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Die Welt · 1899-06-09 · 23 (9.6.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
23 (9.6.1899)
Article
Mundgerecht
Date
1899-06-09
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 23 über die Curialgerichtsbarkeifc in Wahlsachen und der Abgeordnete Karl K a 1 m a n von der Volkspartei eiferte heftig gegen den sogenannten Kanzelparagraphen der Vorlage. Kahn an. ein Kenner der hebräischen Sprache, der vor «einigen Jahren eine geschätzte Uebersetzung der Psalmen aus dem Urtext herausgegeben hat, wollte mit seiner Gelehrsamkeit prunken und citierte einen Vers des alten Testaments im Original. In diesem Augenblick trat der jüdische Abgeordnete Visontai in den Saal. Sofort wandte sich Kalman ihm zu und sagte: .,Damit mich auch der Herr Abgeordnete Visontai verstehe, will ich den Vers ungarisch an führen'-. Es lässt sich denken, was für eine Heiterkeit diese satirische Bemerkung* im ganzen Hause hervorrief. Hebräische Sprachcurse. Ein berühmtes antizionistisches deutseh-jüdisches-orthodoxes Blatt hat sich in zwei „Berliner Briefen“ sehr abfällig über die Einrichtung von hebräischen Spracheursen seitens moderner Juden ausgesprochen und dabei einen Ton angeschlagen, der dieser Art von Blättern ■besonders zu Gesichte steht. In seiner Nummer vom 31. Mai nun findet sich im „Israelit“ eine sehr scharfe Zurechtweisung, die das Blatt ohne weiteren Commentar ah druckt. Ueber die Juden in Palästina meldet die „Aurore“ : Nach dem Berichte des amerikanischen Consuls in Beirut leben zur Zeit 40.000 Juden in Palästina; darunter 22.000 in Jerusalem. 9(30 Familien, die 5000 Mitglieder zählen, vertheilen sich auf 22 von europäischen Gesellschaften begründete Colonien. Die Hälfte der Jerusalemer Juden ist aus Europa und Amerika ein gewandert. Die Cyperncolonisation. Wiederum ist eine grössere Anzahl russischer Familien nach Cvpern behufs Gründung von Ackerbaucolonion übersiedelt. Die Engländer unterstützen die russischen Juden in jeder Weise, weil sie wissen, dass sie dem Lande zum Nutzen gereichen. Der grösste Imker in der Trierer Gegend war ein im vorigen Jahre verstorbener Jude namens lsaac. Sein Sohn führt das Geschäft fort und erzielt damit einen jährlichen Gewinn von über 2000 Mark, Das Product wird mit Vorliebe gekauft. Gefährdete Synagoge. In Russland existiert ein Gesetz aus dem Jahre 1835, wonach sich keine Synagoge innerhalb einer Distanz von 200 Metern in der Nähe einer Kirche befinden darf. Nun befinden sich in Bnek, Gouvernement Kiew, drei Synagogen innerhalb dieser Entfernung, und die Ortsbehörde verlangte plötzlich deren Schliessung. Die Juden waren nicht imstande nachzuweisen, dass die Synagogen schon vor Erlass des Gesetzes erbaut worden seien, und verloren infolgedessen den Process. In ihrer Nolli wandten sie sich an den Czaren und dieser beauftragte den Senat zu einer neuen Enquete. Der Senat berief einige der ältesten Einwohner, darunter einen 90jährigen Greis, welcher unter seinem Eide aussagte, dass er schon als junger Bursche die Synagogen gekannt habe. Infolge dieser als ausreichend betrachteten Zeugenschaft wurde das Weiterbestehen der Synagogen gestattet. Rumänisches. Jüngst wurde ein Jude namens Salom Edelstein aus dem Gebiete des Königreiches Rumänien ausgewiesen. Die Ausweisung erfolgte, wie der amtliche Bescheid, der dem Edelstein zugestellt wurde, ausdrücklich besagt, auf Grund des Art. 1 des Fremdengesetzes vom Jahre 188!. Nun erhielt aber Edelstein gleichzeitig mit dem Ausweisungsbefehl vom Ministerium des Innern einen Pass, auf dem wortwörtlich zu lesen stellt: „Salom Edelstein, ein r u m ä nischer B ü r g e r. bereist Europa. Es werden die wohllöblichen Behörden, durch deren Amtsgebiet ihn sein Weg führt, höflichst gebeten, ihm jeden möglichen Beistand angedeihen zu lassen.