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Die Welt · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Article
Jacob mit dem Tragatsch
Date
1899-06-02
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 „t>le Weit“ Seite 15 zu seinem alten Freunde und Gönner und näherte sich liebevoll dem Bette des Kranken. Für ihn war Jacob kein einfaches Object, sondern der Inbegriff seiner freudigen Kindheit. Jacob streckte dem Doctor dankbaren Blickes die Rechte entgegen, diese Rechte, die einst den Tragatsch mit Loisels Koffer durch alle Fährlichkeiten gesteuert hatte. Und der Doctor drückte sie mit Herzlichkeit. Nachdem er den Patienten durch freundlich aufmunternde Worte getröstet, gieng er an die Untersuchung. Er hatte Jacob peroutiert und auseultiert, hatte noch einmal Jacobs grosses Herz schlagen gehört, und bald stand es bei «ihm fest, dass der alte Freund dem Tode geweiht sei. Doch hielt er die Gefühle zurück, die ihn angesichts der Hoffnungslosigkeit des Kranken überkamen, der zu dem Doctor wie zu einem höheren Wesen aufschaute. Noch reichte ihm Doctor Loisel im Scheiden eine Flasche Bordeaux, die er ihm zur Stärkung von Wien mitgebracht hatte. Dann sagte er „Ade“ und „auf Wiedersehen“. „Auf Wiedersehen in einem besseren Leben“, enlgegnete Jacob, der sich über seinen Zustand nicht mehr täuschte, und dabei umklammerte er mit beiden Händen den Arm des Doctors; „und möchte Ihnen“, fuhr er fort „Gott die Liebe vergelten, mit der Sie mir noch meine letzten Tage versüssen.“ * * * „Hier ruht der fromme und rechtschaffene Jacob, Sohn Samuels, der sich gemüht hat mit ganzem Körper und aller Kraft, um seine Frau und seine Töchter zu ernähren. Nun ist er an dem heiligen Tage des Jahres 1888 in die ewige Ruhe eingegangen. Seine Seele sei eingeschlossen in das Bündel des ewigen Lebens. Friede seiner Asche." Auf dem Todtenacker der mährischen Landstadt, von der wir erzählt, erhebt sich nicht weit von der Friedhofsmauer, zu welcher von dem benachbarten Garten ein Nussbaum seine Zweige herniedersendet, ein grauer Denkstein. Wir stehen an dem Grabhügel? Jacobs, aus welchem Unkraut her auswuchert und über den die Ameisen kriechen ... . Es ist eine neue Begräbnisstätte, und nicht viel über hundert Leichen mag sie bergen. Friedlich, unendlich friedlich liegt sie da. Links im Hintergründe das Städtchen, aus welchem der alte Thurm herausragt, der einst schwedische Krieger gesehen. Rechts das liebliche Thal der Beczwa. An gut angebauten Feldern, die grüne und goldene Saaten tragen, längs Weiden und Wiesen, zieht sie sich hin, manchmal ungeduldig tosend. Das ist ihr unaufhörliches Sehnen, es möchte bald der Tag kommen, an welchem sie wenigstens von kleinen Schiffen befahren würde* Wenn es nur erst einmal einen Donau-Oder-Canal gibt! — Seit Decennien der fromme Wunsch so vieler biederer Mährer und Schlesier. Ich weiss nicht, ob ihn auch der gehegt hat, den hier der Rasen deckt. Er war mehr ein Mann des Landes als des Wassers, hieng mit dem ganzen Herzen an der Eisenbahn, die dort noch immer durch fruchtbares Gelände saust, von Wien gegen Krakau und von Krakau gegen Wien, ganz so wie damals, als Jacob mit dem Tragatsch zur Bahnstation fuhr. Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (50. Fortsetzung.) David Goldschild war den Worten seines Neffen mit gespanntem Interesse gefolgt. Die Schilderung des psychologischen Vorganges, wie die Theilnahme für das Elend allmählich von dieser starken muthigen Seele Besitz ergriffen, sich fast stündlich gesteigert und schliesslich jedes andere Interesse, jede andere Regung darin erstickt, hatte ihn mächtig erschüttert. Er sah klar, dass man es hier mit dem Märtyrer eines Gefühles zu thun hatte. Diese Verschmelzung des katholischen Glaubens mit dem socialen Elende hatte nichts mit dem gemein, was er unter den Worten „christlichsocial“ zu verstehen gelernt hatte. Es war eine Religion für sich. Das einfache, schlichte Christenthum, wie es aus einzelnen Sätzen des neuen Testamentes leuchtet, die mit der späteren Entwicklung der Kirche in grellem Widerspruch zu stehen scheinen. Den verletzenden Spott hatte der Arzt dem Priester gegenüber verlernt. . „Siehst Du, Hochwürdiger!