Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Biblische Bäume
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 23 „Die H Welt“ Seite 5 Von dem Apfelmuss der Feigenbaum im Paradiese nicht weit entfernt gewesen sein, denn sonst hätte sich das erste Menschenpaar nicht so leicht aus dessen Blättern die primitive Kleidung verfertigen können. Eigentlich geschieht dem Feigenbäume Unrecht. Er lieferte doch das Material zur ersten Schürze, und dennoch stellt man ihn als Sinnbild der Wollust hin. Buffon nennt ihn geradezu „Tarbre indecenl“. Noch früher schreibt der Talmud (Synhedr. 107) der Feige eine solche Rolle zu, so wird das vertraute Verhältnis des Königs David zu Bath- Seba durch die Worte gekennzeichnet: „David habe Feigen gegessen". Soll das naturwissenschaftliche Moment einiger in der Bibel erwähnter Bäume hier in erster Linie berücksichtigt werden, so ist es nothwendig, bei der zuletzt genannten Frucht länger zu verweilen. Umsomehr, als die Hilfeleistung der Jnsecten bei der Befruchtung der Feigen ungemein interessant ist und erst in neuerer Zeit gänzlich aufgeklärt wurde. Es gibt bekanntlich zweierlei Formen des Feigenbaumes, die wilde, Caprificus, und die zahme oder essbare. Das Reifmachen der letzteren, die sogenannte „Caprification", geschieht eben durch die Einwirkung der Jnsecten. Im Cap'rificiis leben die Feigen-Jnsecten, die kaum zwei bis drei Millimeter lang sind. Das Männchen ist nngeflügelt, verlässt die Feige niemals und hat in Anpassung an seine kleine, dunkle, klebrige Welt die Flügel eingebüßt; es bewegt sich äußerst schwerfällig zwischen den Blüten, die im Inneren der Feige sind, hin und her. Dann nagt es mit seinen sägeförmigen Mundtheilen einen Fruchtknoten an, in dessen Innerem ein erst vor kurzem dem Ei entschlüpftes Weibchen lagert. Was es befähigt, die gänzlich geschlossene Wiege seiner thatsächlich schöneren Ehehälfte zu finden, d. h. gerade nur solche Fruchtknoten, in denen die Weibchen enthalten sind, lässt sich nicht sagen. Hoben sie sich gefunden, so geht.das Männchen bald zugrunde, das Weibchen dagegen verlässt den Fruchtknoten und strebt dem Lichte zu. Es hat ein mühsames Werk zu verrichten, wenn es das verwirklichen soll; es muss sich nämlich durch den engen Schlund, den die blühende Feige oben bildet, hindurcharbeiten; es ist aber auch für diese Arbeit dadurch ausgerüstet, dass seine Flügel nicht entfaltet sind, denn mit solchen käme es nicht durch. Ist sein Bemühen von dem gewünschten Erfolge gekrönt, so breiten sich seine eingeschrumpften Flügel nach und nach aus und das Thierchen kann auf eine andere Feige fliegen. Die Gärtner binden darum solche wilde Feigen an dem zahmen Feigenbaum auf, damit das Weibchen von dort auf eine solche fliege. Hier auf der zahmen angelangt, muss dasselbe die im Vergleiche zu seiner Kleinheit bedeutende Arbeitsleistung im umgekehrten Sinne verrichten, es muss von oben wieder durch den Schlund (Ostiolum) tu das Innere der Feige eindringen. Wenn wir das Leben dieses Paares betrachten, so sehen wir, dass hier eine Umkehrung der Verhältnisse stattgefundeu, wie sie der Dichter schildert, denn hier muss das Weib „erlisten, erraffen und wagen", nicht um das Glück, wohl aber doch um sein Heim „zu erjagen". Das Weibchen nimmt in die neue Wohnung aus der alten den Pollenstaub der Staubgefäßblüten mit und streift ihn beim Herrunwandern in der ersten an den Narben der Stempelblüten ab, was nothwendig vorhergehen muss, wenn aus der Blüte eine Frucht werden soll. Das Jnsect verfolgt jedoch in der Feige einen egoistischen Zweck, es will sich nämlich einen passenden Ort aussuchen, um sein Ei abzulegen; wir wissen ja, wo das Männchen das Weibchen gefunden hat — in dem Fruchtknoten einer solchen Stempelblüte — dieser wird angestochen und das Ei hineingetegt. In dem Bau des Fruchtknotens kann man sogar eine Anpassung an dieses Angestochenwerden und an die Aufbewahrung des Eies sehen, doch würde die Auseinandersetzung dieser anatomischen