Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- [Kommentar] / K.
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 14 „Die Welt“ Nr. Ü überzeugendes Beweismaterial beibringen, seien folgende Sätze besonders hervorgehoben: „Es ist eine unbestreitbare Thatsache, dass die Juden körperlich im Niedergange sind. ... Diese körperliche Verfassung, die der ganzen'jüdischen Rasse ein greisenhaftes Aussehen gibt, erklärt sich zur Genüge aus ihren Lebensbedingungen. Jahrtausende lange, ununterbrochene Verfolgung hat sie in eine dauernd gedrückte Stimmung versetzt . . . Man weiss aber, dass nichts auf den Organismus so störend wirkt, wie schmerzliche Affecte. Die Juden, die als freies Bauern- und Hirtenvolk in die Geschichte traten, sind gezwungen worden, sich in ein Volk von Städtern zu verwandeln. Sie hatten keine Berührung mehr mit der Scholle. Ein Volk kann sich aber auf die Dauer nicht gesund und kräftig erhalten, wenn es nicht immer wieder, wenigstens zeitweise, zum verjüngenden Acker zurückkehrt. Ohne diese Antaeuscur verfällt es unrettbar dem Siechtum.“ Wir constatieren mit Genugthming, dass die „Israelitische Rundschau“ das erste jüdische Blatt in Deutschland ist, das seine Spalten einem so warmen Verfechter unserer Ideen eröffnet. Dr. K. Bücherwelt.\ Adolf Mottek, Israels Sendung, ein Festspiel. (Verlag von Adolf Mottek. Schneidemühl.) Allegorien haben stets etwas Kaltes, Frostiges an sich, und selbst in dem Lustspiele, mit dem Göthe die Befreiung Deutschlands vom Joche Napoleons feierte, vermochte der Zauberklang Göthescher Rythmen nicht über den poetischen Mangel hinwegzutäuschen, der sich nothwendigerweise aus dem Allegorieenwesen ergab. Aber an „Festspiele“ einen rein künstlerischen Massstab anlegen zu wollen, mag unangebracht sein; es dürfte dort die Gesinnung, die Tendenz, weit mehr in Betracht kommen. Und da ist die Gesinnung des Verfassers umsomehr zu rühmen und hervorzuheben, als er doch in einer Gegend lebt, in der die zionistische Gesinnung noch so gut wie unbekannt ist, und diese hier also nicht aus der Zeitströmung, sondern aus einer reich und schön veranlagten Persönlichkeit geflossen ist. Der durchsichtig klare Gedankengang der kleinen Dichtung lässt sie als sehr geeignet erscheinen zur Aufführung in zionistischen Vereinen. M. A. Jacob mit dem Tragatsch. (Eine Figur aus einer mährischen Kleinstadt.) Von Sigmund Münz. (Schluss.) So war er in allen Dingen die goldene Mitte. Ohne jedes Vorurtheil führte er das Gepäck beider Nationalitäten auf seinem internationalen Tragatsch. Und wie sehr hätte er gewünscht, dass sein Karren ebenso interconfessionell wäre! Die zerrissenen Verhältnisse der Stadt, die nicht nur in zwei nationale, sondern auch in zwei religiöse Lager getheilt war, brachten es jedoch mit sich, dass er selten in die Lage kam, andersgläubiges Gepäck zur Bahn zu befördern. In die Mittagszeit fiel Jacobs Hauptthätigkeit. Durch die lange Strasse mit deu fast durchwegs ebenerdigen Häusern* die von beiden Seiten von Alleen* rechts von Kastanien und links von Linden, eingesäumt ist, gieng er mit seinem Karren zur Bahn. Still genug lag das Städtchen da, wenn etwa der Sonnenbrand über demselben brütete. Eine Ruine unter den Städten, um die, wie lieblich sie auch sein mag, sich nur mehr die Schlingpflanzen der Tradition ranken. Der Ort, der wenig Handel .und Verkehr hat, rühmt sich höchstens zweier Brüder, die als arme Jungen das heimatliche Nest verlassen Und auf dem Bahngeleise zvyischen Oderberg und Wien mehrere Millionen aus den Kohlenlagern von Ostrau hervorgeholt hatten. Seither ist manch armer Junge mit dem väterlichen Segen und mit der leeren Tasche in die weite Welt gezogen; aber, so guter Leute Kind er auch war, er kehrte, wie viel er auch mit der Laterne nach Gold gesucht hatte, als Schnorrer wieder heim .... Endlich wäre die Bahnstation erreicht. Das Gepäck, das