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Die Welt · 1899-06-09 · 23 (9.6.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
23 (9.6.1899)
Article
Neue Stimmungen
Date
1899-06-09
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite L „Die A Welt44 Nr. Z3 solche Erweiterungen ehedem zumeist ein Aufgeben des Jüdischen in sich schlossen, weil sie sich eben gegen die Enge des jüdischen Lebens kehren mussten, erweitert sich jetzt das jüdische Leben, indem es dem Heroischen und Expansiven die Möglichkeit gibt, sich ganz i n n e r h a 1 b des Judenthums zu entfalten. .»Selbst in den ästhetischen Salons der reichsten Grossjuden brauchten jüdische Asienreisende, junge Juden, die colonisierend unter den grössten körperlichen Strapazen Cultur nach Palästina brächten, keine weniger stattliche Figur zu machen als englische oder deutsche Afrikareisende. Aber vor allem könnte sich nun ganz! n n e r h a 1 b des jüdischen Lebens die rührende und hinreissende Scene des Renaissance-Dichters darstellen, dass ein jüdischer Jüngling in Bezug auf eine Jüdin sagen möchte: Sie liebte mich um das, was ich g e t li a n. Die Revision. Der spannendste Roman, den das neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat, neigt sich dem Ende zu. Es ist ein gutes, versöhnendes Ende, wie es in naiveren Zeiten Erzähler vom alten Schlag ehrsam anzubringen pflegten. Die Unschuld kommt nach langen und recht bitteren Leiden an das Licht der Sonnen. Die Tugend erhält einen Kranz von leichten Blumen auf die blutüberströmte Stirne gedrückt. Das Laster wird bestraft, soferne es nicht bereits durch ein rechtskräftiges Urtheil in derselben Sache, durch eine Verjährung oder sonst eine heilsame Chicane des Gesetzes vor nachfolgenden Unannehmlichkeiten bewahrt ist. Und in der Zelle der Dreyfus u. Picquartist nun du Paty de Clam seinen Gewissensbissen ausgeliefert. Wen hat nicht bei dieser Nachricht von der so völligen Umkehrung des Schicksals ein kleiner Schauer überflogen? Es gibt also hienieden eine Vergeltung. Das Böse kann auf die Dauer nicht siegreich bleiben. Der Tag der Gerechtigkeit kommt, weil er kommen muss, weil eine Gesellschaft, die Recht von Unrecht nicht mehr unterscheiden kann, an ihrer eigenen Ruchlosigkeit wie an einer beschämenden Krankheit verderben müsste. Mit einem glücklichen Athemzuge der Erleichterung verlassen wir den allzu heftig packenden Roman, der uns so oft geängstigt und gemartert hat. Das letzte Capitel entschädigt uns für Manches: es ist schön, licht und frei, den Ausblick in eine Menschlichkeit gewährt es, die sich läutern kann, wenn sie nur ernstlich will. Aber es war kein Traum, von Dichterhand um unsere erschreckten Seelen gewoben. Wirklichkeit war es. Fünf Jahre konnte es auf Frankreich liegen, wie ein übelriechender Nebel, wie ein Qualm, der aus einer zusammengepferchten Menge aufsteigt und sich dann vergiftend wieder auf sie niedersenkt. Und das ist es, was uns noch einmal sinnen macht, da wir auf diesen beschlossenen Abschnitt in der Geschichte des grossen Landes zurückblicken, das wir Alle liebten, so lange es ein Land vornehmer Gedanken, mens ehern freundlicher Bestrebungen, so lange es das herrliche Versuchsland aller guten Freiheiten war. Will es das wieder werden? Das ist die Frage, die uns heute stark bewegt. Warum auch uns ferne Zuschauer? Ist es nicht nur das schwere, aber endlich in heiterer Ruhe aufgelöste Schicksal eines Einzelnen * vielleicht einer Familie oder sogar einer Parteigruppe, höchstens aber dieses fremden Landes? Nein, es ist um mehr gegangen in dem grimmigen Hader. Wohl war es von Haus aus ein einzelnes Missgeschick; aber es ist gewachsen, es hat sich ausgebreitet, über die Grenzen des einen Landes hat es geschlagen und ist eine beklemmende Sache der Culturmenschheit geworden. Und wir, die Zug um Zug dieser schauerlichen Begebenheit miterlebten, geben uns vielleicht noch gar