“ — Und solch crasser amtlicher Cynismus steht nicht einmal vereinzelt da. Es ist noch nicht lange her. dass sich ein ähnlicher Fall zutrug, der die empörende Doppelzüngigkeit der rumänischen Amtsstellen noch schärfer hervortreten liess. Drei rumänische Juden, die nach Amerika hatten reisen wollen, infolge Geldmangels jedoch auf halbem Wege umkehren mussten, kamen glücklich zur rumänischen Grenze zurück. Hier wurden sie nun angehalten und erhielten trotz Vorweisung ihrer Reisepässe, auf denen es im gemüthlichen Curial-Rumanisch heisst: „Bum pentru dus si intors“, zu deutsch: „Fahre wohl und komme wieder“, keinen Einlass in ihr Vaterland. Die Unglücklichen wandten sich beschwerdeführend an das rumänische Ministerium des Innern, allein dieses bestätigte, dass die ./Fremden“ nicht — wiederkommen dürfen. Die Juden als Patrioten. Unter diesem Titel hielt dieser Tage der methodistische Geistliche Rev. Dr. Madison C. Peters in New-York einen interessanten Vortrag, dessen hauptsächlichsten Inhalt wir im folgenden wiedergeben: Im J ahrel812 folgten sämmtliche waffenfähigen j Lidischön J ühglihge in Preussen dem Rufe Friedrich Wilhelm Hl., der sie eingeladen hatte, an dem Befreiungskriege theilzunehmen. Sie fochten an der K a t z b ä c h, bei Bennewitz, Leipzig und später bei Ligny und Waterloo tapfer mit und so mancher Unter ihnen holte sich das Eiserne Kreuz. Auch im Jahre 1870 nahmen die Juden an dem deutsch-französischen Kriege, und zwar in beiden Lagern, hervorragenden Antheil. Im Jahre 1892 gab es in der französischen Armee ungefähr 5000 jüdische Soldaten. Die vollständige Emancipation, die den Juden in England 1858 gewährt wurde, hatte zur Folge, dass das englische Heer bald darauf einen jüdischen Generalmajor und zwei jüdische Generallieutenants in seinen Reihen zählte. Gegenwärtig hat England 9030 jüdische Soldaten, darunter 144 Officiere. In Russland leisten 51,000 Juden den Heeresdienst. Als Amerika bei Ausbruch des Freiheitskrieges Geld benöthigte, streckte der Jude Cliaim S a 1 o m o n s, ein. eingewanderter Galizianer, 300,000 Pfund Sterling und später wieder 600.000 Pfund Sterling vor, ohne dass ihm oder seinen Erben auch nur 1 Cent von dem Gelde zurückerstattet worden wäre. Emanuel Mordechai Noah aus Südcarolina kämpfte nicht nur im Washingtonsehen Corps heldenmüthig mit, sondern spendete auch sein ganzes Vermögen, das 100.000 Pfund Sterling* betrug, für Kriegszwecke. Auch im Genera Ist ah des Unabhängigkeitskrieges gab es zwei Juden, den Brigadegeneral Josef Bloom fiel d und den General David de Leon. Der Kommodore Urias Philipps Levy war im Jahre 1862 der höchste Marineofficier der Vereinigten Staaten. Im Bürgerkriege stellten die Juden von New-York allein ein Contingent von 1900 Soldaten. Dazumal stieg der Jude Friedrich K n e p 1 e r aus I n d i a n a durch sein staunen erregen des strategisches Talent vom gemeinen Soldaten zum Range eines der bedeutendsten Generale des Bürgerkrieges empor. Ferner zeichneten sich im Bürgerkriege folgende jüdische Officiere aus: General Philipp J. Joakim, Colonel Spiegel und Colonel Leopold K. N e wma n n. Die Listen des Kriegsdepartements beweisen, dass im spanisch-amerikanischen Kriege über 4000 jüdische Soldaten mitkämpften. Die verspotteten und als besonders feig verschrieenen russischen .luden lieferten dabei weit mehr Volontärs als ihrem Percentsatze entspricht. Theodor Roosvclfc, der gegenwärtige Gouverneur (höchste Staatsbeamte) von New-York erzählt Wunder von der Todesverachtung, welche 7 Juden im Eegimente der „Wilden Reiter“ bei Santiago zeigten. 15 Juden sind mit der „Maine“ ins Meer versunken. — Von Rev. Di*. Madison C. Peters ist vor kurzem auch eine Brochüre unter dem Titel „Justice to the Jew“ erschienen, in der er nachzu weisen sucht, dass die Juden einen Löwen antheil an dem Wohlstand und dem wirtschaftlichen Aufschwung der amerikanischen Union haben. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener Cultusgemeinde verzeichnet 64 Geburten, 20 Trauungen und 27 Sterbefälle.

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