Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Radautz [Nachricht]
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite li „Öie Weit“ Nr. 23 Hirsch, Ch. Zwick, Jakob Kl am m e r zu Ausschussmännern nnd ferner Herr Simon Schapira zum Ehrenpräsidenten. San Antonio (Texas). Hier verdankt die zionistische Bewegung ihre zwar noch kleinen, aber stetig zunehmenden Fortschritte dem rühmenswerten Wirken des Herrn Dr. B u r g. Bücherwelt. Wirerhalten von Max Nord au folgende Zuschrift : P a r i s, 3. Juni 1899. An die vor ehrliche Redaction der „W e 1t“ in Wie n. Ich bin es von meiner ausserjüdischen Schriftstellerlaufbahn her seit langen Jahren gewohnt, von Abschreibern geplündert zu werden, und es ist mir sogar mehr als einmal widerfahren, dass ich, wenn ich in meiner Harmlosigkeit auf meine eigenen, früher veröffentlichten Gedanken hin wies, ohne zu ahnen, dass sie mir seitdem gestohlen worden waren, von meinen Dieben selbst des Plagiats an ihnen geziehen wurde!! Die letzte Nummer der „Welt“ lässt mich glauben, dass mir ähnliche Erfahrungen auch im Zionismus nicht erspart bleiben werden. In einer mit „Dr. K.“ Unterzeichneten „Zeitungsrundschau“ (Seite 13 und 14) las ich da nämlich mit stiller Heiterkeit einige unter grossen Lobsprüchen Herrn J. Scheftelowitz zugeschriebenen Sätze, die ich als wörtliche G i täte aus m eine m Aufsatze „Wie und Was?“, „Allgemeine Israelitische Wochenschrift“, Berlin, Nr. 40 vom 2. October 1890, Seite 062, erkannte. Ich sehe die „Israelitische Rundschau“ nicht, weiss also nicht, ob ich das Verdienst dieser kühlen Enteignung Herrn J. Scheftelowitz oder dem beflissenen Referenten Herrn „Dr. K.“ zuschreiben soll. Ich überlasse es den.beiden Herren, sich in dieses Verdienst nach Recht und Gerechtigkeit zu theilen. Ich wollte hier nur bescheiden feststellen, dass die angeführten Sätze mir gehört hatten, ehe sie mir eben — abgenommen wurden. Um die Veröffentlichung dieser Zeilen bittet Ihr hochachtungsvoll ergebener Dr. Max N o r d a u. Das Theater und die Juden. m. Auf seinem Werdegange muss das jüdische Drama eine Richtung einschlagen, die jenen Wegen völlig entgegengesetzt ist, weiche die Richtung der übrigen Völker genommen. Die anderen sind aus ihren Vergangenheiten zum Bewusstsein der Gegenwart geschritten. Die Juden aller sind im Gegenwartsbewusstsein aufgewacht und werden aus den Alltagskreisen zurückwandern müssen, eine weite Strecke, denn am Anfänge ihrer Zeiten flössen ihnen die Quellen ihrer Art. Das europäische Drama hatte die Distanz von Athen und Rom bis zu den Schlachtfeldern des dreißigjährigen Krieges durchmessen, ehe es sich zur Gegenwart wendete. Alle Erlebnisse waren erschöpft und durcharbeitet, ehe der historisierende Sinn von Iphigenien und Wallenstein hinweg auf das Treiben der Lebendigen gerichtet wurde. So geht diese Entwicklungskrise aus dem Geschichtlichen in das Tägliche. Hier setzt auf einmal das jüdische Drama ein, tummelt sich in gesellschaftlichen Problemen, in socialen Gonflicten, aber es tritt nicht als Resultat so und so vieler Epochen hervor, es ist kein vorläufiges Ergebnis aus diesen oder jenen Uebergängen und Entstehungsphasen, sondern einfach der Anfang. Es tritt auf mit den Mitteln, den Anschauungen und dem Stoffkreis der modernen Theater, um nichts weiter, wie um den augenblicklichen Thatbestand der Dinge bekümmert. Neben der Rasse des Autors, die aber zunächst nur dem Eingeweihten bekannt ist, hat dieses Drama äußerlich fast keine Besonderheiten; Assimilierungskunst, in welcher alle möglichen Elemente sich gemischt haben, und wobei das Nationale bis zur Unkenntlichkeit vermummt ist. Die