Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 16 „Die H Weit? Nr. Z3 mit unsagbarer Mühe pflegte, wanderte kein einziger in ihr Mündchen. Und was ihren kärglichen Lohn betraf — nun, den hätte sie sich anderswo in weit weniger anstrengender Weise verdienen können. Nein — nein! Es war nur die Betätigung ihrer hausmütterlichen Instincte, die Lust am Warten und Sorgen, die das glückliche, sonnige Lächeln aufihre Lippen zauberte. Vielleicht wusste sie dem dicken Idioten noch dafür Dank, dass er gerne gute Spargel ass, da sie sie pflegen und hegen durfte. War das nicht wieder die Theorie, die der reiche Isak seiner individualistischen, der asketische Josef seiner altruistischen, fast communistischen Weltanschauung zugrunde legte? In letzter Zeit schien sich alles und jedes verschworen zu haben, um auch den greisen, lebensfrohen Arzt zu einer Ansicht zu bekehren, auf die die einen die Herrschaft der Intelligenz, die anderen die Herrschaft der Kirche aufbauten. David blieb stehen und blickte . über die grünenden Wiesen hin, in den sonnenbeschienenen Garten. Das grelle Licht schmerzte seine Augen. Auch das war früher anders gewesen. Er hatte es immer geliebt, in die leuchtenden Strahlen der alten Königin zu schauen. Aber er wurde alt — alt! Und da hatte er wohl kein Verständnis mehr für die grosse neue Zeit, mit ihrer grauen Lehre der Annut und ihren großsprecherischen Verheissungen. Inzwischen war es Mittag geworden, und er musste daran denken, in die Villa zurückzukehren, um die Mahlzeit des siechen Jonathan zu überwachen. Plötzlich stand die kleine Gertrud vor ihm. Sie war quer über den Käsen auf ihn zugelaufen, so dass er ihr Nahen gar nicht bemerkt hatte. Mit scheuem, verlegenen und doch stolzem Gesichte hielt sie ihm stumm ein Sträusschen Schneeglöckchen entgegen. Die über und über mit kothigem Lehm beschmutzten Schuhe verriethen, dass sich die Kleine die Blumen von den * unwirtlichen Stellen des Waldes oder von den sumpfigen Ufern der Donau geholt. „Wie wird sich Baron Jonathan freuen!“ rief David gerührt. „Ich werde ihm erzählen, welche Mühe Du Dir gegeben hast, um ihm eine Freude zu bereiten. — Oder nein! — Nimm hier die Blumen wieder! Du sollst sie ihm selbst bringen!“ Kurz entschlossen ergriff er die Hand der Kleinen und führte sie in das Haus, die marmorne, teppichbelegte Freitreppe hinauf. In der Vorhalle begegneten sie einen Diener; der eben eine Platte Spargel in die ebenerdigen Zimmer trug. Dort nahm Baron Moritz sein Mittagmahl ein. Essen und Trinken waren die einzige Beschäftigung des Dicken. Seine Geisteskräfte waren bereits soweit gesunken, dass man ihm den Zutritt zu Jonathans Gemächern verwehren musste und er kaum den Arzt erkannte. Manchmal stellte er sich ungebärdig an. Aber es genügte, dem unförmlichen, kahlköpfigen Manne, wie einem unartigen Kinde mit dem Finger zu drohen und ihm den Besuch des Baron Isak in Aussicht zu stellen. Sofort zeigte er sich dann willig und gefügig. Eine so tiefe Scheu hatte dieser ventilierte, willenlose Mensch vor der tyrannischen, thatkräftigen Intelligenz seines Erzeugers. Als David mit der kleinen Gertrud das Zimmer Jonathans betrat, war dieser mit seiner Papparbeit, — der einzige Zeitvertreib, den der sieche Körper gestattete, — beschäftigt. Isaks Enkel hatte gerade ein Schächtelchen mit farbigem Papier beklebt und die Kanten mit Blattgold verziert. Der Arzt erzählte die Geschichte des Blumenstraußes. Aufmerksam hörte der Neffe zu, und seine grossen, dunklen Augen hafteten auf dem Mädchen. „Ich danke sehr!