Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 24 (16.6.1899)
- Article
- Rumänisch
- Date
- 1899-06-16
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die H Welt“ Nr. M nun, so hat man den Juden als Parole, er ist ja vogelfrei kraft der Constitution, und daher wie geschaffen zum Sack,, den man schlägt, wenn man den Esel meint. Uns, die wir in Europa um einige Längengrade westlicher sitzen, als die rumänischen Juden, erscheint diese traurige Wirklichkeit im dänischen Königreiche beinahe wie ein wüster Traum. Man könnte über ihn lachen, wenn .er nicht so traurig, wäre und wenn — nicht auch wir so oft von einer Wirklichkeit umbrandet wären, bei deren Anblick uns das Lachen vergeht. Wir wissen sehr gut, dass der König Karl von Rumänien nicht zu den Rückständigen in seinem Lande gehört,, und Carmen Sylva, die königliche Dichterin, würde man beleidigen,, wenn man ihr zutraute, dass die Stellung der Juden in Rumänien ihrer wahren Meinung entspreche. Wir glauben sogar, dass es in Rumänien einige aufgeklärte Männer, wie den Junimistenführer Carp u. a., gibt, welche im Stillen die Judenexcesse als Schmach und Brandmal empfinden. Aber damit ist den Juden in Rumänien wenig geholfen. Der Berliner Congress hat vergebens gesucht, ihr trauriges Geschick zu mildern; Fürst Bismarck hat sich für sie ohne Erfolg verwendet. Wenn nicht der Zionismus schon bereitstände, der ihnen, wie Moses den Kindern Israel in Aegypten, den Trost zuspricht : „Ich werde Euch führen in ein unbebautes Land“, so bliebe ihnen nichts als die verzweifelte Aussicht, in Ewigkeit zu bleiben, was sie sind: die Prügelknaben, an denen inferiore Peiniger ihre Parteiwuth kühlen, ohne dass seit Langem schon eine Stimme in Europa sich zu ihren Gunsten erhebt. Es ist heilsam und nützlich für uns, daran immer wieder erinnert zu werden. Man sieht es ja jeden Tag, wie unglaublich genügsam der assimilierte europäische Jude. ist. Da steht nach einer grauenhaften Vorgeschichte ohnegleichen die Freisprechung des Dreyfus in Frankreich bevor und sofort schnellen überall bei den Assimilationsjuden die alten, leeren Illusionen in die Höhe, als ob nun wieder Wolkenloser Himmel blaute über der europäischen Judenheit. Wahrhaftig, wir sind gar nicht stolz geworden in der Zeit der Assimilation! An einem Einzelnen macht im Westen die Gerechtigkeit wieder gut, was schauerliches Unrecht an ihm verbrochen hat; aber die Hunderttausende im Osten, an denen täglich und stündlich das Unrecht zerrt, soll an die gar nicht gedacht werden? Ach nein, der Zionismus wird nicht gegenstands- und zwecklos, weil demnächst der Hauptmann Alfred Dreyfus mit wieduhergestellter Ehre und Charge vom Kriegsgerichte in Rennes entlassen werden wird. Im Gegentheil, je glor-' reicher das Werk der Gerechtigkeit ist, das sich in Frankreich vollzieht, desto greller erscheint in dem flackernden Lichte der moldauischen Excesse das traurige Geschick der jüdischen Diaspora. Das ist Massenelend, dem kein Ende winkt, wenn nicht der Zionismus Rettung schafft. „Auch das ist zum Guten“, lautet ein resignierter talmudischer Trostspruch, geschöpft aus der Erkenntnis, dass eine nützliche Lehre auch aus dem Uebel zu schöpfen ist. Nun, auch die rumänischen Judenexcesse, so traurig an sich, sind zum Guten; es wird, lehren sie, den Juden in der Fremde niemals so gut ergehen, dass sie sich der Heimatssehnsucht entschlagen könnten. Bleibe sie uns erhalten, diese Sehnsucht, bis sie erfüllt ist! Brief aus Saloniki. Von Mor. 1. Cohen. . Der Andrang in die vielen Bethäuser und Midraschoth ist bei uns am Freitag-Abend so gross, dass in demselben Raum drei oder vier Minjanim zu gleicher Zeit laut nebeneinander beten. Ausserdem wird auch in Privathäusern, bei schöner Witterung sogar