abgegangen. Um 4 Uhr schiffte Dreyfus sich auf dem Aviso ein, der ihn an Bord des „Sfax“brachte. Der Kreuzer „Sfax“ konnte der Felsen wegen an der Insel selbst nicht anlegen. Das Schiff ist ein in den letzten Jahren modernisierter Kreuzer zweiter Classe von. 4820 Tonnen Gehalt, er hat zwei Schrauben und erreicht eine Geschwindigkeit von 17 Knoten. Auf der Ueberfahrt nach Brest dürfte er sich jedoch mit 12 bis 13 Knoten Fahrt begnügen. Dreyfus ist gerade 52 Monate auf der Teufelsinsel gewesen. Das Geständnis Eszterhazy’s. Der „Matin“ veröffentlichte ein Interview, seines Mitarbeiters Paul Ribon mit Eszterhazy, in dessen Verlaufe letzterer sagte: „Ja, ich bin es, der das Borderau geschrieben hat. Ich habe dies über Aufforderung des Obersten Sandherr, meines Höheren, meines Chefs und meines Freundes gethan“. Der „Matin“ veröffentlicht nun das Facsimile eines Briefes Eszterhazy’s an das genannte Blatt, in welchem er die wortgetreue Wiedergabe des Interviews bestätigt. Picquart frei. P a r i s, 9. Juni. Die Anklagekammer beschloss, Picquart provisorisch auf freien Fuss zu setzen. Paris, 9. Juni. Picquart verliess um 3 Uhr Nachmittags in Begleitung seines Schwagers Gast ünd des Secretärs Labori’s, Hild, das Gefängniss, vor welchem sich nur einige Journalisten und Schutzleute eingefunden hatten. Picquart ist nach Ville d’Avray ab gereiste Es ereignete sich kein Zwischenfall. Spinoza über den Zionismus. Es dürfte die Leser interessieren, die Meinung dieses grossen Denkers über die Möglichkeit eines jüdischen Zukunftsstaates zu hören. Am Schlüsse des dritten Capitels seines „Theologisch-politischen Traktates“ sagt er: „Ja, ich halte es für möglich, dass die Juden, vorausgesetzt, dass die Grundlagen ihrer Religion sie nicht verweichlichen, wenn einmal die Gelegenheit günstig sein sollte — die menschlichen Verhältnisse sind ja dem Wechsel unterworfen. — ijhr ehemaliges Reich wieder aufrichten und Gott sie wieder yon neuem erwählen werde“. Wird der erhabene Philosoph auch zum Propheten werden? .; Z.

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