“ suchte er Josephs Träume zu widerlegen, „Deine Religion krankt an der Hierarchie. Die Kirche und immer wieder die Kirche! Glaube mir, ich habe sie zur Concordatszeit kennen gelernt! Rom hat nun einmal die Tendenz, alle Macht, allen Einfluss, alles Geld an sich zu reissen!“ „Und warum nicht?“ fiel der Pfarrer ein. „Könnte man sich eine gerechte und edlere Vermittlerin denken als die internationale Kirche? Alles Talent, aller Geist müsste ihr zustimmen. Nur die Besten und Fähigsten gelangten dann zur Herrschaft. Die Ehelosigkeit ihrer Diener würde dem ^altruistischen Gedanken die Regierung sichern. Denn wer das Steuerruder führt, muss dem Schiffe rückhaltslos ergeben sein. Keine anderen Interessen als die der Allgemeinheit dürfen ihn leiten. Das einheitliche Oberhaupt würde den Völkern den ewigen Frieden sichern. Jedes Talent könnte sich in diesem grossen Rahmen frei entfalten — die Staatskunst, die Wissenschaft und der Handel. Nur kämen seine Früchte der Allgemeinheit zugute. Das erhöhte Ansehen, die Achtung mit der man ihm begegnet, würde sicherlich jedem hervorragend Talentierten als genügender Ansporn dienen — denn das wahre Genie findet seinen Lohn und seine Befriedigung nicht im äusseren Ei folge, sondern in der Bethätigung seiner Begabung!“ Dr. David horchte auf. Musste es nicht befremden, denselben Satz, fast sogar in dieselben Worte gekleidet, den Priester verkünden zu hören, die gestern der reiche Baron Isak im Speisesaal der byzantinischen Villa so leidenschaftlich vertheidigt? So grundverschieden und widersprechend die Lehensansichten dieser zwei ihren Grundsätzen gemäss streng consecpient lebenden Männer auch waren, beiden lag dieselbe These als schlagendster und triftigster Beweis ihrer Lehre zugrunde.* Der Priester sowohl, der freudig die Armut und Entbehrung ausUeberzeugung umarmt, als auch derMillionär, der unersättlich nach neuen Geldquellen suchte, sie beide erkannten nur die Arbeit als die Quelle der Freude. In gewissem Sinne bestätigte daher sogar die Ausführung Isaks die Ansichten Josephs. Aber der kluge, alte David gab sich noch nicht zufrieden. Er musste sich eingestehen, dass die Worte des Neffen nicht spurlos an sein Ohr geschlagen hatten. Ein grosser, edler Zug des Entsagens lag in seiner Lehre, der in jeder fühlenden Seele Widerhall zü finden sicher war. Umsomehr störte den Arzt der antisemitische Beigeschmack, der nun einmal am Ende des 19. Jahrhunderts allen socialen Bestrebungen anhaftet, und von dem auch die Thätigkeit des Pfarrers von Siegling nicht ganz frei war. „Und der Rassenhass!“ rief er daher ziemlich unvermittelt. ,Den Ihr nicht müde werdet anzufassen. Wie willst Du den entschuldigen? Meinst Du etwa, dass ein so sorgfältig gepflegtes Unkraut mit einem Schlage verschwinden würde, selbst wenn Dein Traum einer universellen Christengemeinde in Erfüllung gienge?“ „Der Rassenhass?“ Ein spöttisches, überlegenes Lächeln umspielte die ausdrucksvollen Lippen des Priesters. „Der Rassenhass?“ wiederholte er. „Was ist das für ein Kindermärchen! Glaubst Du denn wirklich Onkel David, dass m der Entwicklung der Menschheit krumme und gerade Nasen, * schwarze und blonde Haare eine Rolle spielen?“

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