“ sagte er dann einfach. Und leise flüsterte er dem Oheim zu: „Man muss ihr etwas geben!“ Diese trockene Weisheit eines Kindes, das jede Gabe gleich bezahlen will, klang unendlich traurig. Der ArW reichte ihm eine Banknote und der Knabe drückte sie dem Mädchen in die arbeitsharte Hand. Gertrud blickte un-; schlüssig bald auf das Geld, bald auf den alten Doctori Sie schien nicht zu wissen, was sie nun thun sollte. „Sie arbeiten im Garten?“ fragte der kleine Millionär weiter, die grossen Augen immer träumend auf das andere Kind gerichtet. David war verstimmt. Dem ersten Impulse seines warmen Herzens folgend, hatte er Gertrud zu seinem Kranken geführt. Aber er hatte sich die Begegnung ganz anders gedacht. Das steife „Sie“ zwischen Riesen beiden kleinen Weltbürgern, der Austausch eines Blumenstraußes gegen eine Geldnote — das alles erschien ihm gedrechselt und unnatürlich. „Ja!“ rief er, noch ehe sein Schützling auf die kühle Frage antwortete. „Sie ist eine gar fleißige Arbeiterin, wenn auch ihre Werke nicht so zierlich sind, wie die Deinen! — Da sieh’her Gertrud — was der Baron Jonathan kann!“ Damit hielt er dem Mädchen das bunte Schächtelchen hin. Die Kleine drehte vorsichtig das zierliche Ding zwischen den braunen Fingern und betrachtete es nach allen Seiten. „Das haben Sie wirklich gemacht?“ fragte sie dann wie ungläubig. „Ja,“ lächelte Jonathan stolz. „Gefällt es Ihnen?“ Sie nickte. In diesem Augenblicke trat ein Diener ein und bat den Arzt, rasch zum Baron Moritz zu kommen. David folgte der Aufforderung und Gertrud schien es als selbstverständlich zu betrachten, dass sie sich ihrem Protector an schließen müsse. Schon bei der Thüre aber fiel es ihr noch rechtzeitig ein, dass sie ja die Schachtel, die sie noch in der Hand hielt — nicht mit sich nehmen durfte. Sie lief rasch zur Bahre zurück und stellte das bescheidene Kunstwerk auf den Krankentisch hin. Aber Jonathan reichte es ihr hin. Nicht so, wie er ihr das Geld in die Hand gedrückt. Nein — stumm, mit verlegenem und doch stolzen Gesichtsausdruck. Ebenso schüchtern, wie Gertrud im Garten dem Arzte ihre Blumen angeboten. Und als sie zögerte, fragte er fast traurig: „Willst Du es nicht — zur Erinnerung an mich?“ Gertrud wurde roth. Dann griff sie nach dem kleinen Geschenk. Ihre Hände berührten sich flüchtig — ihre Augen begegneten sich. Die beiden Kinder waren allein im grossen, prunkvollen Gemach. Einen Augenblick standen sie sich verwirrt und doch lächelnd gegenüber. „Ich muss jetzt gehen — weißt Du!“ flüsterte das Mädchen dann fast vertraulich, gerade, als herrsche zwischen ihr und dem kleinen Millionär ein stilles Einverständnis, das sie nur vor der goldstrotzenden Umgebung verborgen gehalten. Dann eilte sie dem Arzte nach. Die Thüre hatte sich lange hinter ihr geschlossen, als Jonathan von seiner Bahre aus ihr noch immer nachblickte. Sinnend, schwermüthig, befremdet — wie ein Mensch, der ein grosses Geheimnis ahnt. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. „Chowewe Zions“ Bolechöw. Besten Dank. B. R., Sat, Ch. M. $., Berlin. Leider für uns nicht geeignet. S. El., Bolechöw. Das hängt ganz von den Statuten des betreffenden Vereines ab. Mitglieder des jüdischen Turnvereines, Bielitz. Besten Dank. las Eiuppenbild des 8. Kongresses wird demnächst in der Administration der „Welt u >!C >;< "0: erhältlich sein. >£ "0 '0 0 0 >£ Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Buchdruckerei »Industrie“ (8. Bergmann) VTTT., Schlösselg. 11