Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Der Zionismus in Frankreich und England
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt“ Nrm wies das ganze nur eine curiose Episode auf: man schlug dem Rothschild in der Rue Lafitte einige Fensterscheiben ein. Es ist dieses das erstemal, dass man bei den „obcm Zehntausend“ unter den Juden anfieiig, denn für gewöhnlich zahlen bei solchen Excessen die armen, ja ärmsten Juden den Tribut der Rohheit und Unbildung, und nicht die Reichen. Eine bekannte Frau erzählte mir vor 2 Monaten, sie wäre während des Zolarummels stets krank gewesen und hätte das Bett hüten müssen. Ihre Kinder trauten sich nicht auf die Gasse, weil sie einen ausgesprochen jüdischen Typus zeigen, ihr Mann, der Diamantenhändler sei, wäre stets vor Anbruch der Nacht nachhause gekommen. Besonders schlecht sei es ihr noch während der jüdischen Feiertage ergangen; da glaubte man, es gehe nun in Paris gegen die Juden los; sie [hatte da einen Nervenanfall nach dem andern. Wenn auch das stärkere Geschlecht weniger als die arme Frau litt, so sahen doch die Juden Frankreichs ein, dass trotz der 89er Revolution und trotz der schönen Mir ab e au’schen Menschenrechte das Volk im allgemeinen nicht davon abzubringen sei, die Juden als etwas Fremdartiges in ihrem Staatskörper, als einen Pfahl in ihrem Fleische, anzusehen, und dass man wie überall, so auch im civilisierten Frankreich nur einen bestimmten ganz kleinen Percentsatz Juden vertrage.. Ist dieser einmal überschritten, so helfen Cultur und Fortschritt gar nichts, uud unbewusst bricht sich der Rassenantagonismus Bahn, sei es, dass man einige Juden t Vtschlägt oder sie nur anspuckt. Es kommt da nicht auf de . betreffenden Juden an, der eine passive Rolle spielt, s<\i, ern aut den activen Mob, der als Franzose ein Lustspiel, als Germane ein Drama, und als Slave eine Tragödie liebt. So sehr durch die Dreyfus-Affaire Frankreich im allgemeinen und die Judenheit im besonderen Schaden nahm, so hatte sie doch, wie jede Sache Licht und Schatten zeigt, auch etwas Gutes für das Judenthum. Sie brachte die fran; •' eben luden zum Bewusstsein, dass ihre Politik eine verfehxte sei, und die Zionisten mit ihrer jüdischen Organisation Recht hätten. Als jüdische Franzosen durften sie sich nicht einmal vereinen, denn das hätte ihrer Assimilationspolitik, die im unkenntlichen Aufgehen in den Gastvölkern besteht, den Boden entzogen, aber als französische Juden können sie sich zusaminenthun und den vielen Liguen Frankreichs noch eine jüdische zugesellen. Und sie thaten das; sie schrieben zwar nicht „Zion“ auf ihre Fahne, aber sie waren für das öffentliche Judenth u in gewonnen und protestierten als solches gegen jede Verdächtigung. Und vom echten Judenthume ist bekanntlich nur noch ein Schritt zum Zionismus. Nur der entjudete Jude, der weder von Religion noch Nation etwas wissen will, steht wehrlos da, weil er, dem jüdischen Boden entrissen, im Völkerboden keinen Grund findet und als ein abstractes Ding in der Luft, zwischen Himmel und Erde, schweben muss. Levy, der in Frankreich seit mehreren Jahrhunderten wohnt, sah ein, dass er, wenn der Mob einmal in guter Laune wäre, doch mit Löwy, der erst seit einigen Jahren von Russland gekommen, verwechselt werden könnte, und dass er, der Autochthone, für den Eingewanderten Schläge bekommen könnte; was nützte es ihm, dass er dem Pöbel zuriefe, „ich bin nicht „Cinna der Verschwörer, ich bin Cinna der Poet“, man würde es ihm nicht glauben, oder er würde für seine „schlechten Verse“ Püffe bekommen. Cinna der Verschwörer und Cinna der Poet, Lewy aus Frankreich und Löwy aus Russland traten zusammen und errichteten sich eine Hecke „Judenthum“, die sie vor den Angriffen schützen wird. Vorderhand reicht noch dieser Schutz aus, aber über kurz und lang wird die Hecke „Judenthum“ durch die Mauer „Zion“ ersetzt werden