Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Die Affaire Dreyfus
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 23 „Die s$s Welt“ Seite 11 Die Affaire Dreyfus. Das Erkenntnis des Cassationshofes. Der Cassationshof hat die Revision des Processes Dreyfus beschlossen, mit Verweisung vor ein neues Kriegsgericht, das in Rennes zusammentreten und über folgende Frage zu entscheiden haben wird: Ist Dreyfus schuldig, im Jahre 1894 Machenschaften betrieben oder mit einer fremden Macht, beziehungsweise mit deren Agenten Verbindungen unterhalten zu haben, um sie zu Feindseligkeiten oder gar zu einem Kriege gegen Frankreich zu veranlassen oder ihr die Mittel dazu an die Hand zu geben? Die entzogene Basis. In juristischen Kreisen glaubt man, der Cassationshof habe durch die Motivierung und die Fassung seiner Entscheidung einer neuen Anklage gegen D r ey fu s jede Basis entzogen. Der Process vor dem Kriegsgerichte in Rennes könne unter diesen Umständen nur eine reine Formalität sein. Ueberfali auf den Präsidenten Loubet. Die Grande steeple-chase in Auteuil, die am i. Juni stattfand und eine Art Generalprobe für den Grand prix bildet, und welcher der Präsident Loubet beiwohnte, war der Schauplatz eines unerhörten Sc an dal s, welchen die Royalisten und Nationalisten offenbar unter dem Ei n flu sse der Hetzereien Qu esnay il e Beaurepaire’s im Vereine mit den Mitgliedern der Patriotenliga gegen den Präsidenten der Republik veranstalteten. Als der Wagen um 3 Uhr vor der Präsidententribüne {inhielt, hörte man nebst den Ausrufen: „Hoch die Armee!“ Püffe und feindselige Rufe : „Panama!" „Es lebe die Armee!“ ..Demission!“ Sofort bildete sich im Publicum ein zweites Lager, aus welchem die Antwort „Vive Loubet!" kräftig herausklang. Die Polizei eilte herbei, trieb die Manifestanten zu paaren, und der Präsident begab sich auf die von officiellen Persönlichkeiten bereits überfüllte Tribüne. Er batte sich kaum auf seinem Sitze niedergelassen, als sich ein elegant gekleideter junger Mann ans der Menge unten an dem Balkon emporschwang, welchen der Präsident mit seiner Umgebung occupierte, und mit seinem Stocke zu einem Schlage ausholte, welcher, wie die einen behaupten, sein Ziel verfehlte, nach den Behauptungen anderer aber den Hut des Präsidenten traf. Die Aufregung, welche dieser Angriff* hervorrief, spottet jeder Beschreibung. Der Attentäter, ein Baron Christiani, wurde sofort von der empörten Menge umringt, und noch ehe sich die Polizei seiner bemächtigen konnte, in fürchterlicher Weise zugerichtet. Und nun kam es in den wogenden, tausendköpfigen Massen zu wildesten Spectakel. scene n, ohrenbetäubendem Lärm und fürchterlichen Balgereien. Das Handgemenge wird immer ärger; zahlreich aufgebotene Wache, befehligt von Commissären und Piviedensofficieren, schreitet energisch ein und nimmt die Verhaftung der wüsten Schreier und renitenten Manifestanten vor. Ministerpräsident D u p u y steht aufrecht an der B r ii s t u n g der Tribüne und ertheilt pcrs ö ni i c h Befehle an die Polizei. Weithin sieht man die energischen Geb erden, mit denen er seine Befehle begleitet. Auf sein Commando zur Verstärkung der Wache um die Präsidententribüne wird ein Peloton von 30 Sergeanten heran gezogen und das Militär, welches während der Auffahrt des Präsidenten vom Bois deBoulogne bis zum Rennplatz Spalier gebildet hatte, concentriert. Die Polizei hatte gegenüber der ebenso grossen a 1 s w a h n w i t z i g sich geberdenden Menge der miteinander Streitenden und Raufenden einen schweren Stand. Der Friedensofficier Grill .i eres wurde im Gewühle von einer unbekannten Hand durch einen Hieb mit einem b 1 e 1 g e f ü 111 e n Stocke bedenklich verletzt. Die Tumultscenen erneuerten sich stetig; viele Personen wurden verletzt, zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen, 135 Arretierte wurden zurückbehalten. Unter „den Verhafteten befindet sich eine Anzahl Royalisten, darunter der bekannte Industrielle