Jacob auf dem Tragatsch geführt hat, wird seiner Bestimmung übergeben. Ein Bahnbediensteter nimmt es entgegen. Es wird etwa nach Wien verladen. Jacob hat von dem Eigner desselben, der den Zug nach Wien nimmt, nicht nur seinen Lohn in silberner Münze empfangen, sondern auch einen freundlichen Händedruck, Die Leute, denen er dient, unterhalten eben ein familiäres Verhältnis zu ihm, auch wenn ihr Beruf sie in die Weite geführt und ferne von dem Heimatsstädtchen ihre Zelte hat aufschlagen lassen. War nicht Jacob für sie alle, ob sie nun in Kremsier oder Teschen, in Olmütz oder Wien studierten oder in Stellungen waren, der heimatliche Engel, der ihnen, wenn sie giengen, den letzten Abschied, und wenn sie kamen, das erste Willkommen rief? Die Studentenschaft des Ortes liess sich fast insgesammt von Jacob bedienen, denn sie fühlte sich von dem Frohsinne dieses ausgezeichneten Mannes angezogen. Manchmal kam es vor, dass ein Student, wenn er die Ferien zu Hanse gemessen wollte, mit dem Nachtzuge in dem Landstädtchen eintraf. Die Angehörigen des Studiosus verständigten nun Jacob von dem unmittelbar bevorstehenden Ereignisse, und dieser nahm in tiefer Nacht mit seinem Tragatsch den Weg zu dem etwa zwanzig Minuten entfernten Bahnhofe, um seinen Schützling und dessen Gepäck zu erwarten. Der Zug fuhr ein. Jacob streckte dem Ankommenden seine breite Hand entgegen und rief ihm, wie verschlafen und übernächtig er auch war, in patriarchalischer Zutraulichkeit ein sonores „Friede sei mit Euch!“ entgegen. Und nun gieng der Gast unter Jacobs Schutze im Dunkel an den schlafenden Gärten vorbei zur Stadt, und Jacob ward nicht müde, den An gekommenen sofort in all das einzuweihen, was «ich während seiner mehrmonatlichen Abwesenheit im Orte zugetragen : Wer geboren worden und wer gestorben, wer durch Feuer und wer durch Wasser umgekommen, wer sich verlobt und wer verheiratet, wer sich von seiner Frau geschieden und wer Bankerott gemacht. Und indem er das Thatsächliche erzählte, garnierte er es mit der goldenen Reflexion seines durchaus freien und aufgeklärten Geistes ... Einer von Jacobs Lieblingen, auf den er nicht wenig stolz war, war Loisel, der jüngste Sohn des Seelsorgers. Loisel war sozusagen Jacobs Erfolg. War er es nicht, der Loisel zu dem gemacht hatte, was er geworden? Was wäre Loisel, hätte ihn nicht, so oft er auf die höhere Schule, zuzuerst nach Teschen, dann nach Kremsier und endlich nach Wien fuhr, Jacob durch die finstere Nacht von der „Gasse“ zum Bahnhofe hinausbegleitet? Jacob führte, in seinen Burnus gehüllt, den Koffer vor sich hin, in welchem Loisels Lehrbücher, Loisels Hemden, Loisels Kleider lagen. Was Loisel war, verdankte er also Jacob. Und nun hatte Loisel glücklich die Universität absolviert, hatte er seinen Doctor der Mediein gemacht » . . . Loisel hatte bereits die Praxis ln Wien abgetreten, als ihn eines Tages die Kunde traf, Jacob hätte seit einiger Zeit seiner Thätigkeit entsagen, hätte sich von seinem geliebten Tragatsch trennen müssen* der nun müssig in der Rumpelkammer ruhte, und läge schwer krank darnieder. Loisel war sofort entschlossen, den nächsten freien Sonntag zu benützen* um nach seiner Heimatsstadt aufzubrechen und den Zustand Jacobs, der ihm nach den Schilderungen, die er empfieng, kein leichter zu sein schien, aiis eigener Anschauung zu prüfen. Der Patient wurde von dem bevorstehenden Besuche des Doctors, der es, Dank auch der jeweiligen Mithilfe Jacobs, so weit gebracht, geziemend in Kenntnis gesetzt. Es war ein bitterer Augenblick für den Doctor, als er am Bahnhofe des Städtchens ankam, und nicht wie sonst von seinem Jacob begrüsst wurde. Hermann Scharfkopf war gar längst nicht mehr unter den Lebenden* und so fehlten denn beide Dioscuren, die einst freundschaftlich am Tragatsch nebeneinander gewaltet. Doctor Loisel hatte schlimme Ahnungen, Er begab sich bald nach der Ankunft