keine Rechenschaft, wie viel vom Zustande unserer jetzigen Gesittung späterhin daraus erkannt werden wird. Ein unschuldiger, vorher nicht beschulten er Mensel, wird aus seinem Beruf und seiner Familie mit einem Ruck herausgerissen. Er ist ein tadelloser Soldat, ehrliebend, arbeitsam, gewissenhaft. Aber gerade dadurch hat er bei einigen seiner Genossen Neid und Aergernis erregt. Vielleicht war er im Bewusstsein der Pflichterfüllung ein wenig zu schroff, zu selbstgerecht. Er wird missliebig. Weil er dem oder jenem Kameraden nicht gefällt, sucht das Uebelwollen nach einer Begründung des vorgefassten Urtheils. Vor der ehose jugee gab es ein Vorurtheil, und dieses wünschte man zu vollstrecken. Ein ungerechtes Urtheil ist gar ein schlimme- Ding; aber was ist auch der ungerechteste und widersinnigste Richterspruch gegen ein Vorurtheil? Da sind wir schon beim Kern des Falles Dreyfus, wodurch die Gestnh des armen Hauptmannes wohl in die Geschichte dieser Zei hineingewachsen ist. Da müssen wir einsetzen, wenn wir verstehen wollen, was in dieser Sache so grauenvoll ist. Der Rechtsirrthum, die Verfolgung des Unschuldigen sind wob! von menschlicher Unzulänglichkeit immerdar unzertrennlich. Sagt es doch auch die Sprache des Rechtslebens mit hein - lieber Aufrichtigkeit und vorahnender Reue, da sie angib!, dass das Recht gesucht wird, ein Urtheil geschöpft wir! aus bestem Wissen und Gewissen. In der Rechtsfindung Di auch Zufall, das verbirgt sich gerade der weisere Richter niemals. Dass sich der Gesetzgeber mit der erschütternden Möglichkeit schuldloser Verurtheilungen vertraut., gemacht hat, beweist er deutlich genug durch die modernen Maßregeln der Entschädigung, die solchen Duldern zugebilli.nl wird. Den Irrthum müssen wir in den Kauf nehmen, da wir wollen,, dass die Richter Menschen seien, denen mehr; Menschliches fremd sein möge. Und wir dürfen glauben, dass von jeder Stätte des Urtheils verlorene Schreie Unschuldiger aufsteigen. Das kam der zügellose Richter Lynch Im wilden Westen ebensowohl verschulden, wie ein starres Collegium zwischen verkalkten Paragraphen eines vom Leben überholten Strafgesetzes. Ablader Schrei, der in der geheimen Stube des französischen Kriegsgerichtes erstickt werden sollte und dennoch wie dur-h ein Wunder hinausdrang und so gewaltig wurde, dass ein Zittern davon durch die Welt gieng, das war ein besonder - Schrei. Der wurde nicht so sehr durch das ungerecht Urtheil wie durch das Vorurtheil herausgepresst. Jawohl, es war ein unglücklicher Mensch, der auf der Teufelsinsel litt. Aber wie viele unglückliche Menschen leiden. Das Leben ist voller Dramen, in denen Gute und Schuld b viel Ungemach erdulden müssen. Ein Urtheil und eine Str«m sind oft das Schlimmste nicht. Es gibt mehr Martern D manchem gewöhnlichen Dasein, als in den Folterkamm e des sinnreichen Spanien im Mittelalter. Die Verbanmn ’ nach einer wüsten Insel ist keineswegs das Grausamste, \ws sich unsere Einbildungskraft vorzustellen vermag. Und wenn der Dulder auf jenem fernen Eiland gestorben wäre, Ini 1 doch sein Schicksal mit seinem Tode nicht das Ea i erreicht. Denn sein Fall hatte von vornherein sozusagen 0 - Körperliche abgestreift. Es war eine abstracte Begebenle geworden. Abermals thäte man dem degradierten Hauptmam Alfred Dreyfus ein seltsames Unrecht* wenn man ihn ass tragischen Helden öder Märtyrer auffasste. Denn er kämpb nicht für eine Idee und litt für keine Ueberzeugung. Auseinen Augen angesehen, ist das Abenteuer nur ein «gemein* 5 Ünglücksfall gewesen, obwohl er darin viel Seelenstärke un i ein edles Duldertalent bewährte. Es kann nicht einmal mii Gewissheit gesagt werden, dass er sich*auf die Seite des Verfolgten geschlagen hätte, wenn einem andern Maime unter sonst übereinstimmenden Bedingungen solches widerfahren wäre. Leute, die ihn vorher gekannt hatten, pflegten

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