Verhältnisse mich hier , zu weit von meinem Thema entfernen. Das Weibchen stirbt nach der Eiablage ab und fällt einem anderen Feigenbewohner zum Opfer oder wird einfach vom Winde weggetragen, wenn die Feige ihre süße Frucht entfaltet. So befruchtete Feigen nennt man caprificierte, sie kommen dem Jnsect zuhilfe, indem sie sich niemals so fest schließen, wie die nichtcaprificierten; an diesem Umstande kann man eben jene erkennen. Wenden wir uns nach der Schilderung dieser für ein Jnsect gewiss abwechslungsreichen Lebensgeschichte wieder der Feige im Orient zu, so ist noch bemerkenswert, dass sie daselbst meist zwei, oft sogar drei jährliche Ernten liefert, weshalb beim Feigenbaum die Verpflichtung des Stehenlassens der Ecken für die Armen wegfiel. Abraham pflanzte, nachdem er seine treue Lebensgefährtin in dem Haine zu Mamre bei Hebron bestattet hatte, auf ihrem Grabe einen Baum, dessen herabhäugende Zweige so recht ein Sinnbild der Trauer und des Grames geworden sind — eine Terebinthe. Einer anderen Legende nach saß der Patriarch wehklagend an der letzten Ruhestätte von Sarah, als ihm ein tröstender Engel erschien. Dieser setzte einen Stab in das Erdreich, welches das Theuerste barg, was der Stammvater besessen, und an diesem spross an Stelle eines Grabmales die berühmte Terebinthe hervor. Sie musste sich ihrer großen Bedeutung vollauf bewusst gewesen sein, denn viele Jahrhunderte hindurch hauchten ihre Zweige der Erde Klagelieder zu. Der Tranerbaum stand noch zur Zeit des Geschichtsschreibers Josephus, der im Jahre 37 n. Chr. geboren wurde. Ja sogar im Jahre 390 n. Ehr. „lebte" er noch, denn in diesem Jahre wird seiner im „Onomastikon", einem Werke, das Enselius, der Bischof von Cäsarea, verfasste, Erwähnung gethan. Heute wird dem Wanderer in Syrien an dieser Stelle die „Abrahams-Eiche" gezeigt. Die Terebinthe, das älteste Zeichen traurigen Witwerthums, ist nämlich eingegangen, und an ihrer Stelle erhebt sich eine majestätische Eiche, die schon im 13. Jahrhundert zu den alten Bäumen gerechnet wurde. Sie gehört zur Gattung der Kermes-Eichen (Quereus coceifera). Die Terebinthen zählen übrigens zu den ältesten biblischen Bäumen. Da, wo es in der Bibel schon „modern" zugeht, stellen sie sich auch als Zeugen ein. Sie waren bei der ersten Henkersthat ebenso wie beim ersten Duell zugegen. Absalom baumelte nämlich an einer Terebinthe, und der berühmte Zweikampf mit unerwartetem Ausgange zwischen David und Goliath fand in einem Terebinthen-Thale statt. Mit Apfelbäumen, Dornbüschen, Feigen, Terebinthen und. Eichen ist der biblische Garten noch lange nicht erschöpft, denn Mandelbäume, Dattelpalmen und Cedern gehören nicht minder zu seinem Bestände. Dr. Ludwig Kar eil. Unsere Colonien. Von T. Blanco. Wunderkinder leiden an dem Uebel, dass sie in ihren ersten Anfängen von Allen gelobt und, von einigen Mächtigen gehätschelt, dann plötzlich auf einer mittleren Stufe der Entwicklung stehen bleiben und oft verkümmern. Aehnlich verhält es sieh mit unseren jüdischen Colonien. Sie wurden bisher immer nur gelobt. Jeder, der sie besuchte und vielleicht zum erstemnale in seinem Leben einen Juden hinter dem Pfluge sah, war von der äusseren Wirkung so begeistert, dass er der OÖffentlichkeit nur die im herrlichsten Sonnenlichte hergestellte Momentaufnahme wiedergab, in den Kern der Sache aber niemals eindrang. Unsere Colonien dürfen aber das Schicksal der Wunderkinder nicht erleiden. Sie müssen wachsen und gedeihen, und aus dem kleinen Fähnlein unserer Colonien muss das Banner Palästinas werden. Ihrer Thätigkeit nach unterscheidet man nun Colonien, die Ackerbau (grancl culture) treiben, d. i. Anbau von Gerste, Weizen, Dura, Mais etc. und solche, die sich mit Pflanzung von Weinreben, Oliven-, Maulbeer- und Mandelbäumen, sowie Orangencultur beschäftigen. Also Ackerbau- und Pflanzercolonien. Die Mehrzahl der Colonien sind Pflanzercolonien; nicht allein, weil der Boden sich für Pflanzungen besser eignet, sondern auch,