G r a f de Dion, Mitbesitzer der grossen Automobil- und Automobil-Motor enfabrik Dion-Bouton, und natürlich der vorhin erwähnte Baron Christi ani, welcher 38 Jahre alt ist und der Sportwelt an gehört Trotz der fürchterlichen Tumulte wurden die Rennen programmgemäss erledigt. Das herrliche Wetter hatte ein sehr grosses, elegantes Herren- und Damenpublicum herangelockt; zu Ehren der Anwesenheit des Präsidenten der Republik war auch die Diplomatenwelt fast vollzählig versammelt. Nach der Haupt-Programmnummer um Uhr verliessen der Präsident L o u b e t, begleitet vom Ministerpräsidenten D u p u y und General Z u r 1 inde n, sowie Madame Loubet und ihre Begleitung den Rennplatz. Trotzdem sich neuerliche Ansammlungen bildeten, erfolgte die Abfahrt der Carossen, um welche sich das übliche Corthge berittener Cürassiere rangierte, ohne Zwischenfall. („Wr. Tagbl “) Dreyfus’ Rückkehr. Das Revisionserkenntnis wurde am 3.Juni an Dreyfus mittelst Kabel telegraphiert. Dasselbe entspricht bekanntlich vollkommen seinen Wünschen; in einem Telegramme, das er an seine Frau gelangen liess, heisst es : „Ich warte mit voller Zuversicht." Du Paty verhaftet. Du Paty de Clam wurde verhaftet und ins Gefängnis Cherche-midi gebracht. Die Blätter erblicken in der Verhaltung Du Paty de Clam’s eine Folge der Aussage Ciugnet’s vor dem Cassationshofe und des Berichtes Ballot-Beauprc’s. Die Keimkehr Zolas. Zola ist nach Paris zurückgekehrt und richtete ein Schreiben an den Generalprocurator, in welchem er mittheilt, dass ihm das Urtheil des Versailler Gerichtshofes in seine Wohnung zugestellt werden könne. Der Ministerrath. Der französische Ministerrath hat beschlossen, Schritte gegen Esterhazy, gegen Pellieux, gegen Mer der und eventuell auch gegen üolsdeffäe und Gonse einzuleiten. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Steyr. (Assimilatorische Fah n e n p o I i t i k.) Dass Juden zu Ehren des Festes eines clerical-politischen Vereines, wie es der katholische Gesellenverein in Steyr ist, ihre Häuser decorieren und beflaggen, klingt zwar unglaublich, hat sich aber doch vor wenigen Tagen hier ereignet, und damit hat sich wieder einmal gezeigt, dass unsere „Assimilanten“ unverbesserlich und unfähig sind, aus den Zeichen der Zeit politische Erkenntnis zu sammeln. Wenn sie wenigstens Dank für ihre Mühen hätten! Aber da kommt noch einer von jenen Herren, denen zu Liehe sie ihre eigene jüdische Ehre schänden, hin, lacht sie im Kaffeehause aus und fragt sie öffentlich: „Wie kommt denn Ihr als Juden zur Decoration?ce Die Blamage ist zwar recht verdient, oh sie aber heilsam sein wird, mag sehr zweifelhaft sein. Die Herren werden vielleicht bei dermalen Festen nicht mehr beflaggen. Wie würden diese Leutchen aber Zeter und Mordio schreien, wenn in den Tagen des III. Gongresses, was wir allen Gesinnungsgenossen empfehlen, die zionistischen Hausbesitzer von den Giebeln ihrer Häuser die blau-weissen Fahnen flattern Hessen? Kro n b e r g e r. Bulgarien. Rasgrad. (W i e m an sich als Antisemit h i 11 i ge D i en s t m iidchen verschaffen kann. — Die silbernen Reisepass e.) Dienstmädchen sind hier in Bulgarien nach altem Brauche zweimal im Jahre zu bekommen, einmal Frühjahr St. George und Herbst St. Dimitru. Zu diesem St. George sind alle Juden ohne Hausmädchen gebliehen, weil ein Antisemit das Gerücht ausgesprengt hat, dass die Juden den Dienstmädchen mit einer Maschine während des Schlafes das Blut ausziehen wollten. Diese Erfindergeschichte wurde mit grossen Beifall ausgenommen. — Seit vorigem Jahre besteht ein Gesetz, mich dem der rumänische Jude nicht über die bulgarische Grenze darf und der bulgarische Jude nicht über die rumänische. Trotzdem werden den Juden Pässe verabfolgt; nur dass dieselben von dem Consulatenicht visiert werden. Kaufleute, die ihre Filialen in beiden Ländern haben, fahren öfters hin und her, und auch manchen anderen Juden gelingt es, die Grenze zu passieren. Aber diese müssen