müssen. * * * Einen mehr positiven Charakter zeigt der Zionismus in England. Er findet einen besonderen Rückhalt in den im englischen Volk selbst lebenden Ideen von einer Wiedergeburt Israels. Schon in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts wies ein Engländer aus Bibelstellen nach, dass die Rückkehr der Juden nach Palästina vor allem bewerkstelligt werden müsse, wenn Jesus Christus, wie er es ihnen versprochen hat, nochmals kommen solle. Ein anderer Engländer verfertigte um dieselbe Zeit eine Stammtafel, der zufolge die heutige englische Dynastie von David abstamme, und ein dritter machte mit grossbritannischem Stolze den Vorschlag, alle englischen Schiffe zur Disposition der Juden zu stellen, die nach Palästina aus wandern wollten. Das Bibelstudium in England ist des weiteren nur ein sehr wichtiges Förderungsmittel für den dortigen Zionismus. Die frommen Engländer, die jeden Sonntag in der Kirche oder wenigstens im Hyde Park von den Wunderthaten des jüdischen Volkes, von seiner Mission und von seinen Verheissungen hören, können nicht den Tribut der Achtung den „jüdischen Kraftnaturen“ versagen, „die“, wie Laharanne ausführt, „stark während ihrer antiken Geschichte, stark nach der Zerstörung Jerusalems und stark im Mittelalter waren, als es nur noch zwei Mächte gab : die Inquisition mit dem Kreuze und die Piraterie mit dem Halbmonde.“ Mag auch der conservative Puritanismus England in gewisser Beziehung im Fortschritte gehemmt haben, für uns hat er Gutes geschaffen: durch das Bibelstudium hat er der zionistischen Idee den Weg geebnet. Das englische Volk achtet den Juden als den Nachkommen des Königs David, in dessen Geschichte sie so bewandert sind, wie kein Volk der Erde. Für den echten Engländer ist daher Saturday ein halber Feiertag, und die meisten Geschäfte Londons sind Samstag nachmittags geschlossen. Das eifrige Bibelstudium in England hat auch in gutem Sinne auf die englischen Juden eingewirkt. Sie bekennen sich öffentlich und laut zum Judenthum und halten sich strenge ans jüdische Gesetz. Nirgends wird man in jüdischen Kreisen so oft gefragt, ob man „koscher“ esse, wie in London. Infolge dieses religiösen Judenthums sind sie alle nur einen Schritt vom Zionismus entfernt, und der bei weitem grösste Th eil ist zionistisch. Nicht dass es auch im grossen London keine Gegner des Zionismus gäbe. Es Messe den Geist des jüdischen Volkes ganz verkennen, wollte man ihm seinen angeborenen Widerspruchsgeist nehmen. Selbst dem Moses stand eine Korah-Partei entgegen. Aber alle eingewanderten Juden und die Majorität der Einheimischen sind zionistisch, und ihr Zionisums ist umso höher anzuschlagen, als er nicht pro domo spricht. Im freien England haben die Juden in London ihr Jerusalem gefunden. Das englische Recht kennt und verträgt keine Ausnahmsgesetze, die in allen anderen Staaten üblich sind. Der jüdische Volkscharakter findet auch im englischen sein Pendant. Das äussere glänzende Wesen des Franzosen mit seiner südländischen Regsamkeit mag auf den ersten Augenblick grosse Aehnlichkeit mit dem jüdischen Leben haben; aber genauebetrachtet, ist das englische, das weniger social ausser lieh und mehr familiär innerlich ist, bei weitem mehr jüdisches Volksleben. Manche würden ja auch eine gewisse Verwandtschaft zwischen den Phöniciern des Alterthums, den Kaufleuten des Mittelalters und den Phöniciern der Neuzeit sehen. Es besteht daher eine sehr sympathische Fühlung zwischen den Zionisten und den vorgeschrittenen unter den englischen Christen. Sehr oft werden unsere Meetings von ihnen beehrt, die bisweilen sehr lebhaft an unseren Debatten theilnehmen. Die Zionist Federation, an deren Spitze Rabbiner Dr. M. Gaster steht, leitet vernünftig-langsam, aber sicher die zionistische Bewegung in England. Die Stimmungsschwankungen über den Wert des Zionismus auf dem Continente machen hier wenig Eindruck. Isoliert