Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Article
- Die Revision
- Date
- 1899-06-09
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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„bie H Welt“ (Seite :•! kt. ii den Gefangenen von der Teufelsinsel zu charakterisieren, indem sie meinten, er sei nach seiner ganzen Anlage und Gesinnung ein Anti-Dreyfusard. Wenn das glückhafte Schiff, dass ihn heimbringt, sich den Gestaden Frankreichs nähert, wird vielleicht der erste Ruf des Erlösten sein: Vive la France! Sein zweiter jedenfalls : Es lebe die Armee! Den Ruf wird er aus voller Brust ausstossen, mit dem man ihn fünf Jahre lang dort drüben in Acht und Verbannung festhielt. Es klingt paradox, aber es ist so: Niemand ist an dem idealen Kampfe, der unter dem Schlagworte „Dreyfus“ so heftig tobte, im Geiste weniger betheiligt, als der leidende Träger dieses Namens. Darum wäre es eine sinnlose Verkleinerung der ganzen Sache, wollte man sie auf die Verurtheilung, Verbannung und Rückkehr eines Hauptmannes der französischen Artillerie beschränken. Da ist mehr vorgegangen, und wer weiss, ob es schon beendet ist. Der Name und die Person Dreyfus sind nicht mehr, als der Name und die Gemarkung eines vorher unbekannten Dorfes, um das eine weltgeschichtliche Schlacht gewüthet hat. Das war es, eine der grössten politischen Schlachten unserer Gegenwart. Gesiegt hat das glorreiche Fähnlein der Freiheit und der Gerechtigkeit. Unter dieser Fahne, die so oft gefährdet schwankte, sind die wahren tragischen Helden und opferfrohen Blutzeugen zu suchen. Und wenn Frankreich hejute nicht nur einen unerschrockenen Cassationshof, sondern auch eine im Kein gesunde Volksmeinung hat, so muss es als die besten seiner Söhne den Dichter Zola erkennen, der seinen Aufenthalt verbirgt, und den Soldaten Picquart, der in einer Kerkerzelle haust. Ist man in dem Lande des Calas-Verth eidigers Voltaire jetzt schon soweit? Eines darf nicht vergessen werden. Die Revision, dieser Sieg der Vernunft und Wahrheitsliebe, wurde nicht so frank und frei erfochten, wie es zu wünschen gewesen wäre. Die Leute, die Frankreich regieren und jetzt gezeigt haben, dass sie es zum Guten führen möchten, waren des Erfolges wohl nicht ganz sicher. Einen Kunstgriff glaubten sie anwenden zu müssen, um die Meinung des Landes gewissermassen zu überlisten. Die stückweisen Enthüllungen im „Figaro“, deren Tragweite zuerst niemand ahnte, die in ihrer missbräuchlichen Form zunächst mehr an die Neugierde als an die Gerechtigkeitsliebe appellierten, waren wohl ein glänzender Schachzug, aber sie verriethen neben anderen Geheimnissen auch das, dass die einst so klare grossmüthige Volksseele eine den Staatslenkern wohlbekannte Krise durchmachte. Das souveräne Volk musste wie ein kranker Tyrann vor allem durch ein schlaues Gaukelspiel auf die Wahrheit vorbereitet werden, es hätte sie sonst vielleicht mit Unwillen von sich gestossen. Aber bei diesen Erwägungen braucht man sich nicht zu lange aufzuhalten. Genugdass Frankreich genesen will. Es hat noch in der Verirrung Zeichen einer wunderbaren Lebenskraft gegeben. Die Krise scheint zum Besseren überwunden zu sein. Und schon taucht eine andere Frage auf. Welchen Vortheil wird die allgemeine Gesittung aus dem inneren Kampf und Frieden Frankreichs ziehen? Frankreich ist seit hundert Jahren der Herd, auf dem für alle Menschen gekocht wird. Es kann nicht sein, dass diese fünf Jahre des Dreyfus-Handels ohne eine geschichtliche Lehre vorüberstreichen sollten. Die Angst und Aufregung und jetzt die Freude aller Gesitteten haben geradezu ein Recht darau begründet, dass nicht alles einfach in den vorigen Stand zurückversetzt werde. Es wäre zu