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Die Welt · 1899-06-09 · 23 (9.6.1899) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
23 (9.6.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-06-09
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die #'Welt“ Nr. 23 gewiegt, dass noch in dem Zeitungsblatt, welches wir etwa dereinst einige Stunden vor unserem Hinscheiden bei Abfassung unseres letzten Willens als Schreibunterlage benützen würden, wenigstens zwei Spalten Dreyfus enthalten sein dürften, und jetzt kommt aus Paris die Kunde, dass Dreyfus von der Teufelsinsel abgeholt und einem neuen Kriegsgericht zur Untersuchung vorgelegt werden solle. Man kann dem armen Manne eine günstige Erledigung seiner misslichen Angelegenheit nur aufrichtig wünschen. Denn er hat unter der Dreyfus-Angelegenheit sicherlich nicht weniger gelitten als wir, die Zeitungsleser. * * * Ich möchte lieber in Niederösterreich jüdischer Landtagsabgeordneter sein, als in Frankreich Präsident der Republik — so mag sich dieser Tage mancher gedacht haben, der äusserlich empfindlicher ist, als innerlich. Wir wollen die gewiss einwandfreie republikanische Tugend Loubets, des Präsidenten der Republik, nicht im mindesten verdächtigen, aber dieser Tage mag er sich doch wenigstens für ein Weilchen nach einer schönen, massiven Königs- oder Kaiserkrone gesehnt haben, welche die Schädeldecke besser zu schützen vermag als ein leichter Präsidentenhut. Ein royalistischer Bube, dessen Ahnenschwarm ebenso gross ist wie seine Roheit, hat kürzlich auf Loubet ein infames Attentat ausgeübt. Mit einem Knüttel, der nicht lang genug war, um den Kopf des Dreyfus auf der Teufelsinsel zu erreichen, schlug der antisemitisch-royalistische Lümmel nach dem näher gelegenen Kopf des Präsidenten. — Hoffentlich war Dreyfus auf der Teufelsinsel so vorsichtig, sich zu seiner persönlichen Sicherheit aus Kummer viele, viele graue Haare wachsen zu lassen. Er wird sie als dichten Kopfschutz gut verwerten können. * . * Da die Natur in ihrer Kurzsichtigkeit die Entstehung so unnatürlich roher Individuen nicht vorausgesehen und daher keine schwarzen Nelken hervorgebracht hat, so haben die royalistisch-elerikalen Finsterlinge als Symbol ihrer Gesinnung bei den Demonstrationen gegen Loubet weisse Nelken getragen. Auch in seiner Blumensprache ist dieses dunkle Gelichter verlogen. Die armen, hilflosen Blumen, die von so einem Bengel missbraucht werden, können sich leider gegen eine solche Herabwürdigung nicht wehren. — In Frankreich ist man ja gegen die gequälte Thier weit so weichherzig und rücksichtsvoll gesinnt, wie die zahlreichen Thierschutzvereine beweisen; vielleicht erbarmt man sich dort auch der geschändeten Pflanzen und gründet Vereine zum Schutze misshandelter, entehrter Blumen. * * * Die niederösterreichische Landtagsstube ist jetzt behördlich gesperrt worden, die Session ist zu Ende. Es steht zu erwarten, dass der Thatendrang dev antisemitischen Abgeordneten, dem jetzt die parlamentarische Arbeitsgelegenheit entzogen wurde, sich anderweitig Luft machen und einen gleichwertigen Thätigkeitsersatz suchen wird. Die Polizei wird jetzt hoffentlich mit erhöhter Aufmerksamkeit die Vorgänge in den verschiedenen Wiener Branntweinboutiquen und Spelunken bewachen, in denen sich demnächst durch das Zuströmen neuer, thatenlustiger Gäste die nächtlichen Excesse und Raufscenen in besorgniserregender Weise mehren werden. Die Wiener Rettungsgesellschaft hat bereits ihr Personal verdreifacht, um den Wiener sanitären Bedürfnissen, die sich jetzt durch den'erhöhten Gebrauch von Stuhlbeinen und Biergläsern erheblich steigern werden, halbwegs