Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Das Theater und die Juden
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 23 „Die A Weit“ Seite 15 Jetzt aber, da die Juden in die Kunst eilige treten, schwillt dieser-mächtige Strom eines ererbten Gefühles an und steigt zu den Ufern des Bewussteins in uns empor. Auf seinem Grunde liegen tragische Gewalten noch ungehoben. Die steigen an die Oberfläche. Alle Wunden fliessen wieder und verlangen, dass eine tönende, anklagende Sprache in jede von ihnen gelegt werde. Zurück in die Geschichte des jüdischen -Krieges muss die jüdische Richtung ihren Weg nehmen. Freilich, aus dieser Geschichte ragen keine Heldengestalten mit sieghaften Namen itnd strahlender Rüstung auf. Es gibt keine Schlachten, geschlagen unter wehenden Standarten, keine Feldherren, keine Wirkungen. Aber es ist auch gar nicht das „historische Drama“, das geschahen" werden soll. Doch aus den tausend und tausend Conflicten, von den Judenverhrennungen an durch die Bhitgrcuel des Ghetto, alle die Demüthigungen der Emancipation, die Erbärmlichkeiten der Gleichberechtigung bis zu den Plünderungen der neuesten Tage, aus diesen Schicksalen ist die Judenseele entstanden, und diese ist es, die ihre künstlerische Gestaltung erwartet. Denn was die Juden sind, und was das Jüdische, das hat noch keiner gesagt. Die ewige Formel ihres Wesens ist noch nicht aufgefunden und ausgesprochen worden. Rückgehend in ihre Vergangenheiten aber werden die Juden aus dem-Gefühl ihres Erlebnisses zum Bewusstsein des Erlebten und des Erlebens gehangen. Wenn dieses Bewusstsein eines Tages in der Brust eines Dichters erwacht, dann ist das Judenthum an sich seihst aufgerichtet. Wenn eine kommende Generation mit dem Verstehen ihrer Natur auf den Geschehnissen ihres Volkes tüsst, dann ist die Bodenständigkeit gegeben. Die Juden müssen erst, wie nur irgend ein anderes Volk, in freier Erkenntnis ihrer Art, frei aus ihrer Art heraus schaffen, dann können sie ihre classische Epoche erleben. Unter den aufklärenden Werken und Sprüchen dieses thätig gewordenen Bewusstseins wird die jüdische W esenheit zunächst verändert erscheinen. Man wird an eine stattgehabte Erneuerung der Art zu glauben versucht sein, denn das künstlerisch gestaltete und objetivierte Judenthum wird etwas ganz anderes bedeuten, als es uns und den Uebrigen bisher gewesen. Indessen, es wird sich nichts ändern, als vorerst unser Blick für diese Dinge. Wir werden alle die disjecten Eigenschaften der Juden, die uns heute so wirr auseinanderlaufen, wie ungeregelte Truppen, später mit einem einzigen Satz wie durch ein Signal versammeln. Geschlossen, gereinigt und formiert, wird die Natur des Judenthums und sein tiefer Sinn vor uns stehen. Vielleicht müssen wir zuerst noch durch ein Gestrüpp nationaler und chauvinistischer Dichtung hindurch, als durch einen Uebergang: durch eine Dichtung, welche damit beginnt, die Märtyrerrolle des modernen Juden zu schildern, ihn mit rosarothem Theaterlicht zu übergiessen, die dann solche Beleuchtungseffecte auch zurück in die Vergangenheit wendet, und eine ganze Masse Judenverfolgungsdramen, triefend von Blut und Rühr Seligkeit hervorbringt. Keinesfalls wird diese Phase von langer Dauer sein. Es stellen viel zu viele innere und äussere Hindernisse dagegen. Was sie uns geben kann, ist das jüdische Volksstück (von welchem noch weiterhin die Rede sein wird). Was sie aber unbeschadet ihres Kunstwertes im jüdischen Volke wieder verbreiten könnte, das ist die Volkstümlichkeit; jene Volkstümlichkeit, welche in der Vorzeit von den Büchern ausgieng, die dann, gleichsam in ihrer Wiege, entschlummerte und nun aufwacht nach einem langen, unruhigen Schlaf, aus dumpfen Träumen. Zurück zu den Wassern von Babylon müssen wir wieder und die Harfen von den Weiden nehmen. Wenn wir diese Harfen wieder schlagen lernen, dann hört das Weinen wieder auf, das dorten zu Babylon begonnen, und dann finden wir die Accente wieder, die Mutterlaute, die aus den Büchern Hiobs und Saloinonis so kraftvoll geklungen. F. S. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (5>2. Fortsetzung.) Er konnte mit dem Fortschritte, den ihre Genesung inzwischen gemacht, wohl zufrieden sein. Wie sie so in ihrem kurzen Röckchen, das reiche Haar am Hinterkopfe zu einein Knoten verschlungen, die Aermel hoch aufgeschürzt, vor ihm stand, bot sie ein Bild der Gesundheit dar. „Was machst Du denn da?” fragte David freund lieh. Die kleine schwärmerische Verehrerin des Kaisers schlug die Händchen gegeneinander, um sie von den Erdklümpehen zu reinigen, und zupfte ihre Kleidung zurecht. „Spargel eingraben!* erwiderte sie dann mit leiser, schüchterner Stimme. Der in der Gartenbaukunst sehr schlecht bewanderte Doctor war so klug wie zuvor. Aber auf sein weiteres Befragen erfuhr er aus dem Munde der Gertrud, dass die Köpfe dieses Gemüses während des Wachsthum.s stets mit Erde umbau ft werden müssen, damit ihre Fasern nicht zähe und ihre Farbe licht werde. „Wie?" rief David,über soviel erfordern che Mühe erstaunt, ..jedes einzelne Stämmchen muss gepflegt und gewartet werden, wie ein leibhaftiges zartes Menschenkind?” Der Vergleich gefiel augenscheinlich der Kleinen. Auch schien die arge Unkenntnis des Arztes ihr Selbstgefühl zu stärken. Ohne sich weiter bitten zu lassen, kramte sie ihre junge Weisheit aus. Haarklein schilderte sie dem Doctor, wie diese mühsame Arbeit alle 4 Stunden vorgenommen werden müsse. Für gewöhnlich genüge es freilich, einen irdenen Topf über die einzelnen Pflanzen zu setzen. Aber die Beete hier erforderten besondere Sorgfalt, da ihr Erträgnis für die Tafel des Baron Moritz, der Spargel jedem anderen Geimise vorziehe, bestimmt sei. Man müsse daher etwas besonders Gutes leisten, und der G arten (liveetor habe sie eigens angestellt, damit sie sich Tag und Nacht?dieser Pflege widme. Die kleine Gertrud schien auf dieses ihr anvertraute Amt ordentlich stolz zu sein. Mit sichtlicher Befriedigung zeigte sie ihrem alten Gönner die eine und die andere besonders gut gedeihende Staude. Dabei leuchtete in ihren hellen Kinderaugen bereits die Freude der Hausfrau über ein gelungenes Werk. Zwei Wochen früher hatte der Arzt dem kranken Neffen von einem Spaziergange einige Schneeglöckchen mitgebraeht. Die einfache Blume war in den Beeten der Goldscliild’schen Gärten nicht zu sehen und hatte daher für den kleinen* siechen Millionär den Reiz der Neuheit. David fragte das Mädchen, oh man diese Blüte nicht hier in den Gemüsegärten finden könnte, da er dem jungen Baron gerne ein Sträusschen pflücken möchte. Gertrud schüttelte verneinend den Kopf. Auch sei die Zeit der Schneeglöckchen bereits vorüber. Nur an schattigen, unwirtlichen Stellen des Waldes oder an den sumpfigen Ufern der Donau Hessen sich vielleicht noch einige verspätete Blüten auftreiben. Ob sie auf die Suche gehen solle? David verneinte, belobte aber den bereitwilligen Eifer der Kleinen und trat den Rückweg an. Der Stolz und die Genugthuung des Mädchens, mit der es ihm seine Arbeit erklärt, hatte ihn nachdenklich gestimmt; Was verursachte ihr, im Grunde genommen, diese Freude? Woraus schöpfte sie diese helle, unversiegbare Arbeitslust? Sicherlich war es nicht der Erfolg, den sie anstrebte. Denn von den schönen Spargel», die die Kleine Tag und Nacht