Entwicklungshilfe dieses Dramas ist nun aus dem Täglichen in das Geschichtliche, also umgekehrt, zu ziehen, gleichsam von rechts nach links, wie die Schriftzüge der Väter, während die Lettern der übrigen Nationen von links nach rechts lauten. Die Ausschöpfung und das Durcharbeiten einer grossen Vergangenheit ist dem jüdischen Drama, wie dem ganzen Judenthuine nothwcndig. Man hat versuch! — und besonders in Deutschland ist das seit 187Ö ofl geschehen — Wechselbeziehungen zwischen den Kriegen eines Volkes und dem Stande seiner Dichtkunst nachzuweisen. Das mag gelingen, wenn man den Krieg als das grosse Erlebnis einer Nation betrachtet. Erlebnisse wirken immer auf die Schaffenskraft, sie sind die wahrhaften Seelenerreger, nicht blos für den Einzelnen. Nur darf man sich nicht verleiten lassen nnd glauben, dass ein sieghaftes Volk nothwcndig auch ein kunsttüchtiges sein müsse. Nicht jeder Krieg und nicht jeder Sieg ist im menschlichen Sinne ein nationales Erlebnis, und die geistige Befruchtung ist nicht an das Waffenglück gebunden. Sie hängt am Erlebnis seihst. Auf dieses und auf seine weckenden Gewalten kommt es an. Das jüdische Volk führt einen langen Krieg. Er dauert nicht sieben und nicht dreissig, sondern an die zweitausend Jahre. Seine Schlachtfelder sind aut der ganzen Erde verbreitet. In jedem Lande, in jeder Stadt, überall hat der Vernichtungskampf gegen die Juden getobt, und tobt noch immer. Mit Folter, Schwel l und Feuer einst, mit Entehrung und Schmach jetzt, immer aber mit Brandschatzung an Leib und Seele. Es gibt keine Wunden, welche den Juden nicht geschlagen wurden, kein Morden, das man nicht schon an ihnen vollzogen, und es ist kein füssbreit Boden in Europa, den die Juden noch nicht mit ihrem Blute benetzt haben. Wie die dreihundert Spartaner einen Tag lang, kämpll dieses Häuflein Menschen gegen eine ungeheure Ueberwacht, und bei jedem Schritte nach vorwärts finden sie immer wieder ihre Termophylen. Der standhaft»' Opfermuth ist ihnen zur Gewohnheit geworden; etwas Selbstverständliches ist ihre Unbeugsamkeit. Und nach der berühmten Inschrift des Leonidas könnte man mn: jedem jüdischen Friedhöfe einen Grabspruch in dir Steine meissein: „Wanderer! Kommst Du nach Palästina, erzähle, dass Du uns hier liegen gesehen, den heiligen Gesetzen unserer Heimat gehorsam“. Denn überall liefen sie, die gefallenen Gehörten, unser. Väter, hingestreckt in dem Kriege, in welchem sie ihren Feinden seit achthundert Jahren keinen einzigen Verwundeten, keinen einzigen Todten zufügten. Diese- Ringen gegen einen ewig unverletzten, ewig unbarmherzigen Gegner, der keine Wunden empfängt, alm desto unversöhnlicher das Blut der Verfolgten vergieß, dieser Krieg ist das grosse Erlebnis des jüdische!' Volkes. Allerdings, ein so unerhört gewaltiges, so aufwühlendes Erlebnis, wie keines anderen Volkes Geschieh lies verzeichnen kann. Jeder Einzelne ist daran betheiligl und trägt die Spuren davon in seiner Seele. Dm jüdische Geist ist davon durchwirkt, das Gemüth zum Ueb er Messen erfüllt. Seit fast zweitausend Jahren haben diese Menschen kein Land, keine Erdscholle, darin srn Wurzel schlagen können, keine greifbaren, geographischen Grenzen, innerhalb welcher sie Eines sind. Nur ihre Gesetze haben sie und ihr Leid, aber sie sind durch dieses Leid aneinandergeschmiedet zu einem unauflöslichen Ganzen. Sie leben darin, wie in einer gemein* samen Heimat, und keiner vermag es, sich zu expatriieren. Abtrünnig geworden, trägt jeder noch die Wesenheit seines Volkes in sich, und im Herzen seiner Kinder und Kindeskinder zittert noch die Erinnerung an das grosse Erlebnis nach, dem er entfliehen gewollt-