unter freiem Himmel, gebetet. Vortrag und Ausdruck der Gebete sind aber bei den spanischen Juden bei weitem nicht so innig und rührend, wie bei den Eskenasim. In den Wohnungen und auf den Terassen hängen die brennenden Sabbathlampen über den mit weissen Linnen und* seidenen Tüchern gedeckten Tischen, und bald ertönt von allen Seiten der festliche Gesang frommer hebräischer Jubellieder zu Ehr« und Preis des erhabenen Sabbathtages. Alle diese Lieder sind Hymnen auf Zion und auf die baldige Erlösung der Kinder Israels. Am Vormittage des Sabbaths, nachdem Gottesdienste im Tempel, * werden. Resuche gemacht, oder aber die -Männer spazieren gruppenweise am Meeresufer und durch das Gewirr der schlecht gepflasterten engen und krummen Gassen. Am Nachmittage wird Siesta gehalten. Wenn man diese Riesengestalten in den festlich orientalischen Gewändern würdevoll und gemächlich daherschreiten sieht und sich dabei einbildet, dass sie statt des Spanischen hebräisch miteinander reden, so muss man sich sagen, dass es so und nicht anders zur Zeit Bar Kochbas in Palästina ausgesehen haben kann. Nur dass die damaligen Juden in einem grimmigen Befreiungskämpfe gegen die grosse Unterdrückerin Roma verwickelt waren, während sie hier in Frieden ihren Geschäften leben können. Das religiöse Oberhaupt der Gemeinde ist der Chacham-Baschi, welchem ein Collegium von Rabbinern beigegeben ist. Der jetzige Ober-Rabbiner, Sr. Ehrwürden Herr Jacob Covo, hat den Titel eines Kaimakoms (beim Militär bedeutet dieser Titel Oberst, in der Beamtenhierarchie Bezirkshauptmann). Diesem Manne werden grosse Kenntnisse der althebräischen Literatur, Energie und Redlichkeit nachgerühmt. Jedenfalls wird er fast allgemein gefürchtet oder geachtet. Competenz und Wirkungskreis des Rabbiners und seines Beirath es sind gesetzlich wohl nicht bestimmt und abgegrenzt. Denn ausser rein religiösen Angelegenheiten schlichtet und entscheidet dasRabbinat auch viele materielle Fragen und Differenzen, und es ist gewiss rühmenswert von der hiesigen Judenschaft, dass sie die Urtheile dieser Irfetanz auch in profanen Dingen befolgt, trotzdem dem Rabbinate keine Executivgewalt zusteht. Daher mag es auch kommen, dass es in dieser grossen Handelsstadt verhältnismässig nur sehr wenige Advocaten gibt. Alle zusammen schreiben nicht halb so viel, als ein gewöhnlicher Hof- und Gerichts- .Advocat in Wien. Die Administration dieser grossen Gemeinde führt der aus achtzehn Mitgliedern bestehende Gemeinderath. Was diese Körperschaft eigentlich administriert, ist sehr schwer zu sagen, nachdem das Unterrichtswesen ihm bis auf die grosse Talmudthora-Schule und drei vom seligen Baron Hirsch gestiftete Schulen nicht untersteht, und alle Bethäuser und Midraschoth Grüdung und Eigenthum privater Vereine sind. Die Eintreibung und Verrechnungder Gemeindeabgaben auf Fleisch, Käse, Wein und Schnaps, der Cultussteuer, Friedhofgehiir etc. sollen sich, wie man mir versichert hat, in der grössten Unordnung befinden. Von achtzigtausend jüdischen Einwohnern haben übrigens nur siebenhundert und etliche das active und passive Wahlrecht in den Gemeinderath, und auch diesen muss man die Wahlzettel ins Haus schicken, damit die Hälfte von ihnen ihre Namen darunter setzen. Grösser kann der Indifferentismus für die Gemeindeangelegenheiten wohl nicht gedacht werden. Das Unterrichts wesen ist äusserst zerfahren und zersplittert. In der Talmudthora-Schule ist das Italienische Unterrichtssprache, einfach deshalb, weil der Leiter dieser grössten Schule zufällig ein italienischer Jude ist. Die „Alliance Isradlite Universelle“ unterhält hier je eine grosse Knaben - und Mädchenschule, in welchen selbstredend französisch unterrichtet wird. Dasselbe gilt auch von den Hirsch’schen