albern und zu schade, wenn all diese titanischen Kämpfe weiter nichts herbeiführen sollten, als dass Hauptmann Dreyfus wieder die Tressen an seinen geschändeten Waffenrock genäht bekäme und bei der nächsten Beförderung Major würde, sowie dass jetzt der Marquis du Paty de Clam ins Loch spazieren müsste. Mehr erwartet unser Bewusstsein von dieser wechselvollen und an Bedeutungen so reichen Begebenheit. Eine symbolische ist sie geworden durch die Geisteskämpfe, die sie hervorrief. So muss auch etwas aus ihr folgen, was höher und allgemeiner gilt, als die glückliche Heimkehr eines Schuldlosen. Das kann nur ein Zeichen dafür sein, dass eine unauslöschliche Sehnsucht nach der Gerechtigkeit die Herzen der Menschen bewohnt — der Mehrheit, wenn schon nicht aller Menschen. Dass wir darum nicht verzagen sollen an einer besseren Zukunft unseres Geschlechtes. Dass aus dem merkwürdigen Schicksal eines Einzelnen unvergessbare Lehren der Milde sich ergeben. Und dass wir mehr noch als nach der Revision schlechter Urtheile danach streben sollen, eine Revision der Vorurtheile herbeizuführen. Solche Botschaft ist heute durch die Drähte hinausgezittert nach allen fernsten Punkten der bewohnten Erde. Und das war der Grund, warum sehr viele Menschen die Nachricht von der Revision der Dreyfus-Sache begrüssten, als wäre ihnen persönlich etwas Gutes widerfahren. Zu den Festen der Menschlichkeit sind alle Menschen eingeladen. N. Fr. Pr. Der dritte Congress. Ablauf der Schekelfrist. Wir erhalten vom Actionscomite folgende Richtigstellung : „Der Endtermin für die Entrichtung des Schekels ist nicht, wie in der letzten Nummer der „Welt“ gemeldet wurde, der 15. Juni, sondern der JO. Juni. Diese Erstreckung wurde auf Antrag des Herrn Dr. Mandelstamm beschlossen, um den entfernteren Ortsgruppen genügende Zeit zu lassen. Gleichzeitig werden jedoch die Schekelblockinhabcr dringendst aufgefordert, ungesäumt die Juxten nach Basel und den Schekel nach Wien zu schicken, denn das Congressbureau wird in den nächsten Wochen eine plötzliche Ueberhäufung mit Arbeit haben, so dass es im allgemeinen Interesse liegt, nicht alles auf den letzten Augenblick zu lassen. Diejenigen Ortsgruppen, die zuerst ihre Juxten und Schekel einschicken, werden natürlich zuerst ihre Wahlzettel etc. bekommen, und somit rechtzeitig ihre Delegiertenwahl vornehmen können.“ * Dieser Mittheilung möchten wir nur noch hinzufügen, dass es namentlich im Interesse der Delegierten Legt, möglichst bald ihres Mandates sicher zu sein. Der Oongress wird am 15. August eröffnet. Heuer werden aber die Vorberathungen schon 6—8 Tage früher beginnen. Wer also in Basel wird sein wollen, muss schon anfangs August seine Reisedispositionen treffen können. Dazu ist es mindestens nöthig, dass er schon Mitte Juli sein Mandat in Ordnung habe. Es ergibt sich daraus klar genug die Nothwendigkeit, mit aller Energie für die Beschleunigung der Schekelentrichtung und Absendung zu sorgen. Das thue jeder ohne Zögern in seinem Wirkungskreise. Die Listen der Schekelzahler und die Wahlzettel werden vom Congressbureau, beziehungsweise von den Landescomites an alle Wahlkreise bis spätestens 15. Juli zugesandt werden. Die Wahlen müssen bis spätestens 25. Juli beendet und die Wahlergebnisse bis 6. August an das Congressbureau in Basel angemeldet sein. Die Wahlcomites haben auch sofort nach vollzogener Wahlhandlung die Delegierten von der auf sie entfallenden Wahl zu verständigen. Die Delegiertenkarten werden in Basel ausgefolgt. Das Congressbureau. Die Woche. Wien, 7. Juni 1899. So ist es uns also vor unserem Tode dennoch gegönnt, das Ende der Dreyfus-Affaire zu erleben! Wer hätte das gedacht! Wir haben uns alle in dem schönen Wahn