Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 „Die A Welt“ Nr. 22 „Nun ich denke doch, dass wir in letzter Zeit etwas davon zu hören bekommen haben!“ warf der Greis trocken ein.- „Und die Kirche duldet zum mindesten eine derartige verrohte Sprache!“ . „Weil man einem Kinde das Lallen nicht wehren darf, soll es einst sprechen lernen!“ fiel ihm Joseph rasch ins Wort. „Wie könnte eine Religion den Stamm verfolgen aus dem der Erlöser hervorgegangen und dem seine vornehmsten Apostel angehört! Lies die Geschichte mit Verständnis! Du wirst die Antwort auf Deine Frage darin finden! Man muss dem Volke Zeit lassen, seine Begriffe zu formen. Sieh sie Dir an — die tausend Reichen, die nicht erlahmen, dem jüdischen Capitale jede Existenzberechtigung abzusprechen — es mit ihrem Hohne und Abscheu zu verfolgen. Die grosse Unzufriedenheit hat sie erfasst — und sie stammeln die neue Lehre, die sie noch nicht zu s p rechen imstande sind. Wenn aber ihre Seele genügend erstarkt sein wird, dann werden sie ihrem Glauben gemäss handeln! Das Christenthum wird lebendig werden! Sie werden das ungerechte Geld in ihrer Tasche als brennenden Schandfleck empfinden und jauchzend die Armut umarmen. Schon beginnt sich um die goldenen Berge eine grausige Einsamkeit zu verbreiten, und in der winterlichen Kälte dort oben sehnt man sich nach der qualmenden Lampe der friedlichen Hütte. Denn es bedarf der Mensch der Liebe der Menschen wie der Luft, des Lichtes und der Wärme! Dann aber — dann wird Israel seine welthistorische, schaurige Mission erfüllt haben und man wird nicht mehr Reichthum und Elend, nicht mehr Juden und Christen, sondern nur Sittliche und Unsittliche unterscheiden! Dann wird man die Menschen gleich wie die Bäume an ihren Früchten erkennen!“ Mit wachsendem Befremden hatte Dr. David den Worten des Priesters gelauscht. Missbilligend schüttelte er den weissen Kopf und erwiderte : „Das wär e eine schöne Gerechtigkeit, eine ganze Rasse als socialpolitische Prügelknaben zu erklären!" Der Pfarrer erhob sich. „Die Söhne Israels sind das auserwählte Volk Gottes!“ entgegnete er. Der Arzt warf ihm einen prüfenden Blick zu. Gerade so wie damals, als der Neffe während seines Besuches in der Alserstrasse mit kindlichem Glauben von der Gnade Gottes gesprochen, stieg in dem alten Realisten der Verdacht auf. Joseph erlaube sich einen unpassenden Scherz. Aber das Gesicht des Pfarrers belehrte ihn ein eis besseren. Mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen stand er hocliaufgerichtet vor ihm. Es war kein Zweifel —- dieser getaufte, leidenschaftliche Jude glaubte unerschütterlich fest an die grausige Mission, die seine Phantasie Israel zuschrieb. Gleich dem Flagellanten, der den eigenen Leib unbarmherzig geisselt, war er bereit, mit dem Namen seines Volkes alles Unrecht und Schmach auf Erden zu decken. Und er fühlte sich, trotz seines orthodoxen Glaubens solidarisch mit dem Stamme, dem er entsprungen. Trotz Tonsur, Taufe und Tatar war er durch und durch Jude geblieben. Alle Bitterkeit war aus der Seele des Arztes gewichen. Mit diesem Apostel der Armut liess sich nicht rechten. Das schillernde Bild, das seine Beredsamkeit von der Zukunft entworfen, versöhnte ihn beinahe mit dem Schatten der Gegenwart. David versuchte sich die Träumereien des Neffen zu vergegenwärtigen. „Du meinst also, dass die Sehnsucht nach dem Himmel die Welt aus den Angeln zu heben und umzustimmen vermögen wird?“ fragte er zweifelnd. „Nein — nichtdie Sehnsucht nach dem Himmel!“ „Aber immerhin die Sehnsucht?“ „Ja.“ „Also die Sehnsucht nach was?“ „Nach der Gemeinschaft.“ Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. David war sehr ernst geworden. Er verstand sehr wohl, was der Pfarrer unter diesem an Weihrauch und Orgelklang erinnernden Worte meinte. „Das bedeutet den Untergang unserer Cultur!“ rief er traurig. Der Priester schüttelte den Kopf. „Nein — das bedeutet den Fortschritt!“ entgegnete er freudig, und aus seiner Stimme klang jene feste, unerschütterliche Zuversicht, mit der sein Grossvater Ruhen einst das Erscheinen eines zweiten Sonnenhalles im Osten erwartet. xin. War es der flammenden Beredsamkeit des Pfarrers von Siegling auch nicht gelungen, den festgegründeten humanistischen Freisinn David Goldschilds zu untergraben, so blieb doch die stürmische Unterredung der beiden überzeugungstreuen Männer nicht ohne Rückwirkung. Der Arzt konnte sich nicht dazu verstehen, so wenig Zusammenhang er auch mit dem religiösen Bekenntnisse des Judenthumes hatte, Israel so ohne weiteres als Prügelknaben des Jahrhunderts auszuliefern. Immerhin aber war die Basis zu einer Verständigung geboten. Die beiden Männer mieden es zwar nach wie vor zusammenzutreffen. Liess sich aber eine Begegnung nicht vermeiden, so war ihr Verkehr ungezwungener als früher. Der lange, nordische Winter war glücklich überwunden. An einem warmen Frühjahrsnachmittage sehen wir den alten Doctor, die eine Hand auf den Rücken gelegt, mit der anderen die Cigarre haltend, nachdenklich im Parke der Villa auf dem Kahlen berge lustwandeln. Hier gewann der Tod täglich, fast stündlich neues Gebiet. Das Gehirn des Baron Moritz ward immer entarteter. Das Herz Jonathans immer kränker. Die Gärtner des klugen, reichen Isak zauberten zwar rings um das byzantinische Haus einen frühen Lenz, indem sie bei grauendem Morgen die zarten Pflänzchen der Beete, die der Kälte der Nacht zum Opfer gefallen, durch neue ersetzten — aber das Geschlecht des Besitzers vermochte keine Kunst der Erde vor dem Welken zu bewahren. Ohne darauf zu achten, hatte Dr. David allmählich die ebenen gepflegten Pfade verlassen und war einem schmalen Fusswege gefolgt, der in ein kleines Gehölz zu führen versprach. Als er aber die ersten Stämme erreicht hatte, entdeckte er, dass das vermuthete Wäldchen nur aus einer geschickt gepflanzten Baumgruppe bestand, deren Zweck es war, das Landschaftsbild abzuschliessen. Hinter diesem decorativen Haine trennte eine lebende Hecke den Zierpark von dem in ganz Wien wegen der Vortrefflichkeit seiner Ware berühmten Gemüsegarten. Weite Aecker waren hierin lange, regelmässige Streifen ein ge th eilt Und mit den. seltensten und ausgesuchtesten Gemüsen bepflanzt. An diese-stiessen dann Mistbeete, die in der Flächenausdehnung ansehnlicher Getreidefelder, ihre Glasbedeckung gegen Süden ausstreckten, und an der Sonnenseite zogen sich unabsehbar lange Zäune aller erdenklichen Obstsorten hin. David war noch nie bis hierher vorgedrungen. Neugierig spähte er über den dornigen, beschnittenen Zaun. Wenige Schritte von ihm entfernt sah er eine kleine Gestalt auf dem Boden kauern und mit beiden Händchen emsig im Erdreich wühlen. Auf den ersten Blick hatte er die kleine Gertrud erkannt. Das Kind war so sehr in seine Arbeit vertieft, dass es den Späher gar nicht gewahr wurde. Längere Zeit schaute der Arzt dem emsigen Schaffen zu, ohne sich erklären zu können, was denn die . Kleine mit den vielen Erdhäufchen eigentlich bezwecke. Schliesslich bezähmte er seine Neugierde nicht länger und rief das Mädchen an. Gertrud sprang auf und näherte sich zögernd dem Zaune. Ihre Krankheit war, wie David es vorhergesehen, ebenso rasch verlaufen, wie sie heftig und urplötzlich ausgebrochen, so dass der Arzt seinen Schützling schon einige Wochen nicht mehr besucht hatte. (Fortsetzung folgt.) Buchdruckerei „Industrie44 (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11