Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 23 (9.6.1899)
- Date
- 1899-06-09
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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Dfc m Welt 4-< Redaction * Erscheint jeden Freitag. ' ►-4 Preise der Anzeigen: und Administration: -Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern Die viermal gespaltene Petit¬ Wien an die Redaction oder Administration: Wien, IX., zeile 10 kr. IX., Türkenstrasse 9. Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. — Telephon Nr. 8805. 4-< Unfrankierte Rriefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. > Manuscripte nicht zurückgesendet. 4 >-4 RpyilÖQTirAiCP1 O esterreich-Ungarn: ganzjährig 6 fl. — \2'Kr., halbjährig 3 fl. 6 Kr. Für das Ausland: Deutsch- DUnugopiClOCi land ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 8hg., halbjährig 7 8hg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Fr cs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40 Gt. Nr. 23 Wien, 9. Juni 1899. 3. Jahrgang Neue Stimmungen. Von Max Aram. Die Antisemiten haben in der geschmackvollen Terminologie ihrer Journalistik auch ein „Wuthgeheul der Freude“. Die Juden sollen es angeblich erheben, wenn das Glück, das ihnen nach der schnoddrigen Bemerkung eines Berliner Journalisten „vom Lande Gosen bis zur Provinz Posen“ treu geblieben, ihnen wieder einmal seine kostbare Huld erwiese. Immerhin: In früheren Epochen konnte die Freude der Juden für die anderen wirklich etwas wie Aufreizendes und Erbitterndes an sich haben. Sie konnte so hässlich erscheinen wie das Lächeln befriedigter Eitelkeit auf einem unschönen Antlitze. Sie erschien ohne Haltung und Mass, ob etwa in den 99 Kaiser Friedrich-Tagen ein jüdischer Gymnasiast dem Sohne eines hohen Officiers triumphierend die Nachricht von der Entlassung Puttkammers mittheilt oder ob ein älterer jüdischer. Arzt einer Pastorsgattin gegenüber in der actenmässig zu erweisenden Falscheid- Schlechtigkeit Stöckers schwelgt. Und die liberalen Juden wurden doch zumeist durchpersönliche Unfälle der Gegner angeregt zu einem Jubel, gegen den sich z. B. die ritterliche Schonung charakteristisch abbebt, mit der der echt germanische Demokrat Franz Mehring nach Bismarcks Sturze von dem Kampfe gegen den „gefallenen Löwen“ zurücktrat. Dabei war solche Freude für den Juden stets nichts weniger als das, was Schiller „des Lebens ungemischte Freude“ nennt. In jeden auch noch so gerechten Triumph der Juden, der in der Diaspora errungen, muss sich ein Vorgeschmack der Rache mischen, die die unterlegenen Gegner noch sicher einmal nehmen würden. Wenn Dreyfus endlich freigesprochen würde, könnten die französischen Juden 'manches Ueble zu fürchten haben,' und es mag sein, dass die Gemeinsten unter ihnen, die sich so recht wohl fühlen in der Verleugnung ihres Judenthums, gar nicht anders als die Generalstäbler, es am liebsten sähen, wenn der unglückliche Gefangene der Teufelsinsel vor der Urtheilssprechung stürbe. Es gibt da merkwürdige Zusammenhänge. Wenn etwa ein portugiesischer Pair, der Jude ist, in den Grafenstand erhoben wurde, wird vielleicht der arme russische Jude, der in den portugiesischen Hafenstädten auftauchen möchte, mit umso inbrünstigerem Fanatismus angespieen, Jede kleinste Orden ausz<nung oder Standeserhöhung, die einem Juden zutheil geworden, hat doch ein entsprechendes Mass von Neid und Missgunst erweckt, und während sie der jüdischen Allgemeinheit zur Freude gereichte, hat sie bereits den Hass vorbereitet und aufgespeichert, der den Juden diese Freude wieder entreissen muss. So musste es stets eintreifen, von den üppigen turnierfrohen spanischen Jahren bis auf die Reservelieutenants-Epoche nach der Deutschen Reichsgründung, dass nach Zeiten des Ansehens . A der Auszeichnung für die Juden stets Jahre der Verfolgung kamen. Auf die sieben fetten Kühe folgten noch stets die sieben mageren. Ja, diese regelmässige Abwechslung ist ein wahrhaftiges Symbol lür das verhängnisvolle Schicksal des Judenthums in der Diaspora, und der Traum Josephs mag die erste symbolistische Traumdichtung sein. Und ferner : während die Freude über jüdische Erfolge, die auf dem Felde der „Abwehr“ lagen, wo kaum eine Blume, geschweige denn ein Lorbeer blühte, den einzelnen Juden schwerlich betraf, der Einzelne sich vielmehr gegen sie in ein ganz prwates Dasein abschloss, mag seit der Erweiterung des jüdischen Lebens durch den Zionismus jede Freude des jüdischen Volkes auch das individuelle Leben der Juden erreichen. In einzelnen tragischen Conflicten kann der Einfluss nationaler Freude auf die Stimmung des Einzelnen ganz unwirksam sein. Der Officier der Maupassant’schen Novelle, der im Kriege ein Bein verloren und nun heimgekehrt auf eine liebenswerte Braut Verzicht leistet, weil er sich selber vor dem Gestampfe seines hölzernen Beines entsetzt, wird sich schwerlich mit der Gloire nationaler Siege trösten können. Der feine, alte Herr aus Storms „Immensee“, dessen Braut, ein feines, reines Mädchen, aus kindlicher Pietät einen anderen geheiratet, würde kaum sein beklemmendes, wehes Schicksal verwinden können, auch wenn er sich in jungen Jahren nach der Einigung Deutschlands gesehnt und die Reichsgründung erlebt hätte. Aber dies sind tragische Ausnahmen. Wo das Leben in der rosigen Bahn der gesetzmäßigen Eingeschränktheit fortgeht, eingehüllt in Glück und Dämmerung, wird es gewiss berührt von jeder Veränderung des nationalen Schicksals. Und nun bedeutet doch der Beginn der Colönisationsthätigkeit wahrlich eine Erweiterung des jüdischen Lebens. Wenn