Genüge leisten zu können. * * * Ein Wiener Volksvertreter, der moralisch so tief unter dem obgenannten französischen Attentäter steht, wie letzterer unter Loubet, hat im niederösterreichischen Landtage Folgendes erklärt : Wenn es in seiner Macht stünde, ein im Sinken begriffenes Schiff, auf dem sich unter anderen Passagieren auch drei Juden befinden, zu retten, so würde er dem Fahrzeuge sicher helfen — nachdem er die drei Juden über Bord gestossen. Der zum dreifachen Verbrecher hinneigende Volksvertreter ist selbstverständlich nicht wert, dass man gegen ihn polemisiert, zumal da solche ergraute, hartgesottene Leute ohnehin nicht besserungsfähig sind; aber auf eines lässt sich hin weisen! Wenn sich der Volksvertreter mit einer Ueberzähl Juden auf einem Donaudampfer befände, so brauchte er vor einem nassen Bade ganz unbesorgt zu sein; denn der Pöbel ist seit jeher, wenn irgendwo die Wässer verunreinigt oder vergiftet erschienen, und Seuchendünste aus den Wellen aufstiegen, excedierend über die Juden hergefallen; und daher würden sich die jüdischen Reisegefährten des Volksvertreters, um voraussichtliche Juden excesse zu vermeiden, gewiss zu beherrschen wissen. Erwin Rosenberger. Der Zionismus im Urtheile hervorragender Zeitgenossen.*) m. Die Antwort des Freiherrn A. Gundaccar v. Suttner: ad I. Ich glaube, dass die Bemühungen der Juden um die Gründung eines eigenen Volkssitzes in Palästina von Erfolg gekrönt sein werden. Wann — ist freilich die Frage, aber die.grossen Bewegungen rechnen nie mit Zeitterminen. Sie sind da und lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen — höchstens verzögern. Auch die zionistische Bewegung gehört meiner Meinung nach zu jenen in der Luft liegenden Dingen, die allenthalben gesunde Keime in den Boden senken. ad II. a) Für die Gastvölker wird die zionistische Bewegung schwere Folgen mit sich bringen. Das jüdische Element ist in den Staaten das Ferment, das die trägen Massen aufpeitscht und zum Wettstreit zwingt. Weine, die keinen Gährkörper in sich haben, sind kraftlose Säfte. b) Für die Juden: die Wiedergeburt; das Erwachen zur Voll Wertigkeit. c) Die Bedeutung für die Künste ist heute wohl noch nicht vorauszusehen. KMische Kimme. Dem Apfelbaume, dem ersten unter den biblischen Bäumen. Hat das ehemalige „gelobte Land" nichts Gutes zu verdanken. Denn hätte jener keine die Eva so verlockenden Früchte getragen, so Wäre die in der Genesis (111. 17—18) enthaltene Verwünschung nicht ausgesprochen worden, die da lautet: „Dornen und Disteln soll er (der Erdboden) Dir wachsen lassen und Du sollst das Kraut des Feldes essen." Thatsächlich ist jetzt das ehemals herrliche Land Kanaan eine mit Disteln bedeckte Wüste. In der Gegend zwischen Nazareth und Tiberias fand der Botaniker Dr. Clarke zwei Meter hohe Disteln, die er als wilde Artischocke (Cynara Scolymus L.) bestimmte. Auf den Hügeln von Judäa traf ein anderer — Dr. Keith — unentwirrbare Massen derartiger Gewächse. Vom Berge Tabor sieht man fast nichts als mit Dornen überwuchertes Land. Auf den Hügeln in der Nähe von Jerusalem steht ebenfalls ein stachliger Baum, von den Arabern „Kabka“, in der Wissenschaft Zizyphus spina Christi W. genannt. Ferner sind die Früchte der Pflanze Tribulus terrestris so stark bewehrt, dass sie die Füße der Menschen und Thiere gar oft blutig ritzen. Dornen und Disteln, die zwei bis drei Meter hoch werden, kann man ebensogutzu den Bäumen wie zu den Sträuchern stellen. Dies sei für diejenigen bemerkt, welche dem Titel nach ausschliesslich Holzgewächse der ersten Art hier suchen. *) Siehe Nr. 20 u. 21.

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